Warum Selbsthilfe beim Pokern nicht immer funktioniert

25.01.15

Warum Selbsthilfe beim Pokern nicht immer funktioniert

Kann man auch zu viel abseits der Tische an seinem Spiel arbeiten? Wir beschäftigen uns mit dem Phänomen der 'Sucht nach Selbsthilfe'.
Self-help books

Neben Poker interessiere ich mich vor allem für den Bereich der Selbsthilfe. Da ist zum einen natürlich PokerStrategy, wo man sein Pokerspiel verbessern kann. Aber auch meine Arbeit mit dem Mental Game Coach Jared Tendler hat viel mit Selbsthilfe zu tun. Und schließlich lese ich in meiner Freizeit gerne Bücher über Selbsthilfe. Ich habe also eine enge Verbindung zu diesem Thema.

Ich bin davon überzeugt, dass die größtmögliche Investition, die man tätigen kann, die in sich selbst ist. Wenn man Zeit damit verbringt, sich in einem bestimmten Bereich selbst zu verbessern, egal ob es um das Erlernen einer neuen Fähigkeit geht oder die Verbesserung der eigenen Fitness, dann verbessert man für immer seine Erwartungen im und an das Leben. Das kann einem niemand wieder nehmen.

Es gibt jedoch auch Grenzen für das Prinzip der Selbsthilfe. Ich glaube, dass diese Grenzen besonders beim Pokern sichtbar werden, bei einem Spiel, in dem viele Spieler Probleme damit haben, ihr Spiel zu verbessern.
Es gibt keine Wunderwaffe
No magic bullets

Nicht wirklich überraschend wird für die meisten sein, dass invielen Fällen das größte Problem bei der Verbesserung von Fähigkeiten eine zu hohe Erwartungshaltung ist. Entweder man erwartet von sich, etwas schneller umzusetzen, als es möglich ist, oder man ist auf der Suche nach einer Abkürzung, einer Wunderwaffe auf dem Weg zum Ziel. Im Englischen nennt man dies 'Magic Bullet'.

Schuld hieran ist zumindest zum Teil auch die Marketingstrategie vieler Unternehmer, die viel zu viel versprechen. Jeder, der ein Produkt aus dem Bereich der Selbsthilfe vertreibt, ist in der Regel erfolgreich (zumindest gibt er es vor). Im Bereich Poker ist es meistens ein professioneller Spieler. Die Folge davon ist, dass wir oftmals unterschätzen, wie viel Zeit neben dem Lesen des Materials wirklich notwendig ist.

In Wahrheit gibt es jedoch keine Wunderwaffe, keine Magic Bullet. Das ist aber eine gute Sache. Wenn es jeder könnte, dann wäre es nichts Besonderes mehr. Faulheit ist in der heutigen Gesellschaft ein großes Problem. Wenn man jedoch bereit ist, die Zeit und Arbeit in ein Projekt zu investieren, die andere nicht aufbringen wollen, dann wird man sich am Ende selbst belohnen.

Im Bezug auf das Pokerspiel gibt es einen weiteren sehr wichtigen Faktor bei der Selbsthilfe. Die Varianz spielt eine sehr große Rolle im Spiel und gleichzeitig kann sie die Wahrnehmung unseres Lernfortschritts enorm verzerren. Wir können Fehler machen und trotzdem gewinnen, wir können aber auch alles richtig machen und trotzdem verlieren. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass es abseits der nackten Ergebnisse unseres Pokerspiels weitere Faktoren gibt, mit denen wir unseren Lernfortschritt messen können. Kennen wir diese Faktoren nicht, machen wir die selben Dinge immer wieder falsch.
Die Sucht nach Selbsthilfe
Online addiction

Ich glaube, dass es ein weiteres Problem beim Umgang mit Selbsthilfematerial gibt, über das kaum gesprochen wird. Man kann tatsächlich süchtig nach diesem Material werden. Nutzt man es in zu hohem Maße, führt dies zu Prokrastination.

Ich kenne viele Menschen, mir ging es zeitweise ähnlich, die jedes Buch über Selbsthilfe lesen, jedes Coaching besuchen, jeden Blog lesen, an jedem Webinar teilnehmen und buchstäblich so viel Material verschlingen wie möglich. Ihr Problem dabei ist jedoch: Sie verwenden zu viel Zeit bei der Verarbeitung des Materials und haben so nicht mehr ausreichend Zeit, die Inhalte auch umzusetzen.

Wenn man Selbsthilfematerial liest, dann werden hierbei meiner Erfahrung nach ähnliche Prozesse im Gehirn ausgelöst, die man auch spürt, wenn man sich für etwas belohnt. So gerät man in die Gefahr, sich selbst etwas vorzumachen und zu denken, es gebe Fortschritt. In Wahrheit aber frönen wir einer Sucht, die uns davon abhält, echte Fortschritte zu machen. Hier gibt es viele Gemeinsamkeiten mit der allgemeinen Abhängigkeit von vielen bei der Benutzung von (sozialen) Online-Medien.
Passiver Konsum
Online overwhelm

Dieses Problem hängt eng mit dem digitalen Zeitalter zusammen, in dem es unglaublich viele Informationen umsonst gibt. So wird es nicht nur unglaublich schwer, qualitativ hochwertiges Material zu finden. Es fördert auch die Vorstellung, dass es das Ziel sein muss möglichst alles gelesen zu haben, anstelle die wirklich guten Inhalte zu finden und sich mit diesen dann tiefgründig auseinanderzusetzen.

Aus diesem Grund zahle ich mittlerweile lieber für mein Selbsthilfematerial, anstatt mich stundenlang durch den gesamten kostenlosen Stoff wühlen zu müssen. In der Regel, wenn auch nicht immer, ist kostenpflichtiger Content besser. Der Hauptgrund dafür, warum es mir nichts ausmacht, für ihn zu zahlen, ist aber folgender: Wenn man eine finanzielle Investition in Material tätigt, dann nimmt man es anschließend ernster. Man setzt sich intensiver damit auseinander, weil man sein Geld so sinnvoll wie möglich ausgegeben haben will.

Selbsthilfematerial ist unheimlich wichtig und wertvoll. Ich glaube sogar, dass es für jeden, der in einem bestimmten Bereich der Konkurrenz etwas voraus sein will, ein absolutes Muss ist. Das Ergebnis kann jedoch nur so gut werden wie die Arbeit es war, die man vorher investiert hat. Ein großes Problem ist meiner Meinung nach zudem, dass wir unser Lernmaterial viel zu passiv nutzen. Es ist wichtig, Zeit und Geld in das Selbsthilfematerial zu investieren. Wir müssen aber auch sicherstellen, dass wir aktiv damit umgehen und immer wieder unsere Fortschritte bewerten, bevor wir mit dem Prozess von vorn beginnen.

Wie geht ihr das Lernen im Bezug auf Poker, aber auch allgemein, an? Lest ihr außerhalb von Poker viel Selbsthilfematerial? Wir sind auf eure Erfahrungen gespannt.
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