Selbstzerstörung - Crystal Meth überschwemmt die Drogenszene

Selbstzerstörung - Crystal Meth überschwemmt die Drogenszene

In der B.Z. erzählt ein Abhängiger, wie die Droge sein Leben zerstörte. Christof R. (37) wurde als 17-Jähriger in der Frühstückspause mit Meth angefixt.
23. Januar 2015

Die Zähne verfault, die Haare ausgefallen, eitrige Ausschläge auf der Haut. So sah Christof R. (37) in seinen schlimmsten Zeiten aus. „Crystal Meth hat mich fast umgebracht“, sagt er. Jetzt macht der gelernte Koch in der Fontane-Klinik Motzen, einer Spezialklinik für Abhängigkeitserkrankungen, eine Therapie. „Es ist eine hinterlistige Droge, die dir vorgaukelt, dass du alles schaffen kannst.“

Crystal (auch Methamphetamin), eine der gefährlichsten Drogen der Welt, überschwemmt den Berliner Markt (siehe unten). „Sie macht sehr schnell süchtig und führt rasch zum geistigen und körperlichen Verfall“, sagt Olaf Schremm, Leiter des LKA-Rauschgiftdezernats.

Christof R. wurde mit 17 Jahren von einem Kollegen in der Frühstückspause angefixt: „Wenn du das hier nimmst, bist du fit.“ „Als ich es auf dem Klo schnupfte, fühlte ich ein gigantisches Selbstbewusstsein.“ Alle Ängste des Einzelgängers waren wie weggeblasen. Doch dem Glücksgefühl des ersten Rausches jagte er nur noch hinterher – er erlebte ihn nie wieder. Die Droge schien Grenzen von Raum, Zeit und körperlichen Beschränkungen außer Kraft zu setzen. Die Wirkung von 0,1 Gramm hielt bis zu 36 Stunden an: Doppelschichten im Restaurant, Tanzen in Clubs bis morgens 6 Uhr, danach „Runterrauchen mit Cannabis“ und wieder zur Arbeit.

„Crystal hat eine extreme Wirksamkeit, zehnfach höher als andere Amphetamine“, sagt Dr. Klaus von Ploetz, Chefarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der Fontane-Klinik. „Nach dem Hype kommt der Abfall in ein depressives Loch.“ Deshalb müsse der Konsum ständig gesteigert werden. Christof R. spritzte schließlich drei Gramm pro Tag.

Er wurde schnell aggressiv, demolierte die Wohnungseinrichtung. „Ich litt unter Verfolgungswahn, ging kaum noch aus dem Haus.“ Er nahm von 82 auf 59 Kilo ab, verlor seinen Job, steckte sich durch infizierte Spritzen mit Hepatitis C an, nahm Morphium gegen die Schmerzen. Dutzende Entzüge folgten.

Mit der sechsmonatigen Therapie in der Fontane-Klinik wird er es schaffen, denkt Christof R.: „Die Gespräche hier haben mir die Augen geöffnet. Ich weiß jetzt, dass ich nicht mehr zu meiner Frau zurückgehen darf, mit der ich 16 Jahre lang eine On-off-Beziehung führte.“ Er will als Informatiker beruflich neu durchstarten. Psychiater von Ploetz ist stolz: „Vierzig Prozent unserer Patienten können wir in den Erwerbsprozess zurückführen.“
Sichergestellte Menge stieg in Berlin um 325 Prozent

Laut Bundesdrogenbericht 2014 stieg die Zahl der Erstkonsumenten in Berlin innerhalb eines Jahres um sieben Prozent auf 569, die Menge des sichergestellten Stoffes um 325 Prozent auf 0,7 Kilo an. Mit 15 bis 70 Euro pro Gramm (reicht für zehn Einheiten) ist Crystal vergleichsweise billig (Kokain: 80 Euro).

In Labors in Tschechien wird die Droge (Foto) produziert, von vietnamesischen Händlern importiert, Personen aus Dresden und Leipzig seien Zwischenhändler.

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