Die sich abzeichnende Wende durch Recovery

In der französischen Revolution kam es zur "Befreiung der psychisch Kranken von den Ketten". Dabei spielten Philippe Pinel und andere Ärzte eine gewichtige Rolle. Danach erst kümmerte sich die Medizin um die psychisch Kranken und das Schicksal der Betroffenen nahm eine neue Wendung. Bis dahin sind sie von der Gesellschaft einfach nur weggesperrt und in Ketten gelegt worden wie alle anderen, die nichts beitrugen zum Produktionsprozess, weil sie dies nicht wollten oder konnten. Die Krankenhäuser nahmen nun die Kranken auf und heutzutage ersetzen die Therapien die Ketten. Wobei die Therapien sich erst 150 Jahre später entwickelten. Inzwischen ist die moderne Psychiatrie stolz auf ein breites therapeutisches Instrumentarium und darauf, dass gemeindenahe Dienste und Einrichtungen die psychiatrische Klinik ergänzen oder sogar ersetzen.

Trotz der vielen Fortschritte bleibt jedoch ein gewisses Unbehagen. Noch heute gibt es moderne Ketten für Menschen, die mit der Psychiatrie in Kontakt kommen. Stigmatisierung und Diskriminierung berauben die Betroffenen der Lebenschancen und nehmen ihnen Freiheitsgrade. Zudem werden Zwangsmaßnahmen, die nur in wenigen Fällen nötig sind, oft nicht mit dem erforderlichen Respekt vor der Würde des Menschen praktiziert. Und am schwerwiegendsten ist die Hoffnungslosigkeit, die oft von außen postuliert und von innen erlebt wird.

Das Unbehagen läutete in den siebziger Jahren eine neue Wende ein. Zunächst regten sich die Angehörigen und meldeten sich öffentlich zu Wort und inzwischen etablierten sich auch die Betroffenen selbst als aktive und treibende Kraft. Ausgehend von Forderung "Nicht nur Symptombekämpfung, sondern auch Lebensqualität" wurden Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstgestaltung wichtige Ziele der immer stärker werdenden Selbsthilfebewegung. Empowerment und Recovery stehen dabei symbolisch für die optimistische, lösungsorientierte Sicht der Dinge.

Gerade die Recovery-Bewegung zeigt auf, wie kompetent und erfindungsreich die Betroffenen agieren, indem sie neue Konzepte und praktische Vorschläge vorlegen, die viele neue Chancen in sich tragen. Zugleich fordert die Recovery-Bewegung auch die Psychiatrie heraus, weil sie an deren Grundfesten rüttelt. So erinnern die Aktivisten daran, dass die meisten in den Diagnosehandbüchern definierten psychischen Krankheiten keine natürlichen Einheiten darstellen wie etwa die Diabetes. Daraus ergibt sich, dass treffsichere Prognosen nur sehr schwer erstellt werden können.

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