Migranten: Oft psychisch belastet, doch selten in Behandlung

21.08.2014 l dpa

Migranten: Oft psychisch belastet, doch selten in Behandlung

Ein Großteil der Migranten in Deutschland bleibt bei psychotherapeutischer Behandlung außen vor. «Menschen mit Migrationshintergrund sind häufiger psychisch belastet, nehmen aber zugleich seltener eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch», sagt Cinur Ghaderi von der Evangelischen Fachhochschule Bochum. «Tatsache ist, dass Migranten häufiger belastende Lebensereignisse haben und strukturellen Barrieren ausgesetzt sind.» Die Diplom-Psychologin betont, dass die Ursache nicht in der Herkunft und Kultur liege, vielmehr in ihrer Lebenssituation.

«Viele Migranten scheitern schon im System, bevor sie einen Therapeuten finden», sagt Ghaderi. Zwar gibt es keine bundesweit repräsentativen Zahlen zur Versorgungslücke. Aber verschiedene Studien bestätigten die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund, sagt der Hamburger Diplom-Psychologe Mike Oliver Mösko, der am Uniklinikum in Eppendorf forscht. Es komme nicht selten zu Fehldiagnosen. «Und vietnamesische, syrische oder afghanische Patienten etwa finden oft gar keinen Therapeuten. Denn kaum einer spricht ihre Sprache.»

In Deutschland leben dem Zensus 2011 zufolge rund 15,3 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Aber ihr Zugang zur Therapie ist gerade da begrenzt, wo es wenige Experten gibt. Am Beispiel Rheinland-Pfalz: «Wir haben nach den neuen Bundesländern die geringste Therapeutendichte», sagt Alfred Kappauf, Präsident der Landespsycho­thera­peu­ten­kammer (LPK) in Rheinland-Pfalz. Dort leben etwa 758.000 Menschen mit Migrations­hin­ter­grund. Hinzu kommt die wachsende Zahl von Flüchtlingen, bis zu 50 Prozent sind Experten zufolge traumatisiert. «Aber weniger als zwei Prozent von ihnen bekommen eine Behandlung. Beim Rest ist es sehr wahrscheinlich, dass ihre Traumata chronisch werden», sagt Kappauf.

Die LPK widmet deshalb ihre Fachtagung in Mainz im September dem Thema. Die Konferenz soll den Therapeuten Mut machen. Denn: «Es ist schwierig, niedergelassene Therapeuten zu finden, die sich auf die Behandlung von Migranten einlassen», sagt der Diplom-Sozialpädagoge Markus Göpfert. Er leitet die AG Flucht und Trauma in Mayen, an einem der 25 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge in Deutschland.

Dolmetscher können helfen. Meist ist allerdings unklar, wer sie bezahlt. Gesetzlich Versicherte haben keinen Anspruch auf eine Behandlung in der eigenen Muttersprache oder auf die Übernahme von Dolmetscherkosten im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung. Das ist vom Bundessozialgericht bestätigt. Der GKV-Spitzenverband erklärt auf Nachfrage: «Es liegt in der Verantwortung des Gesetzgebers zu entscheiden, ob die Kosten übernommen werden sollen.» Das Bundesgesundheitsministerium hält nichts von der Lösung, dass die GKV die Kosten tragen könnte. Sonst müsse die Verständigung zum Beispiel auch in der Pflege oder Rente gewährleistet werden. «Die finanziellen Auswirkungen einer Kostenübernahme dürften außerdem als erheblich einzuschätzen sein.»

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