Erste Hilfe fürs Ich

Erste Hilfe fürs Ich

Wer eine Therapie benötigt, muss meist lange warten. Vielen Menschen reicht aber in psychischen Krisen eine kurzfristige Unterstützung – Hauptsache, schnell. von Stefanie Schramm
DIE ZEIT Nº 22/2014 2. Juni 2014
Psychotherapie: Erste Hilfe fürs Ich

Wer in einer Krise steckt, braucht nicht gleich eine Therapie. Schon eine psychologische Beratung kann helfen.

Es tut richtig weh, den Laden zu verlieren", sagt die Frau. In ihrem Smart fährt sie an dem Optikergeschäft der Kleinstadt vorbei, in dem sie 17 Jahre gearbeitet hat. All die Zeit hat sie geglaubt, es würde einmal ihr Laden sein. "Da ist eine Menge Herzblut reingeflossen." Sie führte das Geschäft zusammen mit ihrem Mann, der es einmal erben wird. Doch dann sagte er an einem Sonntag vor eineinhalb Jahren: "Ich liebe dich nicht mehr. Besser, du ziehst aus." Sie verliert ihren Mann, ihr Zuhause, den Laden. "Ich fühlte mich, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen."

Existenzängste überfallen Andrea Hoss, wie sie hier heißen soll. Freunde helfen ihr, eine eigene Wohnung zu finden und ein eigenes Auto. Auch als ihr schwerer Chinaschrank ins neue Wohnzimmer gehievt werden muss, gibt es eine Lösung: Ein Bekannter kommt mit seinem Kran vorbei. Die heute 41-Jährige kennt viele Menschen in der Kleinstadt. "Aber irgendwann konnten mir meine Freunde nicht mehr helfen. Ich fand keinen Weg aus der Traurigkeit und der Angst." Sie sucht nach Psychotherapeuten und findet auch welche, ruft aber nicht an. "Ich dachte, ich muss das selbst schaffen." Dann erwähnt ein Kunde im Brillengeschäft, wo sie trotz der Trennung weiter arbeitet, dass er Therapeut sei. Hoss fragt spontan, ob sie einmal vorbeikommen könne. Sie hat Glück. Der Psychotherapeut tut etwas, was nicht viele Psychotherapeuten tun: Er bietet auch kurzfristige Beratungen in Lebenskrisen an – und sie ist bereit, selbst zu zahlen. Ein paar Tage später hat sie einen Termin.

Verluste gehören zum Leben: Der Partner verliebt sich in jemand anderen, der Arbeitsplatz wird gestrichen, die Mutter stirbt. Glücklich, wer Freunde und Familie hat, die ihm in der Krise zur Seite stehen. Doch manchmal sind diese überfordert, zum Beispiel wenn die Betroffenen von wiederkehrender Panik oder irrationalen Schuldgefühlen heimgesucht werden. Manchmal fehlt den Nahestehenden auch der neutrale Blick.

Und manch einem Betroffenen fallen erst in der Ausnahmesituation Verhaltensmuster an sich auf, die auch grundsätzlich Probleme bereiten. Wer steht einem dann zur Seite?

Ginge es um einen grippalen Infekt, wäre der Fall klar: Ab zum Hausarzt! Doch wenn die Seele leidet, wird es unübersichtlich. Krank ist man nicht in so einer Krise, aber elend geht es einem doch. Es gibt den Sozialpsychiatrischen Dienst der Kommunen, der kümmert sich vor allem um ernstlich Kranke. Es gibt die Beratungsstellen der Kirchen, da fühlt sich nicht jeder gut aufgehoben. Und es gibt die Parole: Durchhalten, wird schon wieder. Einen Hausarzt für die Seele aber gibt es nicht.

Ein Arzt ist meist auch gar nicht nötig, denn eine Krise ist ja eben keine Krankheit. Ein Berater wird gebraucht, weltanschaulich unabhängig, psychologisch ausgebildet, kurzfristig verfügbar. Ein schneller Termin, eine kurze Beratung – das würde vielen schon helfen. "Es ist wichtig, Menschen in einer Lebenskrise schnell beizustehen, damit sich die Probleme nicht verstärken", sagt Iris Hauth, die designierte Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). "Schon zwei oder drei Gespräche können jemanden emotional so weit entlasten, dass er die Situation aus eigener Kraft bewältigen kann."

Das sieht auch der Psychiater und Psychotherapeut Helmut Peter so. Er leitet das Verhaltenstherapie-Zentrum Falkenried in Hamburg. "Wenn jemand gute Ressourcen hat und ein klar umgrenztes Problem, helfen ihm schon wenige Sitzungen." Peter und seine Kollegen im Falkenried beraten auch Menschen in Lebenskrisen – wenn diese Symptome verursachen, die als Anzeichen einer Krankheit gelten, also zum Beispiel Ängste, Depressionen oder Schlafstörungen.
Wer den Gesunden in Krisen hilft, hilft auch dem Gesundheitssystem

Eine schnelle, kurze Beratung könnte zudem verhindern, dass belastete, aber an sich gesunde Menschen am Ende doch in der Psychotherapie landen und so den wirklich Kranken die spärlichen Plätze wegnehmen. Genau das geschieht zurzeit. Entweder weil das Durchhalten und Zähnezusammenbeißen irgendwann doch krank macht. Oder weil man sich für krank erklären lässt, damit Hilfe möglich wird – und die Krankenkasse sie bezahlt. Darunter leiden die tatsächlich psychisch Kranken; sie werden häufiger stationär behandelt (weil sie keinen ambulanten Platz finden) – oder gar nicht. Wer also den Gesunden in Krisen hilft, hilft auch dem Gesundheitssystem ein Stück aus der Krise.

Die schwierige Suche nach einem guten Berater

In der Tat gibt es psychologische Berater und auch Psychotherapeuten, die beraten. Aber es gibt auch zwei Hürden. Erstens werden sie nicht von den Krankenkassen bezahlt, wenn sie keine Krankheiten behandeln. Wir müssen uns also fragen, wie viel uns unser Seelenheil wert ist – das ist legitim. Wir müssen uns aber auch fragen, was mit denen geschieht, die sich das nicht leisten können.

Und zweitens ist es mitunter noch schwieriger, einen guten Berater zu finden als einen guten Therapeuten. Die Bezeichnung "psychologischer Berater" ist nicht geschützt, die Qualität der Ausbildung variiert dementsprechend stark, vom Studium der Psychologie, Sozialarbeit oder Theologie über zusätzliche Weiterbildungen bis hin zu Kursen bei privaten Instituten.

Wer kann helfen?

Sozialpsychiatrische Dienste
Diese öffentlichen Einrichtungen, oft bei staatlichen Gesundheitsämtern angesiedelt, unterstützen vor allem diejenigen Menschen, die an schweren psychischen Krankheiten leiden.

Kirchliche Beratungsstellen
Hier beraten Theologen, aber auch Psychologen, Pädagogen, Mediziner und Juristen. Die evangelischen Berater haben meist die dreijährige Zusatzausbildung des Evangelischen Zentralinstituts für Familienberatung absolviert, die katholischen eine vierjährige Weiterbildung nach den Empfehlungen des Deutschen Arbeitskreises Jugend-, Ehe- und Familienberatung. Die Beratung ist grundsätzlich kostenlos, doch häufig beteiligen sich die Klienten mit Spenden. Die meisten Beratungen sind nach ein bis fünf Gesprächen beendet.

Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen
Zusätzlich gibt es in einigen Städten kommunale oder von freien Trägern finanzierte Beratungsstellen. Sie wenden sich an psychisch Kranke und an Menschen in Lebenskrisen.

Psychiatrische Ambulanzen
Psychiater und Psychologen an Fachkliniken bieten auch ambulante Hilfe an – für schwer und chronisch Kranke sowie in psychiatrischen Notfällen.

Andrea Hoss hätte ihren Berater wohl nicht gefunden, hätte der nicht eine neue Sportbrille gebraucht und deshalb das Optikergeschäft aufgesucht. "Als ich zu ihm fuhr, war ich ziemlich aufgeregt", erzählt sie. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal psychologische Hilfe brauche. Ich war ja immer zukunftsorientiert." Sie wuchs an der mecklenburgischen Küste auf, der Vater fuhr zur See. Zwei Jahre nach der Wende, sie war 18 und hatte ihre Ausbildung gerade abgeschlossen, ging sie nach Hannover, dort gab es eine Stelle. Und dort traf sie auch einen Mann. Fünf Jahre später stand sie mit ihm in dem Laden in der Kleinstadt.

Als Andrea Hoss die Praxis des Beraters betritt, ist sie erleichtert: Es gibt dort keine Couch, sondern zwei Sessel, in einigem Abstand zueinander. Sie erzählt dem Berater von ihrer Angst, es allein nicht zu schaffen. "Ich hatte das Gefühl, ich kann so vieles nicht, auch ganz einfache Sachen, zum Beispiel mit dem Computer im Laden umgehen." Der Berater habe ihr vor Augen geführt, was sie alles geschafft habe, dass sie ihre eigenen Wege gefunden habe, dass man nicht alles können müsse. "Das Wichtigste war für mich, dass ich gemerkt habe, dass ich selbst etwas wert bin", erzählt Hoss. Der Frau, die sonst so resolut wirkt, laufen ein paar Tränen herunter.

In den Wochen darauf beschäftigt sie sich intensiv mit sich selbst. "Ich habe mir überlegt, was ich gut kann, was meine Ziele sind." Noch einmal geht sie zu dem Berater. Danach findet sie: Nun ist es genug. "Mir hat dieser Fingerzeig gereicht", sagt Hoss. "Darüber war ich erstaunt. Ich hatte gedacht, ich muss da jetzt ein Jahr lang hingehen."
Nach vier Gesprächen sagte die Frau: "Die Therapie brauche ich nicht"

Johann Schneider, der Berater, war nicht erstaunt. Er erlebt das oft. Da war die Frau, die daran verzweifelte, dass ihr 27-jähriger Sohn nicht aus dem Haus wollte. In einem Gespräch wurde ihr klar, dass sie nicht alles für ihn regeln kann und muss. Da war die Frau, die miterlebt hatte, wie sich ein Mann vor den Zug warf, und die ihren Beruf als Zugbegleiterin aufgeben wollte. In zwei Gesprächen machte sie ihrem Schrecken, ihrer Empörung, ihrer Ohnmacht Luft. Dann beschloss sie, weiter im Zug zu arbeiten. Die dritte Stunde sagte sie ab. Und da war die Frau, die ihre pflegebedürftige Mutter zu sich geholt hatte, nach Jahren des losen Kontakts, woraufhin alte Konflikte hochkamen. Um die Zeit bis zu einer Gruppentherapie zu überbrücken, kam sie in die Beratung. Nach vier Gesprächen rief sie an: "Ich bin fertig. Die Therapie brauche ich nicht."

Schneider trägt Schwarz und das graue Haar kurz, dazu eine randlose Brille, sein Gesicht ist gebräunt. In seiner Praxis stehen ein Clipboard, Primeln, eine Schachtel Taschentücher. Draußen, an dem Backsteinhaus, hängen zwei Schilder, rechts: "Praxis für Psychotherapie, Dr. med. Johann Schneider", links: "Institut für Persönlichkeitsentwicklung und Führungskompetenz". Schneider ist Arzt, Psychiater, Neurologe, Psychotherapeut. Und er ist Berater. Und Coach. "Mir gefällt diese Mischung. Ich möchte nicht nur als Psychotherapeut arbeiten", sagt er. Man könnte sagen, dass er mit leichten Fällen gutes Geld verdient. Man könnte auch sagen, dass er Menschen in schwierigen Situationen schnell hilft.

Vier Stunden Beratung halbieren die Sorgen

Wissenschaftliche Studien darüber, wie gut psychologische Beratung für gesunde Menschen in Lebenskrisen wirkt, gibt es noch kaum. Doch dass sie jungen Erwachsenen mit leichten psychischen Problemen hilft, konnte das schwedische National Institute of Public Health zeigen: Nach vier Stunden Beratung war die psychische Belastung der Versuchsteilnehmer durchschnittlich nur noch halb so groß.

Iris Hauth von der DGPPN sagt deshalb: "Es ist wichtig, dass Menschen in Krisen Beratungsstellen und Krisendienste in Anspruch nehmen, ohne Scham und Schuldgefühle." Psychologische Beratung zu suchen ist immer noch ein Tabu, zudem hat sie bei vielen ein schlechteres Image als Psychotherapie – auch unter Psychologen, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Jürgen Margraf. "Beratung wird oft nicht ernst genommen und geschätzt. Das ist nicht so sexy." Er fordert: "Die Versorgungszentren müssen entstaubt, die Einrichtungen gestärkt werden. Und es muss mehr weltanschaulich neutrale Beratungsstellen geben."

Die DGPPN setzt sich dafür ein, dass schnelle Hilfe von der Krankenkasse bezahlt wird, auch im Grenzbereich von Krise und Krankheit. "Wenn man länger warten muss, wird das Leid oft größer, und die Kosten steigen", sagt Iris Hauth. "Psychiater und Psychotherapeuten sollten deshalb sachgerecht finanzierte Kontingente für Kriseninterventionen bekommen." Auch Margraf meint: "Die Kurzintervention sollte institutionalisiert werden." Bisher behelfen sich Psychotherapeuten manchmal mit einem Trick, wenn keine lange Therapie nötig ist: Sie rechnen Beratungsgespräche als "probatorische Sitzungen" ab. Die sind eigentlich dafür gedacht, dass Patient und Therapeut herausfinden, ob sie miteinander arbeiten können; bis zu fünf davon zahlt die Krankenkasse.

Andrea Hoss hat ihre Beratung selbst bezahlt, 560 Euro für zwei Doppelstunden. Das ist viel Geld, meist kostet eine Beratung um die 100 Euro pro Stunde. Die Optikerin meint trotzdem: "Das Geld darf einem nicht zu viel sein. Man kann sich damit vieles ersparen." Heute gehe es ihr gut, sagt sie. Auch wenn sie jeden Morgen tief durchatmen müsse, bevor sie zur Arbeit gehe. Denn dort trifft sie den Mann, mit dem sie 22 Jahre lang zusammen war. Er ist jetzt nur noch ihr Chef. Es wäre leichter, wenn sie einen anderen Job hätte, das weiß sie. "Aber das habe ich mir selbst so ausgesucht", sagt sie ein bisschen trotzig. "Ich habe das Geschäft mit aufgebaut, das sind meine Kunden." Irgendwann wird sie sich eine neue Stelle suchen, doch noch kann sie von dem Laden nicht lassen.

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