Das Vermächtnis des Spätzünders

Das Vermächtnis des Spätzünders
Autismus, Schizophrenie, tieferer IQ: Ein spätes Vaterglück birgt für das Kind erhebliche Risiken. Bereits jeder zwanzigste Vater in der Schweiz ist bei der Geburt seines jüngsten Kinds über 50.

Männer haben es leichter, die Natur setzt ihnen bei der Fortpflanzung keine Alterslimite. Aber das späte Vaterglück stellt für das Kind ein Risiko dar. «Zeugt ein Mann über 50 ein Kind, hat es mit ­vier- bis sechsprozentiger Wahrscheinlichkeit intellektuelle Einschränkungen und erkrankt häufiger an Schizophrenie oder Autismus», sagt Anita Rauch, Professorin für Medizinische Genetik an der Universität Zürich. «Empfängt eine Frau über 45 ein Kind, liegt das Risiko eines Downsyndroms bei 7 Prozent.»
Eine späte Vaterschaft ist ebenso riskant für das Kind wie eine späte Mutterschaft. Im gesellschaftlichen Fokus steht aber das Alter der Frau. Wie jüngst im «Ratgeber Kinderplanung», den die ­Klinik für Geburtshilfe des Universitätsspitals Zürich im Dezember herausgegeben hat. Die Broschüre richtet sich in gerade mal elf Sätzen direkt an Männer. Stichwortartig wird ihnen zu einem gesunden Leben und zur Unterstützung der Partnerin geraten: «Stoppen Sie allfälligen Tabak- und Drogenkonsum. Halten Sie sich körperlich fit. Tragen Sie fair zu Kinderbetreuung, Haushalt und Familieneinkünften bei.» Den Frauen hingegen wird zu einer frühen Mutterschaft geraten, um Risiken zu vermeiden wie Zwillingsschwangerschaften, Früh- und Fehlgeburten, Wachstums- und Chromosomenstörungen: «Werden Sie nach Möglichkeit vor 32 Jahren schwanger.»
Durchschnittsalter: 34 Jahre
Zu den Gefahren, die vom fortgeschrittenen Alter eines Mannes ausgehen können, erfährt man in der an sich gehaltvollen Informationsschrift kein Wort. Das Versäumnis widerspiegelt den gesellschaftlich üblichen Umgang mit Frauen und Männern, die Eltern werden wollen oder Eltern geworden sind: Der Frau rät man von einer risikoreichen Schwangerschaft ab; dem Mann klopft man auf die Schulter, er gilt als potent. Wird sein Treiben scheel angesehen, dann wegen des schier unsittlichen Altersunterschieds zur Mutter, weil sich der alte Herr nicht mehr so enthusiastisch in den Sandhaufen setzen mag oder weil er sein Kind verfrüht zur Halbwaise machen könnte.
In der Schweiz steigt das Alter der werdenden Eltern – wie auch in anderen Dienstleistungsgesellschaften. Wurden die Männer 1979 im Durchschnitt erstmals mit 29 Jahren Väter, werden sie es heute mit 34; die Frauen sind im Schnitt drei Jahre jünger. Bedeutungsvoll ist der Anstieg der späten Vaterschaften. Be­reits jeder 20. Vater ist bei der Geburt seines jüngsten Kindes über 50. Das sind dreimal mehr als vor gut drei Jahrzehnten. In den USA zählt jeder zehnte Neu-Daddy zu den Best-Agers über 50. Sie alle hinterlassen ihren Kindern ein risikoreiches Vermächtnis.
Ab Mitte 30 sinkt die Qualität der Spermien. «Die Gefahr, ein Kind mit einer geistigen Behinderung zu zeugen, ist bei einem 50-Jährigen doppelt so hoch wie bei einem 25-Jährigen», sagt die Genetikerin Anita Rauch. Denn im Unterschied zur Frau werden beim Mann die Erbanlagen zeitlebens neu vervielfältigt. Im Rhythmus von drei Monaten werden die Spermien durch Kopieren der DNA-Stränge neu gebildet. Mit jeder Teilung steigt das Risiko veränderter, defekter Gene durch Punktmutationen.
Autismusrisiko steigt
Meist bleiben diese ohne schwerwiegende Folgen, und sie erhöhen die genetische Vielfalt. «Nur 2 bis 5 Prozent der Erbsubstanz sind für unsere Gesundheit wichtig», sagt Anita Rauch. Trotzdem: «Je älter der Mann ist, umso mehr Teilungen und Punktmutationen hat er hinter sich. Und umso grösser ist das Risiko, dass er seinen Kindern fehlerhafte Gene vererbt.» Etliche europäische Länder haben für Samenspender ein Höchstalter von 40 Jahren festgelegt. Die Schweiz kennt keine solche Regel.
Gemäss einer isländischen Untersuchung übergibt ein 20-jähriger Vater 25 Mutationen, ein 53-jähriger Vater bereits 100. Zum Vergleich: Eine Mutter produziert unabhängig von ihrem Alter rund 14 Neumutationen pro Eizelle. Dank neuen Technologien hat die Genetik in den vergangenen drei, vier Jahren grosse Fortschritte bei der Entschlüsselung unseres Erbguts erzielt. Sie ermöglichten neue Erkenntnisse zu den Folgen der vielen Punktmutationen bei den Männern für ihre Kinder. Auch wenn die Forschung erst am Anfang steht, lassen sich Tendenzen erkennen. Besonders häufig wurden Verbindungen zu neurologischen Leiden wie Schizophrenie, Autismus und bipolaren Störungen festgestellt. In Israel wurde eine Studie an 400'000 Jugendlichen durchgeführt. Ergebnis: Das Risiko eines autistischen Kindes steigt mit einem Vater über 50 massiv. Jedes 200. Kind leidet an Autismus. Bei Kindern mit jüngeren Väter ist es nur jedes 1600.
Risiko: alter Vater
Eine schwedische Studie kommt zum Schluss, dass bei den Kindern von Vätern über 50 das Risiko einer manisch-depressiven Störung auf 1 zu 545 steigt. Forscher in den USA führten Intelligenztests mit Primarschülern durch: Die Kinder der Väter, die bei der Zeugung über 50 waren, schnitten sechs IQ-Punkte schlechter ab. Dänische Mediziner zeigten, dass eine Frühgeburt in der 32. Schwangerschaftswoche doppelt so häufig auftritt, wenn der Vater über 50 ist; als Vergleichsgrösse dienten die Frühgeburten von Frauen, deren Männer bei der Kindgeburt 25 Jahre alt waren.
Biowissenschaftler stellten fest, dass Hirntumore und Blutkrebs bei Kindern von Seniorenvätern etwas häufiger auftreten. Wiederum andere Studien berichten von gestörter Knorpelbildung, was zu Zwergwuchs führen kann, oder von Töchtern, deren Lebenserwartung wegen ihrer «alten» Väter sinken soll. «All diese Ergebnisse legen den Verdacht nahe: Je älter der Vater bei der Zeugung ist, desto eher kommt sein Kind ungesund zur Welt oder wird im Laufe seines Lebens beeinträchtigt», so Anita Rauch. Gleichzeitig warnt die Genetikerin aber auch vor voreiligen Schlüssen: «Es handelt sich bei den Untersuchungen um zahlreiche Einzelstudien. Um ein Gesamtbild der tatsächlichen Risiken zu erlangen, ist noch viel systematische Forschung nötig.»
Der demografische Wandel und die hohe Trennungsrate ermöglichen den Herren, sich mit deutlich jüngeren Frauen zu vermehren. Spätzünder können sich mit über 50 doch noch reif genug fühlen für die Gründung einer Familie. Start-over-Dads, also Männer, die in ihrem letzten Lebensabschnitt mit der zweiten oder dritten Ehefrau nochmals Kinder kriegen, können nach der beruflichen Karriere alles richtig machen, auch Windeln wechseln, und die Vaterschaft diesmal so richtig geniessen. Für ihre Ex-Frauen, mit denen sie möglicherweise das Dasein als Schöpfer probten, muss dies wie ein Hohn klingen.
Prominente Vorbilder
Die Männer über 50 nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die Natur oder die Fortpflanzungsmedizin zur Verfügung stellt, und erquicken sich im Jungbrunnen. Prominente Beispiele: Franz Beckenbauer erweiterte als 58-Jähriger mit seiner dritten Gemahlin seinen kaiserlichen Hofstaat. Der Ex-UBS-Banker Marcel Ospel bezog als 59-Jähriger von seiner dritten Ehefrau seinen Bonus in Form von Zwillingen. Der Ex-Kurdirektor Hanspeter Danuser stellt mit 67 und seiner zweiten Ehefrau nicht mehr St. Moritz ins beste Licht, sondern «Munggipunggi». Und der Ex-Nachrichtensprecher Ulrich Wickert machte sich dank seiner dritten Ehefrau, den gemeinsamen Zwillingen und seinen 69 Jahren gleich selbst zum Tagesthema.
Sie freue sich über jedes Kind, das zur Welt komme, sagt Anita Rauch. Unabhängig vom Alter des Vaters. Denn wie bei den älteren steige auch bei unter 20-jährigen Vätern das Risiko, fehlerhafte Gene zu vererben. «Aus genetischer Sicht liegt das ideale Alter für den Mann bei der Zeugung wohl zwischen 25 und 35 Jahren.»

(Erstellt: 21.01.2015, 02:24 Uhr)

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