Recovery und eine Psychiatrie für die Person

Der Begriff "Recovery" entstammt der Rehabilitation und kam in den neunziger Jahren auf.Bis dahin zeichnete sich professionelles Vorgehen aus durch die einseitige Beschäftigung mit der Krankheit und der Verbesserung der Funktionstüchtigkeit. Die Profis stellten dann fest, dass ihr professionelles Bemühen ein neues Ziel haben sollte: In Zusammenarbeit mit dem gesamten Individuum die Ganzheit der Person zu berücksichtigen. Die Person an sich ist schließlich Eigentümerin ihrer einzigartigen Geschichte und Werte, welche ihr ein spezifisches Spektrum von Potenzialen verleiht. Dieser Wandel in der professionellen Denkweise führte nicht nur zu größerer therapeutischen Effektivität, sondern erfüllt auch besser die ethischen Erfordernisse. Im Lauf der Jahre etablierte sich das Modell der Recovery im gesamten klinischen Bereich und derzeit erleben wir, wie sich die neuen Gedanken entfalten und entwickeln.

Ja, sogar die Politik der verschiedenen Länder ist von der Recovery-Bewegung erfasst worden. Davon zeugt eine ganze Reihe politischer Dokumente. So forderte die psychiatrische Kommission des amerikanischen Präsidenten 2003 eine drastische Umorganisation des Gesundheitswesens ganz im Sinne des Begehrens der Nutzer und Kommunen. Dabei geht es um die Beachtung von Minderheiten, die Integration von Versorgungsangeboten und die Entwicklung einer breit angelegten Forschung, die dann auch zur Anwendung kommen soll. 2003 fand auch in Montpellier die Konferenz der Psychiatrieplanung statt. Hier wurde betont, dass die Beziehung zwischen Patienten und Klinikern sehr bedeutsam sei für den Genesungsprozess. 2005 fand in Helsinki eine von der Weltgesundheitsorganisation einberufene europäische Ministerkonfenernz statt, die sich mit psychischer Gesundheit beschäftigte. Die Teilnehmer wiesen darauf hin, dass seelische Gesundheit eine hohe Bedeutung hat für die jeweilige Bevölkerung und dass Empowerment der einzelnen Menschen und die patientenzentrierte Integration von Versorgungsangeboten sehr wichtig seien.

Diese neuen Konzepte und politischen Entwicklungen stimmen im Übrigen überein mit den Forderungen antiker Zivilisationen. So ist der Sanskrit die Mutter der indoeuropäischen Sprachen und darin steht der Begriff "Gesundheit" für Vollständigkeit oder Ganzheit. Auch Hippokrates postulierte schon: Wenn dem Ganzen nicht wohl ist, dann kann es auch dem Teil nicht wohl sein.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends fand in der Weltgesellschaft für Psychiatrie (WPA) ein Umbruch statt. Zusammen mit der WHO erarbeitete die WPA ein neues Verständnis der Diagnostik und klinischen Arbeit. Zu den Vorschlägen gehört beispielsweise das personenzentrierte Diagnostikmodell mit den internationalen Richtlinien für die diagnostische Erhebung als deren Herzstück. Als Zusammenfassung dieser Entwicklung schuf die Generalversammlung der WPA 2005 das "Institutionelle Programm einer Psychiatrie für die Person (IPPP): Von der klinischen Versorgung zur Public Health". Dabei wird die ganze Person des Patienten in ihrem Kontext als Zentrum und Ziel klinischer Versorgung und Gesundheitsförderung auf der individuellen und der Gemeindeebene gesehen.

Das Programm fördert

  • eine Psychiatrie der Person, welche in ihrer Ganzheit Dienstleistungen nutzt
  • eine Psychiatrie durch die Person: Durch Psychotherapeuten und andere Profis, die als ganze Personen auftreten und nicht nur als heilende Techniker
  • eine Psychiatrie für die Person, die der Person dabei hilft, ihr Lebensprojekt zu erreichen und nicht nur die Krankheit managt
  • eine Psychiatrie mit der Person, in der nicht mehr die einseitige Behandlung eines passiven Krankheitsträgers im Vordergrund steht, sondern eine respektvolle Zusammenarbeit stattfindet mit einer Person, die Hilfe sucht

Recovery steht im Einklang mit dem IPPP der WPA, da die persönliche Lebensgeschichte von Personen mit einer psychiatrischen Diagnose im Zentrum steht.

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