Recovery und Resilienz

Fand schon das englische Wort Empowerment Einlass in das psychiatrische Vokabular, dann folgt nun Recovery. International betrachtet nimmt das Interesse an Recovery weltweit rasant zu. Der Begriff ist nur schwer übersetzbar. Das Wörterbuch definiert dabei »Recovery« als Erholung, Besserung, Genesung, Gesundung, Bergung,Rettung, Rückgewinnung, Wiedergewinnung, Wiederfinden.

Recovery steht für eine Entwicklung aus der beschränkten Patientenrolle heraus hin zu einem selbstbestimmten und sinnerfüllten Leben für Menschen, die schwere psychiatrische Erkrankungen in sich tragen. Daneben spielt der Aufbau von Resilienz eine große Rolle. Resilienz steht für die Kräfte des Widerstandes und die konstruktive Anpassung an problematische Situationen. Gemeint sind die Energien, die vom Betroffenen mobilisiert werden, um sich vor demoralisierender Resignation und Selbststigmatisierung zu schützen. Es handelt sich also um einen immanent wichtigen Vorgang im Heilungsprozess.

Zwar sind professionelle Hilfen für den Recovery-Prozess wichtig. Doch greifen sie oft wesentliche Chancen erst gar nicht auf oder behindern sogar die Bemühungen des Betroffenen um Genesung.

Die Nutzer psychiatrischer Hilfen erzählen ihre Geschichten inzwischen nicht nur, sondern schreiben sie auch auf und ordnen sie. Damit werden ihre kostbaren Erfahrungen und Erkenntnisse, also ihr Erfahrungswissen, nun allgemein zugänglich. Die Fachwelt hat rasch auf diesen Wandel reagiert und die Konzepte des Recovery aufgegriffen, in der Praxis und der Forschung integriert. Die geforderten recoveryorientierten Hilfen wurden entwickelt und neue Forschungsmethoden gesucht und inzwischen auch erprobt. Dabei wurden Kriterien für Remission und Recovery definiert, die darin resultieren, dass die Erawrtungen höher angesetzt und neue Formen der Unterstützung entwickelt werden. Diese sind wiederum daran zu messen, wie sehr sie die Resilienz und die Gesundheit eines Menschen mit schwerer psychiatrischer Erkrankung stärken.

Die Weltgesellschaft für Psychiatrie (WPA) veröffentlicht mit einer "Psychiatrie für die Person" ein Programm, welches die Person in ihrer Gesamtheit sieht und sie in ihrem individuellen Kontext ins Zentrum aller diagnostischen und therapeutischen Bemühungen rückt. Die Defizite der aktuellen Krankenversorgung versucht man mit Gesundheitsförderung und Integration von sozialen und Gesundheitsleistungen auf allen Gebieten der Medizin zu begegnen. Die Integration hat die Überwindung der Fragmentierung zum Ziel. Dabei geht es nicht nur um die Finanzierung und Organisation der Versorgung, sondern gerade um die gesamte Person des Kranken mit seinen Hoffnungen, Plänen und Ressourcen. Die krankheitsorientierte Behandlung erhält also eine integrative Perspektive von psychischer Gesundheit und Krankheit und reduziert gleichzeitig die alles beherrschende Skepsis bezüglich einer möglichen Genesung.

Nun mag sich die Frage stellen, ob die Hoffnung, die der Recovery zugrundeliegt, nun auch gerechtfertigt ist. Hier lohnt der Blick auf die wissenschaftlich erfassten Daten zu Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten bei schweren psychiatrischen Erkrankungen. Dem erhobenen Material ist zu entnehmen, dass es keinen großen Sinn macht, sich von einer Diagnose zu einer ungünstigen Prognose verleiten zu lassen. Alle psychiatrischen Erkrankungen verlaufen höchst unterschiedlich; deshalb ist es nicht gerechtfertigt, von vornherein das Schlimmste anzunehmen. Auch wenn eine Krankheitsepisode gerade schwierig ausfällt in ihrer Bewältigung, so rechtfertigt das nicht eine Prognose für die weitere Zukunft. Saloppe Formulierungen wie "Sie sind zu krank für eine Gesprächstherapie" oder "Ihren Beruf werden Sie nicht mehr ausüben können" sind nicht mehr salonfähig. Natürlich sind allzu optimistische Vorhersagen wie "Alles wird so werden wie früher" ebenso unangebracht wie vorwiegend negative wie "Sie wird es nie lernen, auf eigenen Füßen zu stehen". Solche Prognosen sind nicht nur falsch, sondern gefährden auch die Betroffenen mit ihrer zerstörerischen Kraft. So sind erschütterte Lebensträume Katastrophen, die nur stören, wenn man gerade dabei ist, eine psychiatrische Erkrankung durchzustehen. Da ist es schon besser, auf neue Entwicklungsmöglichkeiten, Hoffnungen und Auswege zu verweisen.

Selbiges wie oben gilt auch für Vorurteile und Traditionen. Es kann viel Zeit in Anspruch nehmen, bis neue Tatsachen akzeptiert werden und sich Grundhaltungen verändern. Doch können Pradigmen auch schnell kippen und dies wird hoffentlich für das Recovery-Konzept der Fall sein. Es ist inzwischen längst an der Zeit, das Stigma der Unbeeinflussbarkeit und Unheilbarkeit zu überwinden.

Besonders der englischsprachige Raum ist hochaktiv in Sachen Recovery, während sich die deutsche Literatur nur zaghaft des neuen Gedankens annimmt.

Die Forschung in Sachen Recovery findet meist im Zusammenspiel zwischen Profis und Betroffenen statt. Oft sind die Forscher selbst beides in einer Person und bringen ihre eigenen Erfahrungen mit psychiatrischer Erkrankung und Behandlung Behandlung ein. Die Betroffenen agieren als Kliniker, Berater, Ausbilder und bringen sich sogar in eigenständigen Einrichtungen und Projekten ein. Die englischsprachigen Regierungen haben inzwischen begonnen, die Recovery-Orientierung in den Richtlinien der Gesundheitspolitik zu verankern. Dabei geht es jedoch nicht nur darum, die Effizienz bestehender Versorgungsangebote und Forschungsvorhaben zu maximieren und neue Initiativen und Konzepte zu fördern, sondern auch um die Einsparung von Geldern.

Der vorliegende Text möchte nun die wesentlichen Konzepte und Daten herausarbeiten, die das Recovery-Konzept und die Evidenz der Resilienz ausmachen.

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