Würzburg, das bayerische Selbsthilfe-Mekka

21. Januar 2015
Würzburg, das bayerische Selbsthilfe-Mekka
Landesweite Koordinationsstelle ist in der Domstadt angesiedelt – 11 000 Gruppen zu 900 Themenfeldern

Foto: Pat Christ
Vorbildlich: Nicht überall in Bayern, zeigt Theresa Keidel, ist Selbsthilfe so gut ausgebaut wie in Würzburg.
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Bei Verwandten ist oft wenig Trost: Sie können nicht nachvollziehen, wie es ist, ständig von „schwarzen Gedanken“ gequält zu werden oder ein Leben mit Schmerzen zu führen. Nur wer damit selbst zu tun hat, versteht. Aus diesem Grund finden sich immer mehr Menschen in Selbsthilfegruppen zusammen. „Bayernweit gibt es 11 000 Selbsthilfegruppen zu 900 Themenfeldern“, sagt Theresa Keidel, Geschäftsführerin der in Würzburg etablierten Selbsthilfekoordination Bayern (SeKo).
Menschen in Selbsthilfegruppen beraten sich untereinander, wenn sie von Adipositas, Bandscheibenproblemen, chronischer Müdigkeit, Darmstörungen, Einsamkeit oder einer Fehlgeburt betroffen sind. Es gibt Selbsthilfegruppen für Frauen mit gynäkologischen Beschwerden, für Menschen mit Haarausfall sowie für Männer und Frauen, die im Gefängnis saßen. „Die Themen werden immer bunter und differenzieren sich immer stärker aus“, so Keidel.
Einen Boom erlebt aktuell das Thema „Depression“. Bayernweit existieren mehrere Gruppen für Menschen, die entweder alleine von Depressionen oder von einer manisch-depressiven Erkrankung betroffen sind.
Wie Susanne Wundling vom Aktivbüro berichtete, wurde in Würzburg soeben eine Gruppe für junge Menschen mit Depression gegründet: „25 Interessenten nahmen teil. Das war eine der größten Gruppengründungen, die ich bisher begleitet habe.“ Würzburg selbst gilt als „Selbsthilfe-Mekka“ in Bayern.
Schon vor 30 Jahren gab es mit der damaligen Informations- und Kontaktstelle (IKOS) eine professionelle Selbsthilfe-Unterstützung. Dieses frühe Engagement der Stadt war auch der Grund dafür, dass die bayernweite Selbsthilfekoordination 2002 in Würzburg angesiedelt wurde.
Nach Überzeugung von Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Sozialreferentin Hülya Düber hat die Selbsthilfe in den vergangenen 30 Jahren noch einmal an Bedeutung gewonnen, weshalb die Stadt auch weiterhin Unterstützung leisten wolle. Schuchardt versprach in diesem Zusammenhang, dass auch das Selbsthilfehaus in der Scanzonistraße, das derzeit von Flüchtlingen bewohnt wird, bald wieder zur Verfügung stehen wird. 77 Gruppen treffen sich hier. Bis vor kurzem war auch Seko im Selbsthilfehaus angesiedelt. Aus Platzgründen erfolgte kürzlich der Umzug in die Würzburger Theaterstraße.
In Würzburg sind viele hundert Menschen in der Selbsthilfe engagiert. Bayernweit gehören eine halbe Million Männer und Frauen einer Selbsthilfegruppe an. „Wir wären froh, wenn auch andere Kommunen das Thema Selbsthilfe so ernst nehmen würden wie Würzburg“, meint Keidel. Die Oberpfalz und Niederbayern seien noch eine „Diaspora“.
Der Trend hin zum Internet veranlasste Seko vor wenigen Jahren, zusammen mit der nationalen Kontaktstelle das Projekt „Selbsthilfe inter@ktiv“ auf den Weg zu bringen. Hier finden Interessierte geprüfte Foren und virtuelle Gruppen, die sich in einem geschützten Online-Raum treffen. Keidel: „Dadurch erhalten auch junge Leute Zugang zu Selbsthilfe.“
Schwer haben es traditionelle Selbsthilfegruppen, etwa für Menschen, die an Krebs, Diabetes oder Rheuma leiden. Gruppengründer, die den Stab gerne an Jüngere abgeben würden, finden oft keinen Nachfolger. Überhaupt weichen moderne Selbsthilfegruppen oft von traditionellen Gruppenformen ab.
Dass es heute als zu langweilig angesehen wird, sich nur zu treffen, um zu reden, zeigen die verschiedensten Aktivitäten. Keidel: „Gruppen organisieren beispielsweise gemeinsame Meditationen, Menschen mit Adipositas gehen zusammen ins Schwimmbad oder man spielt gemeinsam Theater.“ In Würzburg sind Menschen mit einer Suchterkrankung gerade dabei, einen Song zu texten, das für einen offenen Umgang mit dem Thema Sucht werben will.
Finanziert wird Seko hauptsächlich vom Freistaat, daneben gibt es Geld von den Krankenkassen. Gesundheitspolitisch kämpft Seko dafür, dass Selbsthilfe von Ärzten, Apothekern, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern anerkannt wird. Noch gebe es nicht überall Begegnungen auf Augenhöhe, noch wird die bestens informierte Patientin nicht in jeder Arztpraxis geschätzt.
„Die Themen werden immer bunter und differenzieren sich immer stärker aus.“
Theresia Keidel Selbsthilfe-Koordinatorin
Um Selbsthilfe und „Profis“ näher zusammenzubringen, werden seit dem vergangenen Jahr Kooperationen mit Kliniken angebahnt, informierte Irena Tezak. Patienten sollen bei der Entlassung darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie sich nicht nur an Psycho- oder Physiotherapeuten, sondern auch an Selbsthilfegruppen wenden können.
Info: Unter www.seko-bayern.de kann im Internet nach Selbsthilfegruppen gesucht werden.

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