Crystal Meth macht extrem psychisch abhängig

25.01.2015
"Crystal Meth macht extrem psychisch abhängig"

Bei dem Mordopfer im Tatort handelt es sich um Mike (Joel Basman). Zusammen mit seiner Freundin Rita (Elisa Schlott) gehört er zu einer Clique, die Crystal Meth konsumiert.

Im neuen NDR Tatort "Borowski und der Himmel über Kiel" dreht sich alles um die Droge Crystal Meth. Das Erste zeigt den Krimi von Regisseur Christian Schwochow mit dem Ermittler-Duo Axel Milberg und Sibel Kekilli heute um 20.15 Uhr. Direkt im Anschluss gibt es auf tatort.de und n-joy.de einen Videochat zum Thema. Auch Sascha Milin, Mitarbeiter am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) in Hamburg, stellt sich den Fragen. Er erarbeitete eine bundesweite Studie über Crystal-Meth-Konsum. NDR.de hat mit Milin über die gefährliche Droge und den Tatort gesprochen.

Im neuen Kieler Tatort geht es um Crystal Meth - was macht es so gefährlich?
Der Hamburger Suchtforscher Sascha Milin. © NDR Fotograf: Heiko Block
Suchtforscher Sascha Milin hat in einer Studie erstmals die Konsumentenszene in Deutschland umfassend beschrieben.

Sascha Milin: Bei Crystal Meth handelt es sich um eine harte Droge mit einer extrem starken und lang anhaltenden Wirkung. Es ist mit Partydrogen, deren akute Wirkung meist einen Abend lang anhält, nicht zu vergleichen. Der Konsum von Crystal Meth beschäftigt einen Konsumenten oft bis zu drei Tage lang.

Was für Auswirkungen hat die Droge?

Milin: Anfänglich treten psychische Symptome auf, etwa Wahrnehmungsstörungen oder psychose-ähnliche Zustände. Typisch sind auch plötzliche Angstattacken. Therapeuten und Konsumenten berichten vom Verlust der emotionalen Kompetenz. Leute, die länger Crystal Meth genommen haben, haben manchmal Schwierigkeiten, Gefühle von anderen Menschen wahrzunehmen - oder deuten sie falsch.

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Wo kommt Crystal Meth her?

Crystal Meth ist keine gewöhnliche Partydroge. Die feinen Kristalle kommen meist aus illegalen Laboren in Tschechien und werden dort auf Grenzmärkten verkauft.
"Crystal Meth schädigt alle Organe"

Und was sind die körperlichen Folgen?

Milin: Wir haben es mit einem extrem hochdosierten Produkt zu tun. Es schädigt alle Organe und besonders das Herz-Kreislaufsystem. Wenn Menschen an einer Überdosis sterben, ist die Todesursache häufig Herzversagen - oder auch ein Lungen- oder Hirnödem. Crystal verursacht auch schwere Zahnschädigungen. Zudem schädigt die Droge auch Strukturen im Gehirn. Es lässt sich nach jahrelangem Konsum nicht alles wieder herstellen, was an Nervenschäden entstanden ist. Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Konzentrationsfähigkeit gehen teilweise nach langer Abstinenz und geeigneter Therapie wieder zurück.

Jetzt haben Sie viel von den negativen Auswirkungen erzählt. Aber warum nehmen Menschen Crystal? Was erhoffen sie sich?

Milin: Diejenigen, die Gefallen an der heftigen Wirkung finden, nehmen es vor allem wegen der Euphorie, die anfangs auftritt. Es bewirkt eine extreme Steigerung des Selbstwertgefühls - man fühlt sich gottgleich. Man glaubt, dass man alles tun könnte, was man sich wünscht. Besonders reizvoll ist es für Menschen, die schüchtern sind. Plötzlich können sie Leute in der Disco ansprechen. Wir haben aber auch viele alleinerziehende Mütter kennengelernt, die überfordert waren mit dem Alltag - und deshalb Crystal genommen haben.

Häufig wird die Droge auch als leistungssteigernd beschrieben. Stimmt das?

Milin: Man muss hinterfragen, was Leute mit "Leistungssteigerung" überhaupt meinen. Junge Konsumenten gehen davon aus, dass es selbstverständlich sein muss, das komplette Wochenende durchzufeiern und dann am nächsten Tag wieder fit und leistungsfähig in der Schule oder auf der Arbeit zu erscheinen. Das hält natürlich auf Dauer keiner durch. Tatsächliche Leistungssteigerung ist höchstens dann kurzfristig möglich, wenn es um sehr einfache und sich wiederholende Tätigkeiten geht - und um die Motivation, möglichst lange durchzuhalten. Langweilige Tätigkeiten werden dadurch sogar faszinierend. Anspruchsvolle Tätigkeiten können oft gar nicht mehr bewältigt werden.
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Regisseur Christian Schwochow erzählt im Interview von den Herausforderungen, einen Tatort zum Thema Crystal-Meth-Abhängigkeit zu machen. Video (10:11 min)

Kann man denn sagen, dass Crystal Meth im Vergleich zu anderen Drogen schneller abhängig macht? Ist der Entzug schwierig? Wie hoch ist die Rückfallquote?

Milin: In Deutschland wurde Crystal lange unterschätzt. Es macht zwar nicht körperlich abhängig - aber die psychische Abhängigkeit ist immens hoch. Es gibt Berichte aus Therapiezentren, dass eine auffällig hohe Zahl von Leuten, die zur Entgiftung kommen, nach drei Tagen wieder abbrechen. Das Risiko, einen Rückfall zu erleiden, ist hoch. Das passiert leicht, wenn man in Krisensituationen kommt. Dann erinnert man sich an die Wirkung und nimmt es wieder.

Was waren eigentlich Auslöser und Ziel der Studie?

Milin: Das Bundesministerium für Gesundheit hatte einen erhöhten Konsum von Stimulanzien festgestellt und deshalb eine Studie ausgeschrieben. Wir sollten untersuchen, wer eigentlich Amphetamin und Methamphetamin konsumiert - mit dem Ziel, präventive Maßnahmen entwickeln zu können. 2013 ist man noch davon ausgegangen, dass Crystal Meth eine reine Partydroge ist. Dass es unterschiedliche Gruppen gibt, war damals noch nicht klar. Wir haben sieben Zielgruppen erarbeitet. Es gibt auch Konsumenten, die man mehreren Gruppen zuordnen kann. Wichtig ist: Im Freizeitbereich geht es bei den meisten los. Zusätzlich muss man auch diejenigen beachten, die vorher schon psychische Auffälligkeiten oder Depressionen hatten und versuchen, diese mit Crystal zu behandeln. Diesen Leuten muss man Behandlungen anbieten.
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Schauspielerin Elisa Schlott erzählt, wie sie sich auf die Darstellung einer Crystal-Meth-Abhängigen im Kieler Tatort vorbereitet hat und welchen Herausforderungen sie gegenüberstand. Video (07:48 min)

Welches Fazit können Sie ziehen? Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Milin: Es ist wichtig, das Thema sprachlich glaubwürdig und sachlich richtig zu vermitteln. Oft werden Dinge vereinfacht dargestellt, um abzuschrecken. Aber Menschen, die Drogen konsumieren, sind sehr sensibel. Es wird Glaubwürdigkeit verschenkt, wenn man zum Beispiel entstellte Gesichter von Abhängigen in den Vordergrund rückt. Darüber lachen Konsumenten eher, als dass sie das ernst nehmen. Wichtig ist, die unterschiedlichen Zielgruppen zu verstehen.

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