Schizophrenie treibt Familie in die Armut

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18.12.2014

Schizophrenie treibt Familie in die Armut

34-jährige Mutter und ihre beiden Söhne leiden unter psychischen Krankheit des Vaters – Aus Wut zerstört der 43-Jährige alles

Die Familie leidet nicht nur psychisch unter der Schizophrenie des Vaters, sondern auch materiell. Die Familie leidet nicht nur psychisch unter der Schizophrenie des Vaters, sondern auch materiell. dpa/Julian Stratenschulte
Kreis Tuttlingen sz Annika Alder (Name von der Redaktion geändert) – 34 Jahre alt und Mutter zweier Kinder im Alter von zehn und 14 Jahren – ringt seit Jahren damit, sich und ihre kleine Familie über Wasser halten zu können. Der zehnjährige Sohn ist geistig behindert. Der Vater ist vor fünf Jahren an Schizophrenie erkrankt und treibt seitdem seine Familie mit seinem Verfolgungswahn und seiner Zerstörungswut in die soziale Isolation und den finanziellen Ruin. Die Scham über das familiäre Elend macht der 34-Jährigen zusätzlich zu schaffen, um aus der Misere herauszukommen.

Verfolgungswahn des Vaters
Annika Alder kam 2003 aus Kasachstan nach Deutschland – ohne einen Brocken Deutsch zu sprechen. Ivan, ihr Mann und Vater beider Söhne, war seit Mitte der 90er-Jahre in Deutschland und hatte bei einem metallverarbeitenden Betrieb im Landkreis Tuttlingen Arbeit gefunden. Der 43-Jährige verdiente gut und holte aus diesem Grund seine Familie aus dem Land der ehemaligen Sowjetunion zu sich nach Deutschland.

Alles schien gut zu laufen. Doch eines Tages veränderte sich die Situation jäh. Das Verhalten des 43-Jährigen wurde immer verschrobener, zur Arbeit ging er nicht mehr, die er alsbald verlor. Aus dem Haus traute er sich auch nicht mehr und verließ dieses nur noch selten. Er bekam Angst vor fremden Menschen, misstraute allem und jedem. „Ich kam nach Hause und habe ihn nicht wieder erkannt“, erzählt Annika Alder unter Tränen.

Der Verfolgungswahn des Mannes nahm immer schwerere Züge an. „Es ist immer schlimmer geworden. Er ist aufs Rathaus gegangen und hat uns abgemeldet“, sagt die 34-Jährige. Fortan tyrannisierte der psychisch Kranke Ämter, Behörden – und seine Familie damit, jegliche Daten über sich löschen zu lassen und sich nahezu „unauffindbar“ zu machen – unsichtbar für die Behörden.
Damit stürzte er seine Frau und seine Kinder in bitterste Not: Das Sozialamt fror die Gelder ein, der Strom wurde der Familie abgestellt, Rechnungen kamen als unzustellbar zurück oder fielen dem Vater in die Hände, der Zahlungsaufforderungen und Briefe von Behörden umgehend vernichtete. Auch das Kranken- und Pflegegeld für den behinderten Sohn fand die Familie nicht mehr, da der schizophrene Vater auch die Bankkonten der Familie auflösen ließ.

Hatte es Annika Alder zu Anfang noch mit immenser Kraft geschafft, ihren Mann zu bewegen, einen Arzt aufzusuchen, weigerte sich der 43-Jährige alsbald, sich helfen zu lassen und verweigerte die Therapie. „Dadurch ist es aber noch schlimmer geworden. Auch seine Medikamente nimmt er nicht. Er hat geglaubt, dass man ihn ausspionieren will“, erzählt sie. In Abständen fahre die Wut in den Mann. Dann zerstöre er in Anfällen Besitztümer der Familie, darunter auch Einrichtungsgegenstände, Kleidung und elektrische Geräte.

„Was soll ich machen – allein mit einem kranken Kind und einem kranken Mann?“ Auch die in Deutschland lebenden Angehörigen ihres Mannes unterstützen die 34-Jährige kaum .
Annika Alder lässt sich trotz der Situation nicht entmutigen und arbeitet als Reinigungskraft auf Mini-Job-Basis, um der Familie beizustehen. Sie absolvierte jüngst einen Deutschkurs und boxte nach langem Hinundher mit Hilfe der Caritas ihre Einbürgerung in Deutschland durch – gegen die Widerstände ihres Mannes und seiner Paranoia vor Behörden. „Das war ein regelrechter Kampf, die Unterschrift ihres Mannes zu bekommen“, weiß Halyna Drohozhylo, Migrationsberaterin für Zuwanderer im Caritas-Diakonie-Centrum in Tuttlingen, die Annika Alder unterstützt. Andernfalls wäre Annika Alder nach Kasachstan abgeschoben worden.

Jetzt in der kalten Jahreszeit fehlt es der Familie an Winterbekleidung. Ihrem „Mirkokosmos“ – der viel zu kleinen Wohnung – will die Familie im kommenden Sommer auch entfliehen. Dazu sucht sie eine Wohnung (90 Quadratmeter) für eine vierköpfige Familie und eine Transportmöglichkeit für den Umzug.

Bei Sachspenden wenden Sie sich an das Caritas-Diakonie-Centrum in Tuttlingen unter Telefon 07461/ 969 717 14.

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