Die theoretischen Konzepte der Stigmatisierung

Die theoretischen Konzepte der Stigmatisierung

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von theoretischen Überlegungen und empirischen Ergebnissen zur Stigmatisierung. Ausgangspunkt der modernen Stigmaforschung sind die Arbeiten aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.
1963 schrieb der amerikanische Soziologe Erving Goffman das Buch „Stigma:Notes on the Management of Spoiled Identity“ (Anmerkungen zur Handhabung einer ruinierten Identität), welches den Beginn der sozialwissenschaftlichen Stigmaforschung einläutete. 1966 schrieb Thomas Scheff einen Theorieentwurf zur Stigmathematik mit „Being Mentally ill: A Sociological Theory“ (Psychische Erkrankung: Eine soziologische Theorie). 1989 gab Link eine modifizierte Etikettierungstheorie für den Bereich der psychischen Erkrankungen heraus. Das Stigmakonzept erweiterten Link und Phelan 1999 in „Labeling and stigma“ (Zuweisung und Stigma)
Die Beschäftigung mit der Stigmatisierungsproblematik in Deutschland setzte erst später ein. Sie entwickelte sich parallel zur Reform zur Schaffung einer gemeindenahen Psychiatrie mit dem Ziel der Integration von psychisch Kranken Mitte der 1970er. Inzwischen hat sich jedoch auch in Deutschland eine breite Stigmaforschung entwickelt. Wichtige Forscher aus Deutschland wären Hohmeier, Cloerkes, Finzen und Angermeyer.

Die wichtigsten Grundzüge der Forschung zu Diskriminierung und Stigmatisierung psychisch Kranker sollen nun kurz umrissen werden.

Die Ursprünge

Bis 1990 tauchte der Begriff Stigma nur im Zusammenhang mit der Botanik und Biologie und der christlichen Theologie (als Wundmal) auf.
Die ursprüngliche griechische Bedeutung „Brandmal“ zielte auf Menschen ab, die sich auf besondere Weise von ihren Mitmenschen unterschieden. Derzeit schnitt oder brannte man das jeweilige Zeichen in den Körper, um öffentlich kundzutun, dass der Gezeichnete ein Sklave, ein Straftäter oder aber ein Verräter ist. Eine solche Person wurde dann von der Gesellschaft gemieden, insbesondere auf öffentlichen Plätzen. Im Mittelalter gab es dann noch weitere, religiös motivierte, Bedeutungen.
Goffman griff dann den Begriff des Stigma auf und stellt fest, dass der Begriff wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung Verwendung findet. Die Sozialwissenschaften nahmen seine Ideen dann auf und wir definieren heute ein Stigma als „ein physisches, psychisches oder soziales Merkmal, durch das eine Person sich von den übrigen Mitgliedern einer Gesellschaft oder Gruppe, der sie angehört, negativ unterscheidet und das sie von vollständiger sozialer Anerkennung ausschließt.“ (Schäfers 1995).
Goffman selbst spricht dabei von einer sozialen Identität, die zum Einen persönliche Charaktereigenschaften und zum Anderen strukturelle Merkmale aufweist. Diese soziale Identität hat zwei Seiten – eine virtuelle und eine aktuale. Den virtuellen Anteil machen die Vorstellungen und Erwartungen aus, mit deren Hilfe man eine Person einer bestimmten Kategorie zuordnen kann. Diese prägen das Verhalten und entlasten die eigene Person. Die aktuale soziale Identität setzt sich aus den Merkmalen und Attributen zusammen, die wirklich für die jeweilige Person zutreffen. Die beiden Formen der Identität stehen im Alltag im Widerspruch, da die Vorstellungen über eine Person von deren wirklichen Sosein selbstredend abweichen kann. Diese Diskrepanzen müssen jedoch nicht unbedingt tragisch sein, doch sie können dazu führen, dass einer Person Attribute zugeschrieben werden, die sie als von der Norm abweichend kennzeichnen und damit abstufen. Diese Attribute sind nun nach Goffman die Stigmata, besonders dann, wenn sie stark diskreditierend sind. Ein weiteres Charakteristikum von Stigmata ist, dass der Person über das Merkmal hinaus weitere negativen Eigenschaften zugesprochen werden, welche objektiv keinen oder nur einen geringen Bezug zum Merkmal haben. Hohmeier spricht von der Übertragung des Merkmals auf den gesamten Menschen und er bezeichnet die Stigmatisierung als Prozess der Verallgemeinerung, der auf die Person in allen ihren sozialen Bezügen wirkt.
Goffman unterscheidet weiter zwischen „physischen Deformationen“ wie etwa körperlichen Behinderungen, „individuellen Charakterfehlern“ wie Sucht und Geistesverwirrung und „phylogenetischen Stigmata“ wie Rasse, Nation und Religion. Menschen mit psychischen Erkrankungen ordnen sich dabei in der zweiten Gruppe der Charakterfehler ein.
Goffman unterscheidet dabei auch noch zwischen Diskreditierten und Diskreditierbaren. Bei den Diskreditierten ist der Makel ganz offensichtlich oder aber es geht eine Person davon aus, über das Anderssein einer anderen Person Bescheid zu wissen. Bei den Diskreditierbaren ist die Abweichung eben nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar oder bekannt. Die Stigmatisierten haben Erfahrungen mit beiden Situationen gemacht und werden versuchen, ihr unerwünschtes Anderssein zu verbergen – sie betreiben also ein Stigma-Management.
Bei psychischen Erkrankungen ist das Anderssein der Krankheit in aller Regel nicht wahrnehmbar. Doch reichen schon Verdachtsmomente aus, um stigmatisiert zu werden. Zudem ist da die meist plötzliche Konfrontation mit der Erkrankung, welche den Betroffenen dazu zwingt, sich der neuen Situation zu stellen und seine Identität neu zu bestimmen. Im Gegensatz zum angeboren Leiden wie bei Blindheit sind hier große Probleme angesiedelt, weil der Erkrankte selbst mit Vorurteilen und Vorbehalten gegenüber psychisch Kranken und einem gewissen Verständnis vom Normalsein sozialisiert wurde. Die Missbilligung kann sich also gegen einen selbst richten, wie Grausgruber anmerkt. Es besteht nach Finzen die Gefahr, an einer „zweiten Krankheit“ zu erkranken – der Betroffene trägt an der Last des Stigmas genauso schwer wie an der eigentlichen psychischen Erkrankung.
Viele Stigmatisierte greifen nun zum Stigma-Management, um die Beschädigung ihrer Identität zu bewältigen. Sie versuchen, das Stigma zu verbergen und ihr Gegenüber zu täuschen, indem sie die Informationsflüsse kontrollieren.
Aus den eben genannten theoretischen Grundlagen leitet sich die aktuelle Definition eines Stigmas ab. Jones et al. Reden von einem Konstrukt Stigma als Beziehung zwischen einem Attribut (das Brandmal) und einem Stereotyp (den unerwünschten Merkmalen). Über diese Verknüpfung werden der Person unerwünschte Eigenschaften zugeschrieben, sie wird stigmatisiert.
Grausgruber definiert das Stereotyp als „relativ verfestigte, verallgemeinernde oder vereinfachende Bilder von einem Meinungsobjekt.“. Es erleichtert eine soziale Orientierung durch Verallgemeinerung und Vereinfachung, was dem Begriff des Vorurteils nahe kommt. Vorurteile sind wiederum Stereotypen, die eine „verhärtete subjektive Voreingenommenheit“ haben. Hohmeier sieht im Stigma einen Sonderfall eines sozialen Vorurteils. Also können Stigmata wie auch Vorurteile auf der Einstellungsebene verortet werden, während der Prozess der Stigmatisierung die Verhaltensebene anspricht.

Die folgende Tabelle veranschaulicht nochmals die oben genannten Begriffe:

Goffmans Überlegungen mündeten in verschiedene Stigma-Konzepte und begründeten die Stigmaforschung. Inzwischen ist letztere multidisziplinär geworden.
Ursachen von Stigmata
Schon 1975 schrieb Hohmeier eine Arbeit zu Ursachen und Funktionen von Stigmata mit dem Titel „Stigmatisierung als sozialer Definitionsprozess“. Stigmata sind für ihn mit einer Verallgemeinerung, mit der Übertragung eines einzelnen Merkmals sowie zusätzlichen negativen Attributen auf die gesamte Person verbunden und sind damit schon aus ihrer Struktur heraus sehr wirksam in Stigmatisierungsprozessen. Individuen möchten sich unterscheiden von den Anderen und sich abgrenzen. Ihr Verlangen, sich an Vorurteilen zu orientieren und sich daran zu entlasten, ist „anthropologisch“ verankert. Auch Hohmeier spricht dabei von der Abweichung von einer allgemeingültigen Norm an, er betont jedoch, dass ein Normbruch nicht automatisch eine Stigmatisierung auslösen muss. Darüber entscheiden die Verbindlichkeit und Verbreitung dieser Norm. Die Norm wird bestimmt von Instanzen, die sanktionieren können und vom Verhalten gesellschaftlicher Gruppen, deren Interessen betroffen sind. Prozesse der Stigmatisierung und Diskriminierung sind machtabhängig. Besteht ein Machtgefälle zwischen Stigmatisierten und Stigmatisierenden, dann erleichtert dies die Ausgrenzung und Stigmatisierung.

Soziale Funktionen von Stigmata

Wir unterscheiden bei den sozialen Funktionen zwischen einer Mikroebene, der Individuumsebene, und einer Makroebene, (die gesellschaftliche Ebene).

Mikroebene

Menschen orientieren sich über Stigmata und Vorstellungen von Normalität innerhalb sozialer Interaktionsgefüge. Wir haben bestimmte Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Attribute und Handlungen unserer Handlungspartner und stellen anhand von nur wenigen Merkmalen ein hohes Maß an Vermutungen über das Gegenüber an. Stigmata strukturieren also Situationen im voraus und erleichtern uns die Einstellung darauf. Neben dieser Entlastung kommt es jedoch zur Selektion und Verzerrung unserer Wahrnehmungen. Neue Erfahrungen werden unmöglich gemacht.
Auch tiefenpsychologisch gesehen wirken Stigmata entlastend. Selektionen in der Wahrnehmung dienen hier als Möglichkeit, Aggressionen in eine bestimmte Richtung zu kanalisieren. Die Stigmatisierungen können auch als Projektionen von eigenen verdrängten Triebansprüchen gedeutet werden.
Stigmatisierungen sichern die eigene Identität. So stellt die Begegnung mit Stigmatisierten oder Stigmatisierbaren häufig eine Bedrohung der eigenen Identität dar. Die Abgrenzung durch das Herausstellen der eigenen Normalität und der Ablehnung des anderen kann wieder ein Gleichgewicht herstellen.
Crocker wiederum erklärt 1998 über das Terror-Management die Stigmata. Da Menschen in einer kaum kontrollierbaren und bestimmbaren Umwelt leben, haben sie große Angst, die sie lähmen kann. Um der Angst zu entgehen strukturiert der Mensch die Welt so, dass sie wieder Ordnung und Bedeutung enthält. Stigmatisierungen dienen nun dazu, von kulturellen Normen abweichende Individuen oder Gruppen zu diskriminieren oder auszugrenzen, weil sie etwa bestimmten Vorstellungen der Übersichtlichkeit und der Vorhersehbarkeit von Handlungen oder Ereignissen widersprechen.
Natürlich geht es bei Stigmatisierungen auch um eine Selbstwertsteigerung. Andere Personen oder Marginalgruppen werden mit dem eigenen Status oder Zielen verglichen (downward comparison theory, vgl. Crocker et al.
1998). Fällt nun der Vergleich positiv für das Individuum aus, sind die anderen Personengruppen also „schlechter gestellt“, kann es sich selbst als besser bzw. wertvoller ansehen als die stigmatisierte Gruppe und stärkt damit das eigene Selbstwertgefühl.
Ähnlich funktioniert auf der Interaktionsebene die Erhöhung des Wertes der Eigengruppe. Stigmatisierung und Diskriminierung von anderen gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen eine Steigerung des Wertes der eigenen Gruppe. Rechtfertigt wird diese Ausgrenzung und Stigmatisierung von anderen Personen oder Gruppen durch die besondere Überlegenheit oder Bedeutung der eigenen Gruppe. Nach Hohmeier ist dieses Verhalten gerade in Wettbewerbssituationen, wenn Gruppen Druck oder Angst ausgesetzt sind, zu beobachten.

Ebene der Gesamtgesellschaft

Grausgruber stellt 2005 heraus, dass Stigmatisierung eine regulierende Funktion haben auf der gesellschaftlichen Ebene. So regeln Stigmata neben Normen, Werten und Einstellungen die Interaktion zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Gruppierungen.
Auch stabilisiert die Stigmatisierung das jeweilige System, da sie den Zugang zu knappen Gütern wie Belohnungen, Status, Berufs- oder Lebenschancen regeln. Sigmatisierung rechtfertigt auch Ungleichbehandlungen und unterschiedliche Positionen einzelner Gruppen der Gesellschaft. Deshalb lassen sich Diskriminierungen oder Privilegien meist leicht legitimieren, wenn zwischen Personen einzelner Gruppen der Gesellschaft Statusunterschiede vorhanden sind – wenn also eine Gruppe weniger Macht hat. Im Extremfall werden bestimmte Untergruppen als Sündenböcke für gesellschaftliche und soziale Missstände herangezogen. Gesellschaftlicher Ungleichheiten dienen ja oft dazu, bestimmte Konflikte innerhalb sozialer Gruppen zu verringern.
Stigmata stärken auch die Konformität zu bestimmten Normen. Durch die Einteilung in Stigmatisierte und Nichtstigmatisierte, ziehen die Nichtstigamtisierten Vorteile durch das „Normalsein“, sodass es für Angehörige dieser Gruppe Sinn macht, konform zu den bestehenden Normen zu leben.
Wir sehen also, dass Stigmata im Zusammenleben der Menschen eine wesentliche Funktion einnehmen. Also gibt es stigmatisierte Gruppen in jeder Gesellschaft. Die jeweiligen Ausformungen von Stigmata hinsichtlich der zugeschriebenen Merkmale oder der Stärke werden jedoch historisch und interkulturell sehr variabel gehandhabt. Gesellschaftliche Diskurse ändern Stigmata mal mehr und mal weniger, weil Stigmatisierungsprozesse meist auf relativ verfestigten und überdauernden Meinungen basieren (Hohmeier1975).
Insbesondere werden diese Unterschiede öffentlich stigmatisiert, die gerade als sozial relevant gelten. Hier in der westlichen Gesellschaft gehören dazu die psychischen Erkrankungen. Und dies obwohl nach Rüsch nicht genau abgegrenzt werden kann, weil oft keine scharfe Trennlinie zwischen seelischer Gesundheit und Krankheit gezogen werden kann.

Der Prozess der Stigmatisierung

Was passiert nun von der Feststellung eines Unterschieds bis hin zu diskriminierenden Aktivitäten?
Neben Goffman hat Scheff 1966 eine wegweisende Arbeit geschrieben, in welcher er eine Konzeption über die Verfestigung psychischer Erkrankungen beschreibt (labeling approach):
Die Gesellschaft hat bestimmte Vorstellungen über psychisch Kranke zu eigen, die zwar vielfältigst sind, jedoch ziemlich mit negative Stereotypen durchsetzt sind. Diese negativen Stereotypen eignen sich die Menschen im Verlauf ihrer Entwicklung, schon beginnend in der Kindheit, an.
Während der psychischen Erkrankung kommt es zu einer sog. „residualen Regelübertretung“, wobei nur ein Teil der Betroffenen mit solchen regelübertretenden Verhaltensweisen erkannt und mit dem Etikett „psychisch krank“ versehen wird.
Wenn eine Person einmal ein Stigma besitzt, dann wird dieses mit den einheitlichen Interaktionsmustern der Umwelt konfrontiert, welche auf weit verbreiteten und internalisierten Vorstellungen und Erwartungen darüber gründen, wie sich psychisch Kranke verhalten und wie ihnen begegnet werden soll.
Die gesellschaftlichen Reaktionen mit einem System von Belohnungen und Bestrafungen drängen den Betroffenen zur Übernahme und Internalisierung dieser Rolle eines psychisch Kranken. Die Folge können die Umorganisation seiner persönlichen Identität und damit auch die Chronifizierung von der psychischen Erkrankung sein.
Besonders Scheffs These der Chronifizierung wegen gesellschaftlicher Reaktionen wurde und wird recht kontrovers diskutiert. Link et al. Entwickelten jedoch daraus ihre „modifizierte Etikettierungstheorie“ (modified labeling approach).
Ebenso wie Scheff betont Link das Prozesshafte, führt jedoch zwei neue Sichten ein. Zum Einen wird das Stigmageschehen aus der Sicht der Stigmatisierenden analysiert, zum Anderen findet sich auch die Sichtweise und die Situation der Stigmatisierten.
Dabei sind in der Gesellschaft über psychische Erkrankungen und damit verbundenen Abwertungen und Diskriminierungen bestimmte Vorstellungen vorhanden.
Die sozialen oder medizinischen Kontrollinstanzen etikettieren offiziell und es wird psychisch abweichendes Verhalten bekannt. Die allgemeinen stereotypen und stigmatisierenden Vorstellungen werden mit der jeweiligen Person verknüpft.
Die Betroffenen reagieren auf das Stigma etwa mit Verheimlichung, sozialem Rückzug oder präventiver selektiver Information.
Das Ganze hat Konsequenzen für das Leben und die Lebensumstände der stigmatisierten Person. Negative Auswirkungen der Einstellungen der Gesellschaft bzw. der wichtigen Interaktionspartner werden deutlich. Es ergeben sich weitere negative Konsequenzen, um sich vor diesen Auswirkungen zu schützen wie etwa Selbstwertminderung oder die Einschränkung der Sozialkontakte.
Als Folge könnte es zu einer erhöhten Vulnerabilität für neue psychosoziale Probleme oder bereits bestehende Störungen kommen.
Auf Grundlage des obigen Modells von Jones (1984) konstruierten Link und Phelan 1999 ein erweitertes Stigma-Konzept, auf das die einschlägige Literatur oftmals zurückgreift, wenn es um Maßnahmen zur Entstigmatisierung bzw. Vermeidung von Diskriminierung geht.
Link und Phelan (vgl. folgend Link & Phelan 2001; Grausgruber 2005:30f) unterteilen den Stigmatisierungsprozess folgendermaßen:
Zunächst wird die Abweichung von der Norm wahrgenommen und benannt. Bei einer Person wird ein zentrales unterscheidendes Merkmal festgestellt und dieses mit einem negativen Etikett versehen Dafür in Frage kämen etwa bestimmte Verhaltensweisen, Negativsymptome von psychischen Störungen, Nebenwirkungen von Psychopharmaka oder auch das Bekanntwerden einer psychiatrischen Behandlung.
Danach kommt es zur Aktivierung negativer Stereotype: Die festgestellten Unterschiede werden mit negativen Attributen in Verbindung gebracht. Das Stereotyp von psychischen Erkrankungen löst sich vom beobachtbarem Verhalten betroffener Personen. Kulturell geprägte Vorstellungen kommen zum Einsatz und werden dem Träger des Etiketts „psychisch krank“ zugeschrieben. Das können sein die Chronizität, Gefährlichkeit oder die Eigenverantwortung.
Des Weiteren grenzt sich der Stigmatisierende ab vomTräger des Stigmas. Es kommt zur Ab- und Ausgrenzung mit Betonung der Trennung in Eigen- und Fremdgruppe, welche im Gegensatz zu somatischen Erkrankungen meist mit der Übertragung des Stigmas auf die gesamte Person verbunden ist. Man spricht von der Anorexie oder dem Schizophrenen. An diesem Punkt greift auch die Macht als zentrale Grundlage zur sozialen Produktion eines Stigmas.
In der nun folgenden Diskriminierung bilden sich ein „Wir“ und ein „Sie“ und die unerwünschten Eigenschaften lassen eine Rechtfertigung konkreter Diskriminierungen zu. Diese gliedern sich in die Diskriminierung bei sozialen Interaktionen, die strukturelle Diskriminierung und die Diskriminierung über Selbststigmatisierung seitens der betroffenen Person.
Die Stigmatisierung hat dann negative Konsequenzen für den Stigmatisierten: Statusverlust, Auswirkungen struktureller Diskriminierungen, persönlichkeitsspezifische Auswirkungen und negative Konsequenzen von Bewältigungsversuchen, die zu erneuter Stigmatisierung führen können.
Angermeyer wies 2003 auf mehr Folgen hin: Unerfreuliche Kontakte mit stigmatisierenden Personen, eingeschränkte sozialen Beziehungen über ein vermindertes Selbstwertgefühl, vermehrte depressive Symptome bis hin zu reduzierten Lebenschancen allgemein wie etwa Arbeitslosigkeit und vermindertem Einkommen.

Folgen der Stigmatisierung

Hohmeier benannte schon 1975 drei Folgebereiche von Stigmatisierung.
Da wäre zum Einen die Ebene der individuellen Identität: So kommt es bei Stigmatisierten und hier besonders bei Personen, die durch eine neu auftretende Krankheit stigmatisiert werden, oft zur „Neubestimmung der persönlichen Identität“. Gerade auf dem Gebiet der Behindertenforschung werden Stigmaprozesse als identitätsverändernd erlebt. Cloerkes entwickelte hierzu 2000 eine Stigma-Identitäts-These (2000). Corrigan (2002) und Knuf (2005) beschäftigten sich mit der Selbststigmatisierung.
Dann haben wir da den Bereich der sozialen Interaktion. Wegen der Diskreditierungen hat das stigmatisierte Individuum Probleme damit, in der Interaktion mit den Nicht-Stigmatisierten als vollwertiger Interaktionspartner anerkannt zu werden. Der Stigmatisierte versucht, die Informationen zu steuern. Daraus resultieren Spannungen, Unsicherheiten und Angst in der Kommunikation zwischen den beiden Gruppen. Um die Folgen der Stigmatisierung zu mindern, bedarf es im Kontakt mit anderen eines erfolgreichen Stigma-Management des Stigmaträgers.
Dazu kommen noch Behinderungen auf der Ebene der sozialen Teilhabe in der Gesellschaft. Es ergeben sich Rollenverluste und erschwerte Zugänge zu gesellschaftlichen Positionen und Ressourcen. Dies kann zu Einschränkungen der Lebensqualität und Lebenschancen führen.
Insgesamt gesehen befinden sich das stigmatisierte Individuum in einer schweren Zwangslage. Link und Phelan gehen ebenso von einem relativ schwierig abzulegenden Stigma der psychischen Krankheit aus: Da sind auf der einen Seite vielfältige Mechanismen der Stigmatisierung und Diskriminierung, die durch die unterschiedlichen Facetten einer psychischen Erkrankung ausgelöst werden können. Dann fordern da die Bemühungen des Betroffenen, die Ausprägungen des Stigmas zu reduzieren, eine Menge an psychischer Energie und sozialem Aufwand. Selbst wenn diese Bemühungen zum gewünschten Ergebnis kommen, dann ziehen sie häufig unerwünschte Nebenwirkungen oder das Entstehen von neuen Problemen in anderen Bereichen nach sich. (vgl. Link & Phelan 2001). Die stigmatisierte Person befindet sich in einem Dilemma, einem Teufelskreis.
Wir haben also gesehen, dass viele Faktoren auf den Stigmaprozess einwirken und die Ausprägung bzw. das Stigmaerleben des Betroffenen mitbestimmt.
Psychosoziale Beeinträchtigung und Lebensqualität
Psychische Erkrankungen bringen viele negative psychosoziale Folgen mit sich. Diese sind entweder unmittelbare Folge der Krankheit (etwa das reduzierte Leistungsvermögen) oder aber sitzen in den bestehenden Strukturen und Prozessen des sozialen Umfelds, der Gesellschaft (wie Toleranz, Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen) fest. Bottlender und Möller stellen 2005 fest, dass die psychosozialen Defizite Ausdruck einer Systemstörung sind. Dabei werden sowohl die individuellen als auch gesellschaftlichen adaptiven Prozesse und Kapazitäten zur Aufrechterhaltung der Stabilität im System überstrapaziert.
Besonders im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen kommt es , zum krankheitsbedingten sozialen Abstieg (social drift) und die soziale Weiterentwicklung der Kranken blebt aus (social stagnation). Die Sorge um die Selbstdarstellung, die Bewältigung der täglichen Aufgaben, die Freizeitaktivitäten, die Kommunikation beherrschen den Alltag und es kommt zum sozialen Rückzug. Insbesondere bei psychischen Erkrankungen kommt es zu Abweichungen bei der sozialen Anpassung. Die Untersuchungen belegen jedoch nicht, dass die Beeinträchtigung spezifischer sozialer Rollenfunktionen und Verhaltensweisen von der Störung abhängen. Eher hängt die Beeinträchtigung im psychosozialen Bereich von der Schwere der Erkrankung ab.
Die psychosoziale Beeinträchtigung stellt nach Bottlender ein „Abweichen der Verhaltensmuster eines Individuums von den sozialen Erwartungen seiner normgebenden Bezugsgruppe“ dar. Internalisierte Normen und Werte der jeweiligen Gesellschaft bestimmen dabei das Handeln und bestimmte Erwartungshaltungen, so dass wahrgenommene Abweichungen durch die Beenträchtigung zu Stigmaprozessen führen können.
Wir haben es also zu tun mit Defiziten und Störungen des Individuums als auch mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Prozessen.
Die psychisch Kranken sehen sich negativen Bewertungen und Veränderungen der Erwartungshaltung gegenüber, die dann zur Festigung von krankheitsbedingten sozialen Defiziten führen. Die stereotypen Verhaltensweisen und Erwartungshaltungen können in einen Teufelskreis führen, da Stigmatisierungsprozesse ausgelöst werden, die wiederum zu weiteren Beeinträchtigungen in der Rollenausübung des Individuums führen können. Bottlenders Aussagen sind also nicht weit entfernt vom oben beschriebenen erweiterten Stigma-Ansatz.
Bei der Besprechung von Stigmata ist auch die Lebensqualität zu untersuchen. Ein aussagekräftiger Forschungsbericht ist die „Global Burden of Disease Study“. Demnach zählen psychische Erkrankungen zu der Gruppe von Krankheiten, die zu den gravierendsten Behinderungen und dem größten Verlust gesunder Lebensjahre, also auch von Lebensqualität, führen. Sie folgen gleich den kardiovaskulären Erkrankungen auf der Skala. (vgl. Rüsch et al. 2005). In die Erfassung der Lebensqualität fließen ein die gesellschaftliche Dimension und das persönliche und individuelle Wohlbefinden.
Allgemeiner sieht Bullinger 1991 die auf die Gesundheit bezogene Lebensqualität. Diese beschreibt nach seinen Worten die „körperlichen, psychischen, mentalen, sozialen und funktionalen Aspekte des Befindens und der Funktionsfähigkeit der Patienten aus ihrer Sicht“
Für Erwachsene gibt es inzwischen ausgefeilte Methoden und viele Studien, während Kinder und Jugendliche meist noch nicht erfasst sind. Drei von vier Studien beschäftigen sich in diesem Bereich mit krebskranken oder transplantierten Kindern und Jugendlichen. Entsprechend wenig berücksichtigt die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung den Aspekt Lebensqualität. Wenn darüber gesprochen wird, dann geht es in der Hauptsache um das Selbstwertgefühl, welches bei psychischen Erkrankungen stark belastet ist. Kinder und Jugendliche suchen ja noch nach ihrer Identität. Eine psychische Erkrankung und die dazugehörigen Stigmatisierungen führen dann fast automatisch zu einem verminderten Selbstwertgefühl.
Schmeck entwickelte nun einen Fragebogen zur Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen, den Möller 2002 anwendete. Sie stellte dabei fest, dass Forschungen auf diesem Gebiet zur Qualitätssicherung der Behandlung in Psychiatrien beitragen kann, weil das Bewusstsein für Stigmaprozesse der in der Psychiatrie Beschäftigten geschärft werde und damit ein iatrogenes Stigma vermindert werden könne.

Schluss

Goffman hat in seinem Buch „Stigma“ schon recht früh alle wichtigen Aspekte aufgeführt, die mit Stigma und Stigmatisierung zu tun haben und dann wissenschaftlich untersucht worden sind. In einem weiteren Buch namens „Asyle“ beschreibt er 1972 die Psychiatrie als Institution. Diese Institution ist ein Kontroll- und Disziplinarsystem. In der Psychiatrie als totalen Institution laufen viele Machtprozesse ab, die er samt den Anpassungsformen der Patienten an die institutionellen Rahmenbedingungen beschreibt. Schon hier verknüpft Goffman institutionelle und subjektorientierte Sichtweisen und verdeutlicht zum Beispiel, dass die Patienten Stigmaprozessen auf drei Ebenen gegenüberstehen: Von außen („Der ist in der Klapse.“), von innen („Du benötigst Hilfe, weil du psychisch krank bist.“) und durch sich selbst („Ich bin unfähig.“)
Die beiden Bücher Goffmans begründen eine breit angelegte weitere Forschung und Theorieentwicklung, in der die Institutions- und Subjektebene aber auch die gesellschaftlicher Ebene untersucht werden.
Der Stigmatisierung von psychisch Kranken widmen sich inzwischen viele Studien und Forschungsarbeiten. Diese untersuchen die Stigmatisierung meistens nur aus der Fremdperspektive. Dabei werden bestimmte Bevölkerungsgruppen nach ihren Einstellungen und Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken befragt. Die Befragungen fallen oft nur quantitativ aus und untersuchen nicht, wie Stigmatisierung entsteht und fortbesteht.Vielmehr geht es darum, pragmatische Möglichkeiten der Entstigmatisierung und Bewältigung von Stigmen aufzuzeigen. Viele der Projekte haben nur den Erwachsenenbereich im Auge. Dabei wäre es genauso interessant, etwas darüber zu erfahren, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen selbst ihre Stigmatisierung erleben. Diesem Feld widmete sich Angermeyer, der 2003 alle seit Mitte der 1980er Jahre entstandenen Arbeiten, die mit der subjektiven Stigmatisierung psychisch Kranker zu tun haben, untersuchte. Er stellt dabei fest, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen vielfältigen Stigmatisierungen ausgesetzt sind. Dabei ist zu unterscheiden zwischen den erwarteten negativen Reaktionen der Umwelt und tatsächlich erfahrenen Diskriminierungen. Angermeyer fand für den Umgang mit Stigmata eher defensive Strategien. Antizipierte, konkret erfahrene Stigmatisierungen und die von den Erkrankten gewählten Bewältigungsversuche haben enorme Auswirkungen auf deren soziale Beziehungen, ihre Lebensqualität, ihre Arbeitssituation sowie auf die subjektive Befindlichkeit und das Selbstwertgefühl. Dabei wirkt sich die Furcht vor Stigmatisierung negativ auf das Hilfesuchverhalten aus. Laut Angermeyer sollte sich das Bemühen um eine Reduzierung der Stigmatisierung psychisch Kranker nicht darauf beschränken, objektive Diskriminierung zu bekämpfen, sondern das Augenmerk genauso auf das Stigmaerleben der Betroffenen zu richten.
Die herangezogenen Arbeiten befassen sich ausschließlich mit erwachsenen psychisch Kranken. Auch hier bleiben Kinder- und Jugendpsychiatrie unberücksichtigt. Doch auch hier kann das soziale Phänomen der Stigmatisierung zum Problem werden. Auch hier beeinflusst die Stigmatisierung die Früherkennung, Behandlungsbereitschaft, Rehabilitation, Compliance und Rückfallrate negativ, wie Angermeyer feststellt.

Quellen

  • http://de.wikipedia.org
  • Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt 1974
  • Crocker, J., Major, B., Steele, C. (1998). Social stigma. In: D. T. Gilbert, S. T. Fiske, et al. (Eds.). The handbook of social psychology, Vol. 2 (4th ed.). Boston: McGraw-Hill.
  • Detlef Baum: Relative Deprivation und politische Partizipation. Sozialstrukturelle Bedingungen politischer Beteiligung. Peter Lang, Frankfurt am Main, Bern, Las Vegas. 1978.
  • Mental illness stigma: concepts, consequences, and initiatives to reduce stigma. Rüsch N, Angermeyer MC, Corrigan PW.
  • http://www.fh-hannover.de/fileadmin/media/doc/bibl/blumhardtverlag/lesep...
  • Schäfers, Bernd (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie
  • Angermeyer MC: Das Bild der Psychiatrie in der Öffentlichkeit. In: Schüttler R (Hrsg.): Versorgungsstrukturen in der Psychiatrie. Berlin, Heidelberg: Springer 1994
  • Corrigan PW, Ruesch N: Mental illness stereotypes and clinical care: do people avoid treatment because of stigma? Psychiatr Rehab Skills 2002
  • Finzen A: Psychose und Stigma. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2000.
  • Anna Artych, „Diagnose, Demenz-Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch kranker Menschen“

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