Stigmatisierung psychisch Kranker

Amber Christian Osterhout: Psychosis

Selbststigmatisierung psychisch Kranker

Es ist nicht jedem gegeben, sich selbst mit einer psychischen Erkrankung zu akzeptieren. Oft wird unterschätzt, wie schwer es dem Betroffenen fällt, sich sein Selbstwertgefühl zu erhalten oder es gar neu aufzubauen, nachdem er seine psychiatrische Diagnose erhalten hat. Noch schwerer fällt dies dann, wenn der betroffene Mensch dann obendrein in der Psychiatrie behandelt worden ist.
Je nachdem, ob er sich mit seiner seelischen Krankheit annehmen kann, geht er dann auch später mit seiner Erkrankung um: Er stellt sich ihr oder er verleugnet sie. Er kann Hilfe einholen oder annehmen oder nicht. Er traut sich wieder etwas zu oder resigniert. Wir sehen also, dass es wichtig ist für den Gesundungsprozess, ob sich der kranke Mensch für seine Erkrankung verurteilt oder sich und diese auch annehmen kann.

Ursachen von Selbststigmatisierung

Menschen sind soziale Wesen. Die Werte und Überzeugungen sind überkommen, wir lernen sie also von den Anderen. Insbesondere als Kinder übernehmen wir recht schnell die Beurteilungen und Überzeugungen anderer Menschen. Doch orientieren wir uns auch als Erwachsene gerne an den Bewertungen unserer Umwelt. Die fremden und von außen kommenden Einschätzungen und Überzeugungen verinnerlichen wir, so dass sie ab diesem Zeitpunkt ein Teil unserer Person sind. Deshalb haben wir dann keinen Abstand mehr zu diesen Bewertungen.
Schon in der Kindheit kann es vorkommen, dass wir auch uns selbst durch diese von außen übernommene Brille betrachten und bewerten. In uns selbst reift so eine neue Instanz heran, die wir als „inneren Kritiker“ bezeichnen können. Dieser innere Kritiker beurteilt ständig unser Verhalten im Sinne von „Du könntest besser sein“, „Die Anderen mögen Dich nicht so wie Du bist“ und „Gib Dir mehr Mühe“.
Die Psychoanalytiker nennen diese Instanz das Über-Ich. Dieses ist zwar ständig aktiv, meldet sich aber besonders deutlich, wenn in unserem Leben etwas schief läuft. Werden wir also arbeitslos oder psychisch krank, dann bekommt diese alles bewertende Instanz wiederum Wasser auf ihre Mühlen gegossen.
Die Beurteilungen haben zu tun mit allen Bereichen des Lebens und des Verhaltens. „Wie verhalte ich mich richtig?“, „Welche Kleidung soll ich tragen?“, „Wie denke ich über bestimmte Gruppen aus der Bevölkerung?“. Gerade aus der letzten Frage wird deutlich, dass sich ein Teil dieser Einschätzungen auf psychisch kranke Menschen bezieht. Diese Art von Einschätzungen sind im übrigen universell – jeder Mensch trägt sie in sich. Beurteilungen wie „Nimm Dich in Acht vor Verrückten“ oder „Einmal krank, immer krank“ haben sich also höchstwahrscheinlich auch Menschen, die selbst psychisch erkranken, früher einmal angeeignet.

Erkranke ich nun selbst psychisch, dann richte ich diese Beurteilung gegen mich selbst und mit der Einschätzung richtet sich deren negative Wirkung gegen mich selbst. Wenn ich beispielsweise denke „Psychisch Kranke haben einen schwachen Charakter. Deshalb kann nie etwas werden aus ihnen.“, dann ergibt sich nun im Fall der eigenen Erkrankung die Feststellung „Ich habe einen schwachen Charakter. Deshalb kann nie etwas werden aus mir.“ Solche Einschätzungen nennen wir auch Selbststigmatisierungen. Häufige Selbststigmatisierungen sind „Ich bin weniger wert als die Anderen“, „Ich bin gefährlich für die Anderen“, „Psychische Erkrankungen sind eine Strafe Gottes für meine Sünden“ oder „Wer psychisch krank wird, ist selbst schuld daran“
Solche Stigmatisierungen wurden regelmäßig recht früh erworben und sind gesellschaftlicher Konsens. Deshalb sind sie auch sehr tief in uns verwurzelt. Deshalb tut sich der Betroffene sehr schwer damit, sich dieser Bewertungen wieder zu entledigen, selbst wenn er in der Wirklichkeit ganz andere Erfahrungen macht. Daraus folgt, dass beispielsweise der Stereotyp „Psychisch kranke Menschen sind faul“ stärker ist als die eigene Erfahrung, sich alle erdenkliche Mühe zu geben und sich gehörig anzustrengen.
Verurteilt sich nun ein Mensch selbst für seine psychische Erkrankung, dann zeitigt das für ihn viele negative Konsequenzen. So erhöht sich beispielsweise die Selbstaufmerksamkeit. Man beobachtet sich selbst intensiver und ist schnell dazu geneigt, sein eigenes Verhalten als Ausdruck der psychischen Krankheit zu deuten. „Es geht wohl mal wieder los bei mir“, „Das ist ja total verrückt, was ich eben gemacht / gesagt habe“. Diese Art der Selbstbeobachtung macht unfrei und lähmt einen. Die stete Selbstbeobachtung kann dann im schlimmsten Falle zu paranoidem Denken und zu einer paranoiden Wahrnehmung führen: „Die Anderen schauen so misstrauisch, sie ahnen bestimmt schon, dass ich schon einmal in der Psychiatrie war.“
Amber Christian Osterhout -Please Don’t Judge Me

Die Selbstverurteilung führt bei vielen Betroffenen dazu, sich zu wünschen, möglichst normal zu wirken, um ja nicht aufzufallen und als krank eingestuft zu werden. Folglich verbietet sich der psychisch Kranke dann auch kleinere Verrücktheiten, was zu einem Verlust von Spontaneität und Lebendigkeit führt.

Schamgefühle

Die psychische Erkrankung bringt oft tiefe Gefühle der Scham mit sich. Der Betroffene schämt sich dann darüber, dass er überhaupt erkrankt ist. Oder er schämt sich für sein Verhalten während der Krise. Dies umso mehr, wenn Erinnerungslücken hinzukommen und aggressives oder moralisch verwerfliches Verhalten. Oft gibt schon der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik Grund genug für Schamgefühle, insbesondere dann, wenn Gewalt und Zwang ausgeübt wurden.
Die Schamgefühle sind ganz normal und kommen dann zum Vorschein, wenn jemand seine psychotische Welt wieder verlassen hat. Sie geben einen Hinweis darauf, dass der sich der Betroffene wieder in andere Menschen hineinversetzen kann. Zugleich signalisieren die Schamgefühle, dass die Krise überstanden ist. Folglich verdient dies der Beachtung und der positiven Würdigung. Dauern die Schamgefühle jedoch länger an, dann ziehen sie zahlreiche negative Konsequenzen nach sich.Schämen wir uns, dann möchten wir am liebsten im Erdboden versinken, um uns den Blicken der Anderen zu entziehen. Man kann sich aus Scham verbergen, sich zurückziehen, ja, sogar sozial isolieren. Selbstredend treten diese typischen Schamreaktionen auch bei den Betroffenen auf. Da diese Reaktionen den Symptomen der auslösenden psychischen Erkrankung sehr ähneln kommt es auch gerne zu Verwechslungen. Erfolgt der Rückzug nun wegen einer psychotischen Krise und der damit einhergehenden Negativsymptomatik oder zieht sich der Betroffene aus Scham zurück? Eine Unterscheidung ist nur schwer möglich. Vertreter der klassischen Psychiatrie sind sehr schnell dazu geneigt, solche Verhaltensweisen zu pathologisieren und als Anzeichen einer psychiatrischen Krankheit zu deuten.
Gelingt es einem nun nicht, seine psychische Erkrankung anzunehmen, dann verfällt er häufig in folgendes Muster:
Er konfrontiert sich selbst mit der Tatsache, psychisch krank zu sein. Im Zuge dieser Selbstverurteilung kann er leicht depressiv und antrieblos werden und resignieren und sich dann von seinem Umfeld zurückziehen.
Er akzeptiert die Erkrankung nicht und beginnt damit, einen Teil der Wirklichkeit auszublenden. Er hält sich für gesund und die Anderen für krank und ist höchstwahrscheinlich nicht dazu in der Lage, verleugnet die Frühwarnzeichen und kann sich weder Hilfe beschaffen noch diese annehmen.
Beide Reaktionsmuster schaden dem Kranken und seinem Umfeld. Der depressive Rückzug und das geringe oder fehlende Krankheitsbewußtsein müssen also nicht unbedingt Ausdruck einer endogenen Krankheitsdynamik sein, wie es die klassische Psychiatrie vorschnell interpretiert. Die Reaktionen können eben auch die Folge der geringen oder fehlenden Bereitschaft zur Annahme einer Krankheit sein.
In der psychiatrischen Forschung ging es leider bislang kaum darum, herauszufinden, wie ein Mensch seine seelische Krankheit annehmen und sich mit ihr auch versöhnen kann. Dabei gehört dies zu den zentralen Anliegen der Vertreter der Betroffenen, denn diese wissen ja aus eigener Erfahrung, wie wichtig dies ist für den gesamten Gesundungsprozess. Die Annahme der eigenen Erkrankung beschrieb die amerikanische Selbsthilfevertreterin Patricia Deegan 1996 als „Reise ins Herz“. Deegan vertritt dabei die Meinung, dass es nicht das Ziel der Gesundung ist, möglichst normal zu werden als es mehr darum geht, sich mit und trotz seiner Eigenarten zu entfalten. Folglich ist es ein wichtiger Schritt auf dem Wege der Gesundung den Wunsch aufzugeben, wieder normal zu werden.
Um eine Erkrankung anzunehmen bedarf es nicht sich einzureden, diese sei gut für die jeweilige Person. Dennoch wünschen sich die meisten Betroffenen, nicht mehr psychisch krank zu sein. Dieser Wunsch ist natürlich wichtig, um Veränderungsprozesse überhaupt in Ganz zu bringen. Doch bedeutet das Annehmen eher, sich nicht wegen der Krankheit zu verurteilen. Ich sage mir also „Zwar weiß ich, dass ich anfällig bin für Krisen, doch verurteile ich mich nicht dafür, weil ich trotzdem genauso viel wert bin wie andere Menschen.“ Es ist nicht leicht, sich eine solche Haltung anzueignen. Schafft es der Betroffene, sich diese Haltung zu eigen zu machen, dann kann er auf sich stolz sein und verdient er Wertschätzung dafür.
Hilfreich dabei, sich selbst anzunehmen, ist eine Umgebung, die dazu in der Lage ist, uns ebenso anzunehmen wie wir sind. Denn wenn Andere mich so annehmen wie ich bin, dann ist es auch für mich viel leichter, mich so anzunehmen wie ich bin. Der Umkehrschluss gilt ebenso: Wenn die Anderen mich nicht so annehmen wie ich bin, dann fällt es mir umso schwerer, micvh selbst so anzunehmen wie ich bin.

Selbststigmatisierung und Fremdstigmatisierung

Wenn sich jemand selbst negativ beurteilt zum Beispiel wegen einer psychischen Erkrankung, dann sprechen wir von einer Selbststigmatisierung. Wenn eine andere Person uns negativ beurteilt beispielsweise wegen einer Erkrankung, dann heißt das Fremdstigmatisierung. Oben steht beschrieben, wie Selbststigmatisierung funktioniert. Die (primäre) Fremdstigmatisierung ist jedoch immer zuerst da und kann dann zur (sekundären) Selbststigmatisierung werden, wenn wir die Fremdstigmatisierung aufgreifen und verinnerlichen. Folglich ist man versucht, anzunehmen, dass man einfach nur die Fremdstigmatisierung bekämpfen muss, wenn man sich für stigmatisierte einsetzt. Dabei verhält es jedoch etwas komplizierter: Fremdstigmatisierung erzielt nämlich nur da Erfolge, wenn sich der Betroffene auch selbst stigmatisiert. Andernfalls prallen die stigmatisierenden Zuschreibungen des Umfelds von ihm ab und er bleibt davon relativ unberührt – es läßt ihn also kalt.
Auch in unserer Gesellschaft existieren von außen stigmatisierte Gruppen, die sich untereinander nicht stigmatisieren und deshalb recht immun sind gegen die fremdstigmatisierenden Vorstöße der Restgruppe. Dazu gehören etwa die Mitglieder sogenannter Sekten oder die moderne Lesben- und Schwulenszene.
Man (Corrigan und Watson, 2002) hat herausgefunden, dass Menschen sich dann selbst stigmatisieren, wenn sie sich zum Einen mit der stigmatisierten Gruppe identifizieren und zum Anderen halten sie die an sie herangetragenen stigmatisierenden Zuschreibungen für berechtigt und glauben an deren Wahrheit. Nur dann, wenn beides zusammenfällt, dann wird sich der Betroffene auch selbst stigmatisieren.
Der erste Faktor wäre die Denke „Die Anderen reden schlecht über Menschen mit Schizohrenie. Ich bekam genau diese Diagnose, also meinen sie auch mich.“ Beim zweiten Faktor denkt sich der Betroffene „Na klar kann man schizophrenen Menschen nichts zutrauen.“
Alle Anderen reagieren eher indifferent auf Stigmatisierungen („Es kann mir doch egal sein, was die Anderen über schizophrene Menschen reden, ich gehöre ja nicht dazu.“) oder sie empören sich über die Stigmatisierung („Das stimmt doch gar nicht, was da über psychisch Kranke gesagt wird.“).
Interessanterweise fand man (Schöny et al., 2004) zusätzlich heraus, dass sich Betroffene untereinander ebenso heftig stigmatisieren wie etwa Medizinstudenten die psychisch Kranken. Also neigen Betroffene sehr zur Selbststigmatisierung.

Amber Christian Osterhout: Lack of insight

Die Selbststigmatisierung kann auch zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung avancieren. So ist die Angst vor möglichen Stigmatisierungen wesentlich stärker als die real erlebten Stigmatisierungen. (Angermeyer, 2004). Demnach befürchten die Betroffenen Stigmatisierungen ohne sie bislang erlitten zu haben. Und die bereits erlebten Stigmatisierungen fallen weniger schlimm aus als ursprünglich erwartet. Die betroffenen Menschen befürchten auch Stigmatisierungen, die dann gar nicht eintreten.
Um nun Stigmatisierungen aus dem Weg zu gehen, ziehen sich die Betroffenen zurück und verschweigen ihr Stigma und ihre Erfahrungen. Sie isolieren sich also selbst und/oder verhindern einen eventuell doch verständnisvoll ausfallenden Umgang seitens ihres Umfeldes.
Der Teufelskreis hierbei: Der Betroffene argwöhnt, von seinen Mitmenschen abgelehnt zu werden und zieht sich zurück, um jene befürchtete Ablehnung von vornherein zu vermeiden. Die Mitmenschen erleben diesen Rückzug als „seltsam“ oder aber als Ablehnung seitens des Betroffenen und verhalten sich wiederum distanziert dem Betroffenen gegenüber. Der Betroffene erlebt dieses distanzierten Umgang wiederum als Ablehnung und zieht sich noch weiter zurück.
Nur wer sich der befürchteten Fremdstigmatisierung auch bewußt wird, der kann alternative Verhaltensweisen zum Verschweigen und Sich-Zurückziehen ausprobieren und damit den Teufelskreis durchbrechen.
Schon seit Jahren gibt es Antistigmakampagnen, die darauf abzielten, (fremd-) stigmatisierende Denk- und Verhaltensweisen in der Bevölkerung abzubauen. Doch helfen diese Kampagnen den heute lebenden Betroffenen herzlich wenig, weil diese nur übere inen langen Zeitraum hinweg einen Wandel der öffentlichen Einstellung erzielen können. Bei den Betroffenen kommt es eher darauf an, im hier und jetzt die Selbststigmatisierung zu überwinden und sich gegen die Fremdstigmatisierung zu behaupten. Eine Antistigmakampagne kann also nur dann zum Ziel führen, wenn sie den Betroffenen dabei unterstützt, die Selbststigmatisierung abzubauen und sich gegen die Fremdstigmatisierung zu behaupten. Sie darf also nicht nur den generellen Abbau von Fremdstigmatiserung zum Ziel haben (Finzen, 2001).
Nichtsdestotrotz ist Aufklärungsarbeit in Form der offiziellen Antistigmakampagne oder der Antistigmakampagne von unten ein sehr wichtiges Unterfangen. Bislang ist jedoch noch vollkommen unklar, wie leicht oder schwer es sein wird, die starken Stigmatisierungstendenzen in der Bevölkerung zu entkräften. Es ist nach wie vor ein hartes Stück Arbeit mit noch ungewissem Ausgang. Erschwerenderweise können wir derzeit beobachten, dass die Stigmatsierungstendenzen seitens der Bevölkerung gegenwärtig nicht abklingen, sondern sich verstärken. Die Forscher machten zusätzlich aus, dass störungsbezogene Antistigmakampagnen, wie etwa die Kampagne zur Schizophrenie dazu führen, dass die Stigmatisierungstendenz seitens der Öffentlichkeit zu anderen Betroffenengruppen „wandert“ (Knuf et al., 2003).

Die Überwindung von Selbststigmatisierungen

Der Kampf gegen die Selbststigmatisierung währt oft ein ganzes Leben lang. So tief sitzen die negativen Überzeugungen, dass den Betroffenen immer wieder Krisen beuteln auf diesem schwerfälligen Wege. Die Stereotypen und Vorurteile sind derart tief verwurzelt, dass sie nicht so einfach als falsch erkannt und abgelegt werden können. So weiß ein im Umgang mit Depressionen erfahrener Mensch zwar, dass er der Trübsal nicht entrinnen kann, indem er sich einfach mehr anstrengt und sich zusammenreißt. Dennoch plagt ihn womöglich das Gefühl, zu wenig zu leisten oder gar faul zu sein.
Während und nach der Krise ist es oft der Fall, dass das Selbstbewusstsein des Betroffenen am Boden darnieder liegt oder sich sogar umkehrt. Diese angegriffene psychische Konstitution ist dann ein guter Nährboden für Selbststigmatisierungen. Um dem entgegenzutreten, muss man wiederum das lädierte Selbstwert und Selbstvertrauen stärken. Die dazu nötigen positiven Erfahrungen entstammen dem beruflichen und sozialen Umfeld. Nur wenige Betroffene können in diesen Bereichen auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen.
Von großem Vorteil ist es, das Phänomen der Selbststigmatisierung zu kennen und die zugrundeliegenden Mechanismen und Wirkungen zu durchschauen. Selbsthilfegruppen oder eine Psychotherapie können den hierfür entsprechenden Rahmen liefern. Zudem sollte man sich fragen,
was man sich in gesunden Zeiten über psychisch Kranke dachte
wie man als kranker Mensch über die anderen Kranken denkt
was man befürchtet, was die Anderen nun darüber denken
was man als Ursache seiner Erkrankung ansieht
Besonders hilfreich kann auch die gegenseitige Stärkung der Betroffenen im Sinne eines Peer-Supports unter sich sich sein in Selbsthilfegruppen oder in strukturierten Programmen. Denn wer ist mehr befähigt, über die Stigmatisierung an sich selbst zu reden als der Betroffene selbst, der diese Situation nicht nur aus der Theorie kennt sondern aus der Praxis und diese am eigenen Leibe schon erfahren hat. Die Peers dienen dabei den anderen Betroffenen als Modell für eine positive Auseinandersetzung mit der Krankheit. Entsprechende Programme wurden in anderen Ländern entwickelt, wie Betroffene anderen Betroffenen dabei helfen könnten, Stigmaisierung von außen und von innen zu überwinden. (Corrigan, 2004)
Doch nicht nur die Betroffenen sind dabei gefragt, auch professionelle Hilfe kann dabei von großem Nutzen sein, sich mit seiner Selbststigmatisierung auseinanderzusetzen. Gerade die Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung wie beispielsweise einer Psychose darf die Psychotherapie nicht verwehrt werden. Ob nun in der Psychotherapie oder im alltäglichen Gespräch sollte die Gelegenheit genutzt werden, über das angeschlagene Selbstwertgefühl zu sprechen. Man darf sich dabei nicht mit den üblichen Aussagen abspeisen lassen wie etwa „Deshalb brauchen Sie sich doch nicht zu schämen, weil Sie doch krank waren“ oder „Reden Sie doch nicht immer gar so negativ über sich selbst!“. Es besteht regelmäßig Gesprächsbedarf über das reduzierte Selbstwertgefühl, Abwertungen und die eigene Furcht vor Stigmatisierungen durch die Anderen. Dabei darf auch nicht außer Acht gelassen werden, wie schwer es fällt, seine psychische Erkrankung zu akzeptieren. Der Standardsatz „Sie müssen Ihre Krankheit eben annehmen“ hat noch keinem weiter geholfen. Wäre es nämlich gar so einfach, dann würde es auch schließlich jedem gelingen.
Es ist auch möglich, sich durch Gruppenprogramme vor der Selbststigmatisierung zu schützen und sich gegen Fremdstigmatisierung zu behaupten. So existiert im deutschsprachigen Raum erst ein einziges Programm, das im Rahmen der Psychoedukation das Thema der Stigmatisierung aufgreift.(Amering et al. 2002).

Der klassischen Psychiatrie ging es nie darum, zu fragen, ob der betroffene Mensch nun seine seelische Erkrankung annehmen kann oder nicht. Entsprechend erhalten die Betroffenen auch kaum Hilfe bei dem schwierigen Unterfangen, sich positiv mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen. Dabei sollte dies ein zentrales Thema sein in der psychiatrischen Behandlung. So sollten die Profis mehr Feingefühl dafür mitbringen, mit wie viel Scham die psychische Erkrankung an sich und die Erfahrung der Psychiatrie im Speziellen ist. Genauso brauchen die Erkrankten Unterstützung beim Trauern über entgangene Möglichkeiten und gegenwärtige Einschränkungen. Ansonsten läuft der Betroffene Gefahr, stecken zu bleiben in einem steten Vergleich mit sich selbst zu Zeiten vor dem Einbruch der Erkrankung in sein Leben. Er denkt und lebt dann ganz nach dem Motto „Damals war ich glücklich und heute geht es mir einfach nur schlecht.“ oder aber er verglicht sich permanent mit den anderen gesunden Menschen.
Die Wahrnehmung der eigenen Stärken und Fähigkeiten erleichtert die Akzeptanz seiner selbst enorm. Dazu gehört die Wahrnehmung, dass die Erkrankung nur einen (meist kleinen) Teil der ganzen Person darstellt, welche neben der Erkrankung auch noch aus Fähigkeiten besteht. Zudem bedarf der Betroffene des Gefühls einer realistischen Hoffnung darauf, sich trotz der Krankheit positiv zu verändern. Trage ich nämlich die berechtigte Hoffnung in mir, etwas zu verändern, dann fällt es viel leichter, den gegenwärtigen Zustand zu ertragen und anzunehmen.
Wir sehen, dass die Psychiatrie sich mehr den Ressourcen und Fähigkeiten der Betroffenen zuwenden sollte als seinen Defiziten, um an einem positiven Krankheitsverlauf mitzuwirken. (Knuf, 2004)
Es ist leicht nachzuvollziehen, dass sich die Betroffenen nur dann mit ihrer psychischen Erkrankung arrangieren können, wenn auch das Umfeld die Krankheit annimmt. Angehörige und Profis sollten wissen, wie wichtig es dem Betroffenen ist, sich mit seiner Erkrankung angenommen zu fühlen oder aber nicht. Je mehr Wertschätzung und Respekt der Betroffene erfährt, umso leichter fällt es ihm, seine Krankheit auch selbst anzunehmen. Gerade auf Station fühlen sich viele nicht als Mensch angenommen und auf die psychopathologischen Symptome reduziert. Es ist nicht im Sinne der Betroffenen, jede auch noch so kleine Verhaltensweise darauf überprüfen zu lassen, ob es sich nun um Anzeichen einer psychischen Erkrankung handeln könnte.
Eine solche Grundhaltung seitens der Fachleute leistet der Stigmatisierung lediglich Schützenhilfe. Die Forscher deckten ja inzwischen auf, wie sehr sich Betroffene und ihre Angehörigen vom Verhalten der Profis stigmatisiert fühlen (Schulze & Angermeyer, 2002). Deshalb ist es ein zentrales Anliegen vieler Vertreter der offiziellen Kampagne gegen Stigmatisierung, die Tendenz der Fachleute die Betroffenen zu stigmatisieren, zu minimieren (Gaebel, Möller & Rössler, 2004).
Es gibt übrigens eine ganze Menge an Ärzten, Psychologen, Pflegekräften und Sozialarbeitern im psychiatrischen Feld, die sich nicht outen, weil sie die Stigmatisierung durch die eigenen Kollegen befürchten. Erst wenn sich diese Menschen frei zu ihrer Krankheit bekennen können, könnte man davon ausgehen, dass in der Psychiatrie ein Wandel stattgefunden habe bezüglich der ihr innewohnenden Neigung zu stigmatisieren.
Es wird noch viel Arbeit bedeuten, die Sensibilität dafür zu schärfen, an welchen Punkten auch die Profis die Betroffenen abwerten und die Gründe für dieses Verhalten zu erforschen.

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Quellen

  • http://de.wikipedia.org
  • Andreas Knuf, „Das Mal auf der Innenseite der Stirn“
  • Amering, M., Sibitz, I., Gössler, R. & Katschnig, H. (2002). Wissen-genießen-besser leben. Ein Seminar für Menschen mit Psychoseerfahrung. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
  • Angermeyer, M.C. (2004). Stigmatisierung psychisch Kranker in der Gesellschaft. Psychiatrische Praxis,31, 246-250.
  • Corrigan, P.W. & Watson, A.C. (2002). The paradox of self-stigma and mental illness. Clinical Psychology: Science and Practise, 9, 35-53.
  • Corrigan, P.W., Lundin, B. (2004). Don´t call me nuts. Coping With the Stigma of Mental Illness.
  • Deegan, P. (1996). Recovery as a journey of the heart. Psychiatric Rehabilitation Journal, 19 (3), 91-98.
  • Finzen, A. (2001). Psychose und Stigma. Bonn: Psychiatrie-Verlag.
  • Gaebel, W., H.-J. Möller und Rössler, W. (Hrsg.) (2004). Stigma – Diskriminierung – Bewältigung. Kohlhammer Verlag: Stuttgart.
  • Knuf, A., Tilly, C., Behrend, F., Parlow, T. (2003). Borderliner: Experten in eigener Sache. Soziale Psychiatrie 2/2003, S. 30-32.
  • Knuf, A. (2004). Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Optimismus. Eine Annäherung an das Recovery-Konzept. Soziale Psychiatrie 1/2004.
  • Schöny, W., De Col, C., Grausgruber, A. und Meise, U. (2004). Die österreichische Antistigmakampagne. In: Gaebel, W., H.-J. Möller und Rössler, W. (Hrsg.). Stigma – Diskriminierung – Bewältigung. (S.265-285), Kohlhammer Verlag: Stuttgart.

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