Migration ist ein Krankheitsrisiko

27. Januar 2015
Interview mit Dr. Tarik Ugur
"Migration ist ein Krankheitsrisiko"
Interview mit Dr. Tarik Ugur: "Migration ist ein Krankheitsrisiko"
Tarik Ugur arbeitet als Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie an der LVR-Klinik.

Viersen. Tarik Ugur ist neuer Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie an der LVR-Klinik in Viersen-Süchteln. Der 47-Jährige sprach mit uns über den Reiz der Psychiatrie und das Risiko einer psychischen Erkrankung bei Migranten.

Tarik Ugur ist auf die psychischen Erkrankungen von Migranten spezialisiert. Die Verbindung zwischen zwei Kulturen ist ihm mit in die Wiege gelegt worden: Seine Mutter kommt aus Westfalen, sein Vater aus der Türkei. Aufgewachsen ist der 47-Jährige im Münsterland. Seit einigen Wochen ist der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie Chefarzt der Allgemeinpsychiatrie II in der LVR-Klinik. Er sprach mit uns über seinen Jobwechsel und die Migranten-Ambulanz.

Sie haben über Jodkonzentrationen bei Schilddrüsenerkrankungen promoviert. Was hat Sie am Fachgebiet Psychiatrie gereizt?

Tarik Ugur Ich habe im Fachbereich Neurochirurgie begonnen. Bereits während des Studiums haben mich Nervenkrankheiten und mögliche Auswirkungen von Drüsenerkrankungen auf das Nervensystem interessiert. Fragen, wie Störungen von Gehirnfunktionen und Sinnestäuschungen entstehen, haben mich zum Beispiel fasziniert. In der Praxis ist der Vorteil der Psychiatrie, dass man im Gegensatz zu den somatischen Abteilungen längere Behandlungsintervalle hat, manchmal sogar Monate mit den Patienten arbeiten und sie begleiten kann.

Sehen Sie als Chefarzt denn überhaupt noch Patienten, oder sind Sie vor allem mit Verwaltung und Supervision beschäftigt?

Ugur Auf jeden Fall sehe ich Patienten. Ich lerne sie bei der Aufnahme kennen und sehe sie bei Visiten.

Warum sind Sie nach Viersen gewechselt?

Ugur Ich habe vorher über einen längeren Zeitraum eine Außenstelle der Universitätsklinik für Psychiatrie in Essen mit rund 80 Betten geleitet, die von den Behandlungsschwerpunkten her einen sehr ähnlichen Zuschnitt wie die Abteilung hier hatte. Das Spektrum der allgemein-psychiatrischen Erkrankungen reizt mich nach wie vor, und es ist auch ein Plus, dass die LVR-Klinik hier in einer so schönen Gegend liegt. Das ist nicht nur für uns, die wir hier arbeiten, angenehm, sondern das macht auch für die Patienten einen Unterschied. Wir haben zum Beispiel eine Waldgruppe, bei der die Patienten sehr gut zur Ruhe kommen.

Wie groß ist Ihre Abteilung?

Ugur Ich leite hier die Allgemeinpsychiatrie II mit zwei offenen und einer geschützten Station à 19 Betten und eine Tagesklinik in Mönchengladbach mit 20 Plätzen.

Welche Krankheitsbilder begegnen Ihnen da?

Ugur Schwerpunkte sind die Behandlung von Psychosen, also die Krankheitsbilder, die mit einer Störung des Realitätsbezugs einhergehen. Da gibt es die affektiven Erkrankungen wie Depressionen oder die bipolaren Erkrankungen. Letztere nannte man früher manisch-depressiv, weil sie phasenweise mit gehobener oder gedrückter Stimmung einhergehen. Und dann gibt es auch noch den Bereich der Angststörungen. Die Suchtkrankheiten werden schwerpunktmäßig in der Abteilung für Suchtkrankheiten und Psychotherapie behandelt und fallen bei Vorliegen von Zweifacherkrankungen in unseren Bereich.

Was weiß man heute über die Ursachen psychischer Erkrankungen?

Ugur Es gibt Menschen, deren Nervensystem für psychische Erkrankungen anfälliger ist. Man kennt inzwischen gut hundert Genorte, die ein Risiko für Psychosen bergen. Es ist eine sehr spannende Frage, wie sich die Gene auswirken und wie man einem möglichen Risiko vorbeugen kann. Organische Ursachen sind insofern schon sehr in den Blickpunkt gerückt. Man spricht in diesem Zusammenhang von der biologischen Psychiatrie. Daneben spielen auch extreme Belastungen, traumatische Erfahrungen in der Kindheit eine Rolle. Eine psychische Erkrankung kann auch später im Leben durch belastende Lebensumstände wie Todesfälle oder den Verlust wichtiger Lebensinhalte, wie dem Arbeitsplatz oder auch durch die Schädigung des Gehirns durch Alterungsprozesse entstehen. Es gibt aber auch eine Gruppe von Patienten, bei denen man keine Ursachen findet.

Was ist die größte Herausforderung an Ihrem neuen Arbeitsplatz?

Ugur Wir befinden uns gerade in der Umstellung auf ein anderes Entgeltsystem - von den tagesgleichen Pflegesätzen auf das pauschalierte Entgeltsystem, kurz PEPP genannt. Das neue Vergütungssystem soll den unterschiedlichen Aufwand medizinisch unterscheidbarer Patientengruppen abbilden. Wir müssen sehen, wie sich das auswirkt, ob dadurch Behandlungszeiten kürzer und Angebote reduziert werden. Schwierig wird es in jedem Fall bei Patienten mit hartnäckigen Krankheitsverläufen, Komplikationen und Mehrfacherkrankungen. Sie sind schlechter in ein solches System einzupassen.

Psychisch kranke Menschen haben es schwer in unserer Gesellschaft. Hat sich das im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verbessert?

Ugur Grundsätzlich geraten psychisch erkrankte Menschen leichter in die Rolle eines Stigmatisierten. Die Sozialpsychiatrie hat daran gearbeitet, dies zu verbessern. Mit dem Aufkommen der biologischen Psychiatrie waren aber medizinische Aspekte wieder mehr im Fokus. Hier in Viersen sind starke sozial-psychiatrische Behandlungsansätze lebendig, die wir mit den Fortschritten der biologischen Psychiatrie zu verbinden suchen. Psychisch Kranke haben nicht selten mit den sozialen Folgen ihrer Erkrankung zu kämpfen - am Arbeitsplatz, in der Partnerschaft, mit wirtschaftlichen Nöten und Verschuldung. Wir bemühen uns immer, auch das Umfeld anzuschauen. Wir schauen, dass wir schwierige Lebensumstände abfedern, um das Wiedererkrankungsrisiko zu senken.

Eines Ihrer Fachgebiete sind Menschen mit Migrationshintergrund. Gibt es spezielle Krankheitsbilder?

Ugur Nein, die Krankheitsbilder sind die Gleichen, etwa Schizophrenie oder Angststörung. Etwa 20 Prozent der Patienten haben einen Migrationshintergrund, was etwa die demografische Situation des Einzugsgebietes widerspiegelt. Migration und Migrationsstress sind für sich genommen schon ein Risikofaktor. Oft komplizieren Sprachbarrieren und Anpassungsprobleme den Verlauf einer psychischen Erkrankung. An der LVR-Klinik gibt es eine Migranten-Ambulanz. Der vom LVR angebotene Einsatz von Sprach- und Kulturmittlern geht über das einfache Übersetzen von Sprache hinaus und hilft dem Therapeuten, den Patienten in seinem kulturellen Zusammenhang zu verstehen. So können kulturell bedingte Wahrnehmungsunterschiede von krankheitsbedingten Wahrnehmungsveränderungen unterschieden werden. Das erhöht die diagnostische Sicherheit.

Rechnen Sie mit mehr Migranten-Patienten, weil in NRW viele Flüchtlinge ankommen? Nicht wenige dürften durch ihre Erlebnisse traumatisiert sein.

Ugur Es ist nicht so, dass Flüchtlinge derzeit unsere Ambulanz fluten. Wir sind aber auf eine möglicherweise ansteigende Nachfrage durch komplex erkrankte Menschen vorbereitet, da psychische Probleme oft erst mit einer Verzögerung zur Behandlung kommen.

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