Stigmatisierung – Was ist das?

Stigmatisierung – Was ist das?

Die Soziologie beschreibt die Stigmatisierung als einen Prozess, durch den Individuen bestimmte andere Individuen in eine bestimmte Kategorie von Positionsinhabern einordnen. Dabei kommen die folgenden Mittel zum Einsatz:

die Zuschreibung von Merkmalen und Eigenschaften, die diskreditierbar sind;
die Diskreditierung von Merkmalen und Eigenschaften, die diskreditierbar sind;
die Diskreditierung bereits vorhandener, sichtbarer Merkmale und Eigenschaften.

Wenn Menschen eine Person oder eine Gruppe von Personen durch gesellschaftlich oder gruppenspezifisch negativ bewertete Merkmale charakterisieren, werden sie dadurch in sozialer Hinsicht diskriminiert.

Wichtigkeit der Problematik

Schon 2001 fand der Weltgesundheitstag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter dem Motto „Stop Exclusion - Dare to Care“ (Exklusion stoppen – Trau Dich darauf zu achten) statt. Das Ziel war die intensive Bemühung um die Entstigmatisierung psychisch Kranker in der Gesellschaft etwa über Anti-Stigma-Kampagnen.

Definition
Das Wort Stigma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Stich“ bzw. „Wundmal“. Es handelt sich dabei um eine unerwünschte Andersheit gegenüber dem, was wir erwartet hätten. Ein Stigma ist eine Verallgemeinerung von einer spezifischen Handlung oder Eigenheit einer Person auf deren Gesamtcharakter. Dabei bewirkt das Stigma einen Status der Person, der gegenüber ihren übrigen Eigenschaften hervorsticht.
Erving Goffman, einer der größten Antistigmaforscher, betrachtet das Stigma als Beispiel für die Kluft zwischen dem, was eine Person sein sollte (ihrer virtuellen sozialen Identität) und ihrer wirklichen sozialen Identität, d. h. was sie wirklich ist.

Soziale Distanz

Um Stigmatisierungen festzustellen, hat sich die Messung der erwünschten „sozialen Distanz“ als häufig angewandte Methode bewährt: Dabei werden die untersuchten Personen danach befragt, ob sie jemanden mit dem spezifischen Stigmatisierungsmerkmal (z. B. einer psychischen Erkrankung) als Mieter, Nachbarn oder Babysitter akzeptieren würden. Dann wird auch gefragt, ob die befragte Person in eine Familie einheiraten würde, in der Menschen mit dem spezifischen Stigmatisierungsmerkmal leben, oder ob die untersuchte Person solche Menschen in ihren sozialen Kreis aufnehmen würde oder als Mitarbeiter empfehlen würde.
So fand man heraus, dass psychisch Kranke in Nigeria mehr stigmatisiert werden als in Deutschland. Dies hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Deutschen besser über diese Krankheiten informiert sind als die Nigerianer.
Interessant erscheint auch, dass sich auch die besonders gut über die Sachverhalte informierten Fachleute in ihren Antworten auf die Fragen bezüglich sozialer Distanz kaum von der Durchschnittsbevölkerung unterscheiden. Dies wirft wichtige Fragen auf zum Rollenbild und der Funktion von Psychiatern in der Verhütung und Bekämpfung von Stigmatisierungen psychisch Kranker.

Formen der Stigmatisierung

Öffentliche Stigmatisierung

Eine öffentliche Stigmatisierung erfolgt beispielsweise am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche. Die individuelle Stigmatisierung zeigt sich dann, wenn Menschen im direkten Kontakt mit anderen Menschen eine soziale Distanz ihnen gegenüber aufrecht erhalten. Mobbing, Ausgrenzung, persönliche Angriffe und Entmündigung sind aufgrund des Stigmas in vielen Ländern keine Seltenheit. Benachteiligung bis hin zum vollständiger Ausschluss bei der Arbeitsplatz und Wohnungssuche können bei einem Bekanntwerden erschwerend hinzu kommen. Der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben muss nicht durch eigenes Fehlverhalten oder Verschulden verursacht sein, sondern kann alleine aufgrund von gesellschaftlichen Vorurteilen und Vorstellungen gegenüber psychisch Kranken geschehen.

Selbststigmatisierung

Die Diskriminierung aufgrund von Selbststigmatisierung geht von den psychisch Kranken selbst aus. Die Betroffenen übernehmen die Stereotypen (Vorurteile) die in der Gesellschaft über psychisch Kranke vorherrschen. Dieses Verhalten ist oft bei dauerhaft auf psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe angewiesenen Kranken zu beobachten. Gründe sind Resignation, Existenzängste oder Verunsicherung.
Anti-Stigma-Kampagnen versuchen, die Vorurteile gegenüber psychisch Kranken abzubauen. Diese sind zwiespältig zu bewerten. Die Resonanz ist gering, die bestehenden gesellschaftlichen Vorurteile abzubauen. Zudem verzichten sie auch nicht auf Bewertungen in Form psychiatrischer Diagnosen. Die Bewusstmachung der Öffentlichkeit der Notlage der Betroffenen ist dagegen als positiv anzusehen.

Strukturelle Diskriminierung

In der strukturellen Diskriminierung geht es um das Verhalten öffentlicher und privater Einrichtungen gegenüber psychisch kranken Menschen. So geht es um die Ungleichstellung mit somatisch Erkrankten und die Ungleichverteilung der Ressourcen der Krankenkassen.
Die strukturelle Stigmatisierung zeigt sich in Deutschland vor allem durch Sondergesetze gegenüber psychisch kranken Menschen, den so genannten auf Landesebene erstellten Psychisch-Kranken-Gesetzen (PsychKGs). Dazu gehört auch die längere oder dauerhafte Speicherung psychiatrischer Diagnosen seitens der Krankenkassen. Zwangsmaßnahmen, gerichtliche Entmündigung und Sterilisation der Betroffenen praktizieren viele Länder.

Quellen

  • http://de.wikipedia.org
  • Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt 1974
  • Crocker, J., Major, B., Steele, C. (1998). Social stigma. In: D. T. Gilbert, S. T. Fiske, et al. (Eds.). The handbook of social psychology, Vol. 2 (4th ed.). Boston: McGraw-Hill.
  • Detlef Baum: Relative Deprivation und politische Partizipation. Sozialstrukturelle Bedingungen politischer Beteiligung. Peter Lang, Frankfurt am Main, Bern, Las Vegas. 1978.
  • Mental illness stigma: concepts, consequences, and initiatives to reduce stigma. Rüsch N, Angermeyer MC, Corrigan PW.
  • Schäfers, Bernd (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie
  • Angermeyer MC: Das Bild der Psychiatrie in der Öffentlichkeit. In: Schüttler R (Hrsg.): Versorgungsstrukturen in der Psychiatrie. Berlin, Heidelberg: Springer 1994
  • Corrigan PW, Ruesch N: Mental illness stereotypes and clinical care: do people avoid treatment because of stigma? Psychiatr Rehab Skills 2002
  • Finzen A: Psychose und Stigma. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2000.

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