Crystal Meth ist Mainstream ("Tatort"-Kritikerspiegel)

"Tatort"-Kritikerspiegel
Crystal Meth ist Mainstream
"Tatort"-Kritikerspiegel: Crystal Meth ist Mainstream
© NDR/Christine Schröder

In Kiel verfallen Jugendliche, Polizisten und Geschäftsleute dem Sog von Crystal Meth. Wird daraus ein Spitzen-"Tatort"? Unsere Kritiker haben eine klare Empfehlung.
25. Januar 2015
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Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Dieser Tatort zeigt die unterschiedlichen Milieus, in denen Crystal Meth konsumiert wird, von Disco-Kids bis zu Dorfbewohnern – und verzichtet auf den Wink mit dem pädagogischen Zaunpfahl. Entfesselte Rauschszenen wie diese hat man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen.

Lars-Christian Daniels: Klirrende Kälte, finstere Wälder, verschrobene Verdächtige und brutale Axtmorde: Sie stehen auf Skandinavien-Krimis? Bitteschön. Wir liefern Ihnen zudem noch einen Schuss Breaking Bad und Trainspotting frei Haus.
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Nikolaus von Festenberg: Drehbuchautor Rolf Bassedow gelingt es, den Breaking-Bad-Schrecken um die Droge Chrystal Meth ins norddeutsche Tatort-Format zu übersetzen. Ohne Mystifizierung und theatralischen Donner bleibt das Erschrecken über die relativ neue Droge – dank geschickt gewählter filmischer Metaphern.

Kirstin Lopau: Keine Macht den Drogen. Wenn der Verfall dieser jungen Menschen kein Beweis dafür ist, dann weiß ich auch nicht.
Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte

Lars-Christian Daniels: Borowski: 9 Punkte; Brandt: 7 Punkte
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Nikolaus von Festenberg: Borowski: 8 Punkte; Brandt: 7 Punkte

Kirstin Lopau: Ein spezieller Borowski (Axel Milberg), diesmal nicht ganz so unerträglich selbstverliebt, bekommt 5 Punkte. Sarah Brandt (Sibel Kekilli), wie immer eher farblos und nur an einer Stelle sympathisch ("Herr Borowski, ich finde das nicht gut."): 4 Punkte
Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die junge Protagonistin (grandios: Elisa Schlott) raucht zum ersten Mal Crystal Meth und verfällt einem euphorischen Aktionismus. 24-Hour-Party-People – der Zuschauer bekommt eine Ahnung von der verführerischen Kraft dieser zerstörerischen Substanz.
Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Nikolaus von Festenberg, Jahrgang 1946, 30 Jahre beim Spiegel, Juror bei Grimme, immer noch unermüdlicher TV-Gucker und Kritiker für den Tagesspiegel.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Lars-Christian Daniels: So ziemlich jede mit der großartig aufspielenden Elisa Schlott, die facettenreich zwischen verzweifeltem Druffi, liebevoller Schwester, lüsternem Party-Girl und nach Halt suchender Heranwachsender hin- und herwechselt. Stark!

Nikolaus von Festenberg: Wie Borowski beim Verhör der drogenabhängigen Hauptzeugin ins Nachdenken über seine eigene Tochter gerät, zu der er seit Langem den Kontakt verloren hat. Ein Moment zarter Trauer inmitten harter Polizeiarbeit.

Kirstin Lopau: Von Anfang an überzeugend und sehr eindringlich gespielt hat die junge Elisa Schlott, die Freundin des Opfers. Chapeau vor dieser Leistung! Ansonsten gefiel mir die Szene in einem kleinen fiktiven Dorf bei Kiel, angelehnt an eine Bierwerbung und nicht minder witzig. Sarah Brandt fragt: "Zum Fluss?" Einwohner: "Zurück." Da ist doch alles gesagt! Dabei sind wir Fischköppe gar nicht so. Ansonsten resultiert die gute Bewertung mit Sicherheit aus Lokalpatriotismus, schließlich wurde in meiner Stammdisko aus der Studentenzeit gedreht: der "Hinterhof" lebt! Einer der Polizisten wurde außerdem von Marius Borghoff, Ensemblemitglied des Kieler Schauspielhauses, gespielt. Das macht doch den Tatort aus: Orte und Leute wiederzuerkennen!
Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Kommissar Borowski nimmt sich des Drogenmädchens an und wird natürlich sofort an die eigene Tochter erinnert – die ihn allerdings die letzten zehn Folgen lang kein bisschen interessiert hat. Der einzige rührselige Ausfall in diesem rigoros genauen Drogen-Trip.

Lars-Christian Daniels: Die Überführung des Dorfbullen, der wie alle anderen Einwohner bis zum Hals im Drogensumpf steckt und reumütig Besserung gelobt. Platte Figuren und dörfliche Mikrokosmen passen doch viel besser zur NDR-Kollegin Charlotte Lindholm.

Nikolaus von Festenberg: Wenn Borowski und ein männlicher Kollege ein Hühnchen genussvoll verspeisen und im Kochshow-Sprech über den gebratenen Vogel schwärmen. Nicht nur Kommissarin Brandt (Kekilli) setzt sich nicht mit an den Tisch. Der Zuschauer würde sich auch am liebsten abwenden.

Kirstin Lopau: Borowski imitiert den Balzruf einer Saatkrähe. (Warum nur?)

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