Stigma und Gegenmittel aus gesellschaftspolitischer Sicht

Wie wir gesehen haben, funktioniert Stigmatisierung so, dass einem Menschen ein Merkmal zugeschrieben wird, welches die Gesellschaft als negativ erachtet und sich dann für die betreffende Person negativ auswirkt. Beispiele gibt es deren viele: Behinderung, psychische Erkrankung, Arbeitslosigkeit oder ein abweichendes sexuelles Verhalten führen oft zu Stigmatisierungen.
Die jeweiligen Stigmatisierungen zielen ab auf sichtbare oder aber auch unsichtbare Merkmale der stigmatisierten Person. Diese Merkmale weichen ab vom Mainstream und betreffen körperliche Besonderheiten wie bei der Behinderung, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie die Zugehörigkeit zu einer Sekte oder aber ein Verhalten, das einen Verstoß gegen die gültige Norm darstellt.

Mechanismus

1. Das (vorhandene) Merkmal wird negativ definiert
2. Über dieses Merkmal hinaus werden dem Menschen weitere negative Eigenschaften zugeschrieben, die objektiv betrachtet mit dem tatsächlich vorhandenen Merkmal gar nichts zu tun haben
3. Das Merkmal wird auf den gesamten Menschen in allen seinen sozialen Bezügen übertragen. Das hiermit etablierte Stigma avanciert zu einem Hauptstatus, der die Stellung der Person in der Gesellschaft definiert und den Umgang seitens der anderen Menschen bestimmt.
Die Macht der Stigmatisierer, welche sie über die Stigmatisierten verfügen, bestimmt wiederum die Zugkraft der Stigmatisierung an sich und der damit verbundenen Ausgliederungsprozesse aus der Gesellschaft. Über je weniger Macht die Stigmatisierten verfügen, desto leichter fällt es den Stigmatisierenden, die zu Stigmatisierenden zu stigmatisieren. Je mehr eine Gesellschaft auf der persönlichen Leistung des Einzelnen und der Konkurrenz der Mitglieder beruht, desto häufiger und ausgeprägter treten darin auch Stigmatisierungstendenzen auf.

Folgen der Stigmatisierung

Stigmatisierung wirkt auf drei Ebenen und beeinträchtigt
1. die Teilhabe des Betroffenen an der Gesellschaft
2. die Interaktion der Stigmatisierten mit den Nichtstigmatisierten
3. den betroffenen Menschen in seiner Identität
Oft nötigen die Stigmatisierenden die Stigmatisierten dazu, die benachteiligenden Typisierungen selbst zu übernehmen. Der Stigmatisierte verinnerlicht die Typisierungen und übernimmt die Rolle eines Abweichlers. Der Stigmatisierte übernimmt die Fremddefinitionen und definiert sich selbst neu. Damit kommt es dazu, dass die herangetragenen Erwartungen nun wirklich zutreffen und scheinbar bestätigt werden.
Kulturelle Unterschiede und geschichtliche Veränderungsprozesse verändern die jeweiligen Stigmatisierungstendenzen. Je nach Kulturkreis kann ein stigmatisierendes Merkmal ganz andere Bedeutungen transportieren. Auch kann ein Stigma, das vor Jahrzehnten Verbreitung fand im Lauf der Zeit keine oder eine wesentlich geringere stigmatisierende Wirkung entfalten.
Da die Stigmatisierung nicht festgeschrieben ist und sich verändert, kann sie also auch beeinflusst werden.

Funktionen der Stigmatisierung

Stigmatisierungen wirken auf gesamtgesellschaftlicher Ebene:
Stigmata regulieren den sozialen Umgang zwischen den einzelnen Gruppen einer Gesellschaft und wirken besonders zwischen Majoritäten und Minoritäten. Die Stigmatisierungen regeln auch den Zugang zu knappen wirtschaftlichen Gütern wie etwa die Chancen im Berufsleben oder das Erlangen eines bestimmten Status.
Stigmata können das jeweilige gesellschaftliche System stabilisieren. Frustrationen werden kanalisiert und an macht- und wehrlosen Sündenböcken entladen, denen die Schuld an einer negativen Entwicklung zugeschrieben wird. Damit lenken die Stigmata von gesellschaftlichen Missständen ab und verhindern deren Beseitigung.
Die Konformität zu den in der Gesellschaft gültigen Normen seitens der Nichtstigmatisierten wird verstärkt. Menschliche Gesellschaften belohnen die Treue zu ihren Normen,. Die stigmatisierten Kontrastgruppen dienen als Gegenbild, von dem sich die Nichtstigmatisierten und „Normalen“ positiv abheben können. Ohne Stigmata wäre es nämlich nicht vorteilhaft, normal zu sein oder als normal zu gelten.
Stigmatisierungen dienen auch als Herrschaftsfunktion. Die Stigmata können ein Werkzeug sein, um bestimmte gesellschaftlichen Gruppierungen zu unterdrücken. Die Gruppe ist nicht mehr dazu in der Lage, wirtschaftlich oder politisch zu konkurrieren oder an der Gesellschaft teilzuhaben.

Stigmatisierung von Erwerbslosigkeit

Arbeitslosigkeit oder Erwerbslosigkeit eignen sich hervorragend, um Neid und gesellschaftliche Ausgrenzung politisch zu instrumentalisieren.
Dazu werden dem Merkmal Arbeitslosigkeit weitere Merkmale zugeschrieben, gar nichts mit der Arbeitslosigkeit zu tun haben. Verwendung finden dabei Attribute wie „Sozialschmarotzer“, „arbeitsfaul“ oder „soziale Hängematte“.
Aus diesen Attributen werden weitere Zusammenhänge abgeleitet, die wiederum die anderen Personengruppen betreffen wie etwa der „Missbrauch von Steuergeldern“.

Entstigmatisierung

Entstigmatisierung kann mittels Anti-Stigma-Kampagnen erzielt werden. Beispiele wären
Die Anti-Stigma-Kampagnen der World Psychiatric Association (WPA)
Die Kampagne der Caritas gegen die Stigmatisierung von Behinderten unter dem Motto „Behindert ist, wer behindert wird“
Die deutschlandweiten Schulprojekte „Verrückt? Na und!“ des Leipziger Vereins „Irrsinnig menschlich“ e.V.

Bilder

Quellen

  • http://de.wikipedia.org
  • http://printfu.org – „stigma und entstigmatisierung aus gesellschaftspolitischer sicht“
  • http://www.verrueckt-na-und.de
  • Goffman, Erving: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt am Main 1975 (im Original erschienen 1963)
  • Brusten, Manfred / Hohmeier, Jürgen (Hrsg.): Stigmatisierung 1+2. Zur Produktion gesellschaftlicher Randgruppen. Darmstadt 1975
  • Oschmansky, Frank / Kull, Silke / Schmid, Günther: Faule Arbeitslose? Politische Konjunkturen einer Debatte. Berlin 2001
  • Zilian, H.G.: „Wehe den Besiegten!“ – Arbeitslosigkeit in der gespaltenen Gesellschaft. Vortrag vom 19.11.2002

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