Psychische Krankheiten: Seelenqual, die keinen kümmert

Psychische Krankheiten: Seelenqual, die keinen kümmert

Unter den psychisch Kranken finden die schwersten Fälle oft keine Hilfe. Teilen Sie uns mit, wie lange Sie auf einen Therapieplatz warten mussten.
DIE ZEIT Nº 13/2014 20. März 2014

Es gibt einen Skandal in Deutschland, und niemand schaut hin. Der Zusammenbruch der ambulanten Versorgung schwer psychisch kranker Menschen ist eine tägliche Katastrophe. Vor 30 Jahren bekam ein schwer depressiver Patient in drei Tagen einen ambulanten Termin. Heute dauert das drei Monate. Hinter diesen nüchternen Zahlen verbergen sich menschliche Tragödien. Denn wer wirklich problemlos drei Monate auf eine Behandlung warten könnte, wäre nicht wirklich krank.

So aber schleppen sich dringend behandlungsbedürftige Menschen wochenlang dahin und betteln um einen Therapietermin. Das Ergebnis dieses unwürdigen Zustands sind verzweifelte Patienten, entmutigte Angehörige und Psychiater, die resigniert haben. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Warum interessiert das offenbar niemanden?

Immerhin geht es hier nicht nur um spektakuläre Einzelfälle, sondern um das Leid ungezählter Mitbürger. Offensichtlich graust es die Öffentlichkeit immer noch vor den als unheimlich empfundenen psychischen Krankheiten. Deshalb schauen viele weg – was nur noch zu mehr Angst vor dem Unbekannten führt. Auch deshalb haben Schizophrene, Süchtige, Depressive, Maniker und Demente keine Lobby, nicht nur wegen ihrer Unfähigkeit, lauthals auf sich aufmerksam zu machen. Das leise Leiden ist keine Meldung. Außerdem ist niemand schuld, und so fehlt unserer Empörungsgesellschaft das Objekt und den Medien das Bild.

Wie konnte es dazu kommen? Nach der Psychiatrie-Enquete 1975 ging es psychisch Kranken in Deutschland besser. Begleitet von einer lebhaften gesellschaftlichen Diskussion, machten die Pioniere der Sozialpsychiatrie aus psychiatrischen Anstalten moderne Krankenhäuser, lösten die Wachsäle auf, öffneten die Stationen, sorgten dafür, dass psychisch Kranke in die Gemeinden zurückkehren konnten und ihnen auch Psychotherapie zugute kam. Es wurde ein Netz komplementärer Hilfe geknüpft aus betreutem Wohnen, Behindertenwerkstätten, Kontakt- und Beratungsstellen. Es gab mehr ambulant tätige Psychiater, die gleichzeitig Psychotherapeuten wurden und die ambulante Versorgung der Patienten übernahmen, die nun nicht mehr in Großinstitutionen verwahrt wurden.

Entscheidend war die Etablierung der Regionalversorgung: Für jeden Ort in Deutschland gab es nun eine psychiatrische Klinik oder Abteilung, die die Pflichtversorgung hatte. Ein Patient hatte und hat also das Recht, dort unverzüglich aufgenommen zu werden, es gibt kein unwürdiges Betteln um Aufnahme, und die stationären Einrichtungen können sich nicht die leichten Fälle aussuchen. Dieses Konzept funktioniert. Die durchschnittliche stationäre Behandlungsdauer in Deutschland, die sich früher nach Jahren bemaß, liegt heute bei etwa drei Wochen. Eine Erfolgsgeschichte.
Wirklich schwer Kranke sind kaum erwünscht

Wie aber konnte es zur Krise kommen? Ein Grund war die absurde, weltweit einmalige Teilung der Behandlung von psychisch Kranken in zwei Bereiche. Diese begann harmlos. Erst gab es den ärztlichen Zusatztitel "Psychotherapie", dann erfand man – neben dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie – den Facharzt für psychotherapeutische Medizin, der sich weniger um schwer psychisch Kranke kümmerte. Daraus zog man die Konsequenz, dass man dafür dann auch entsprechende Ausbildungsstätten brauche. So entstanden zuhauf "psychotherapeutische" oder "psychosomatische" Kliniken, die keine Pflichtversorgung übernahmen und sich daher die Patienten aussuchen konnten. Solche Kliniken werben inzwischen damit, bei ihnen gebe es keine psychiatrischen Patienten. Woher dann aber die Patienten nehmen, wenn die wirklich Kranken nicht erwünscht sind?

Da kommt der Trend gerade recht, für alle Tragödien des Lebens Psychoexperten zu Rate zu ziehen. Das ist Unsinn, denn Psychoexperten können zwar erfolgreich psychisch Kranke behandeln, haben aber dadurch natürlich nicht mehr Lebenserfahrung. Doch in der nachideologischen Zeit suchen viele Orientierung und erhoffen sie sich von der Psychologie und in Krisen eben von der Psychotherapie. Diese Tendenz wird von medialen Psychowellen angetrieben, deren wirksamste in den vergangenen Jahren die "Burn-out"-Welle war.

Burn-out ist keine psychische Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert es als Z-Kategorie, als eine Lebensschwierigkeit. Das Verhängnisvolle dieses schillernden Begriffs ist seine Unbestimmtheit. Unter dem Decknamen Burn-out können echte Depressionen figurieren, aber auch bloße Befindlichkeitsstörungen, die keiner Therapie bedürfen, und schließlich existenzielle Krisen, bei denen Therapie nicht helfen kann, weil existenzielle Krisen keine Krankheiten sind.

Wenn ein Mann plötzlich von seiner Partnerin verlassen wird, dann kann ihn das tiefer erschüttern als eine schwere Depression, aber das ist eine gesunde Reaktion auf ein schlimmes Ereignis. Da hilft kein junger Psychotherapeut, sondern ein guter Freund, der vielleicht selbst schon einmal so etwas bewältigt hat. Wenn jemand einen schrecklichen Chef hat oder von seinem Beruf überfordert ist, dann kann das schwer belasten. Aber auch da hilft keine Psychotherapie, sondern nur eine Änderung der Situation.

Doch die Burn-out-Welle hat sich als lukratives Geschäftsmodell entpuppt. Nachdem manche Medien nach dem Motto "Kennen wir das nicht alle?" kostenlose Werbung gemacht haben, sind inzwischen "Burn-out-Kliniken" ans Netz gegangen, und selbst ernannte Burn-out-Experten beschreiben einfühlsam Zustände, die jeder kennt, als Krankheiten, die sie liebend gerne behandeln würden. Das hat den Therapiebedarf in den vergangenen Jahren anschwellen lassen. Und psychotherapeutische oder psychosomatische Kliniken und niedergelassene Psychotherapeuten (die Schwerkranke ausschließen dürfen!) öffnen die Tür für die Behandlung von Gesunden.

Einfach mehr Psychotherapeuten auszubilden, löst das Problem nicht

Als vor 15 Jahren nach langem Drängen die psychologischen Psychotherapeuten eingeführt wurden, erhoffte man sich eine Verbesserung der Versorgung. Doch das war ein Irrtum. Die Wartezeiten für Patienten reduzierten sich nicht, sondern sie nahmen zu. Zwar gibt es unter diesen Kollegen hervorragende Therapeuten, aber auch solche, die mit wenig effizienten Methoden wenige wenig kranke Menschen behandeln. Die Statistiken zeigen jedenfalls, dass da offenbar vor allem neue Kundenbereiche erschlossen wurden – zu Lasten der Schwerkranken. Ein Psychiater versorgt im Jahr 1000 Patienten, ein Psychotherapeut 50!

Manfred Lütz
60, studierte Medizin und katholische Theologie. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 17 Jahren leitet er das Alexianer-Krankenhaus in Köln-Porz. Lütz schrieb mehrere erfolgreiche Sachbücher, darunter Irre! Wir behandeln die Falschen (2009)

Daher wird das Problem auch nicht dadurch gelöst, dass man einfach mit der populären Forderung nach mehr Psychotherapeuten hausieren geht. Die Zahl der schwer psychisch Kranken hat gar nicht zugenommen. Als der bekannte Psychiater Klaus Dörner vor einer Psychotherapeutenkammer sprach, provozierte er mit der Behauptung, sie würden zu einem Drittel Gesunde behandeln. Dafür gab es Beifall, was ihn irritierte. Anschließend erklärte man ihm, dies stimme, aber die finanziellen Anreizsysteme seien so absurd, dass man eben Gesunde behandeln müsse, um über die Runden zu kommen.

Und tatsächlich: Ein Psychiater erhält für die Behandlung eines schwer psychisch kranken Menschen in drei Monaten sage und schreibe 50 Euro, auch wenn der Patient jede Woche kommt. Ein Psychotherapeut erhält für eine einzige Therapiestunde doppelt so viel, selbst wenn der Patient gesund ist. Und weil 98 Prozent der beantragten Psychotherapien durch Gutachter befürwortet werden, die den Patienten nie gesehen haben, sind auch Gutachten keine Hürde.

Was also müsste getan werden, um unnötige Therapien zu verhindern und mehr Kapazitäten für ernsthaft psychisch erkrankte Menschen zu schaffen? Die Lösung könnte einfach sein:

Es sollten in der Regel nur Behandlungen in Kliniken finanziert werden, die sich vertraglich verpflichtet haben, alle stationär behandlungsbedürftigen Patienten ihrer Region umgehend aufzunehmen. Wer als Gesunder drei Wochen in einer Burn-out-Klinik verbringen will, muss das selbst bezahlen.
Die Genehmigungen für Psychotherapie werden erst erteilt, wenn ein Psychiater und Psychotherapeut den Patienten persönlich untersucht hat und Therapiebedürftigkeit festgestellt hat.
Nur solche Psychotherapeuten, die nachweislich wirksame Psychotherapie-Methoden anwenden, werden von der Solidargemeinschaft finanziert.

Allerdings stoßen diese vergleichsweise einfachen Lösungen auf den erbitterten Widerstand vieler Lobbygruppen. Deshalb bewegt sich nichts. Die Leidtragenden sind die psychisch kranken Menschen. Wenn Medien, die sich in aller Naivität am kostenlosen Burn-out-Marketing beteiligt haben, genauso viel Engagement für die schwer psychisch Kranken zeigen würden, dann könnte Bewegung ins System kommen. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, denn der Lackmustest für die Humanität einer Gesellschaft ist ihr Umgang mit ihren hilfsbedürftigsten Mitgliedern.

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