US-Suchtforscher: Die Mär von der Horrordroge Crystal Meth

US-Suchtforscher: Die Mär von der Horrordroge Crystal Meth

Wie gefährlich ist Crystal Meth wirklich? Der US-Forscher Carl Hart lädt Süchtige in sein Labor und untersucht ihren Konsum. Er findet: Die Risiken vieler Drogen werden bizarr übertrieben.

Wenn Carl Hart Besuch bekommt, liegen die Drogen oft schon bereit. Hart ist Professor an der Columbia University in New York und testet die Wirkung von illegalen Betäubungsmitteln. Dazu lädt er Drogennutzer in sein Labor, wo sie dann Marihuana oder Crack rauchen, andere schniefen Kokain oder Crystal Meth - abgesegnet von einer Ethik-Kommission.

Kritiker fragen: Darf ein Professor illegale Drogen verabreichen? "Es ist genau anders herum, es wäre unethisch, diese gefährlichen Substanzen nicht im Labor zu untersuchen", sagt Hart. "Ohne Forschung am Menschen fehlt die Grundlage für vernünftige, wirksame Therapien."

Derzeit erforscht der Psychopharmakologe Crystal Meth. Das Aufputschmittel aus dem Labor erlebte seit den Sechzigerjahren diverse Konjunkturen, derzeit kommt es hierzulande meist aus tschechischen Drogenküchen. Die weißlichen Methamphetamin-Kristalle lassen sich schlucken, rauchen oder durch die Nase ziehen. Sogenannte Meth-Heads fühlen sich fit, tanzen oder arbeiten teils die Nacht durch, werden oft übermäßig gesprächig. Am nächsten Tag folgt oft eine Verstimmung, einige versinken in Psychosen. Soweit herrscht Einigkeit.

Doch Hart warnt vor Sensationsgier. Crystal Meth werde oft als einzigartig gefährlich hochgeschrieben. Auch in deutschen Zeitungen ist viel über die "Teufelskristalle" zu lesen: "Die weißen Kristallbrocken machen schon beim ersten Mal süchtig", heißt es etwa. "Dann zerstören sie den Körper, fressen regelrecht Löcher ins Gehirn." "Menschen, die einst nett und gesund aussahen, verwandeln sich innerhalb weniger Wochen oder Monate in Zombies." Und Anti-Drogen-Kampagnen wie "Faces of Meth" schocken mit Vorher-Nachher-Porträts von Abhängigen mit verfaulten Zahnstümpfen und vernarbter Haut.

"Derlei Horror-Kampagnen verspielen viel Vertrauen", warnt Hart, der seit 25 Jahren Drogen erforscht und mit seinen Rastalocken und blitzendem Goldzahn eine auffällige Erscheinung an der traditionsbewussten Eliteuni ist. Häufig, so der Endvierziger, würden extreme Einzelfälle als die Regel dargestellt. "Das ist unredlich."

Nicht die Droge ist das Problem - sondern die Perspektivlosigkeit

Hart schätzt, dass nur etwa zehn bis zwanzig Prozent der Crystal-Nutzer süchtig werden. Selbst bei Langzeitnutzern könne er weder Hirnschäden noch Unzurechnungsfähigkeit diagnostizieren. Zumindest bei niedrigen Dosierungen schneiden Probanden oft besser in Sachen Reaktionsgeschwindigkeit und Raumwahrnehmung ab als drogenfreie Vergleichsprobanden.

"Natürlich ist Crystal ungesund und gefährlich", sagt Hart. "Aber das ist Alkohol doch auch." Jedes Jahr sterben laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehrere Millionen Menschen durch Alkohol. "Die meisten Menschen trinken aber maßvoll." In vielen Fällen sei nicht Crystal selbst das Problem, sondern die Perspektivlosigkeit der Nutzer.

Der Professor weiß, wovon er spricht. Er wuchs in einer zerrütteten Familie in Miami auf. In seiner Autobiografie "High Price" erzählt er, wie er als Fünfjähriger zusehen musste, wie sein Vater seine Mutter mit einem Hammer fast totprügelte. Das Buch ist ein Bericht über sexuelle Eskapaden, Schusswaffen, Einbrüche. Hart entkam dem Elend, als er beim Militär anheuerte. In der Kaserne begann er zu lesen, zu lernen und zu kiffen. Später griff er zu Kokain. Als sich eine akademische Laufbahn auftat, hörte er damit auf. Und wollte verstehen, warum so viele seiner Freunde im Drogenmilieu versackten.

Anfänglich nahm er wie viele an, dass fast jeder Nutzer abhängig sei. Doch je mehr er forschte, desto mehr wunderte er sich, wie schlampig viele Forschungsarbeiten gemacht waren: Die Dosierung bei Tierversuchen zu hoch, die Scans scheinbar drogenzerfressener menschlicher Hirne überinterpretiert, das angeblich eingeschränkte Denkvermögen eigentlich im Normalbereich. In einem Überblicksartikel wies er etliche Fehler in mehr als 40 Arbeiten zu Crystal Meth nach. Fachlich regte sich kaum Widerspruch.

"Die Gesellschaft ist süchtig nach reißerischen Drogengeschichten und zahlt dafür einen hohen Preis", sagt Hart: "Drogen-Hysterien werden oft benutzt, um Randgruppen zu stigmatisieren. Bei Crystal sind das vor allem Schwule, Arme und Leute vom Land."

Harts Buch hat eine Diskussion ausgelöst. "Das Gerede von der gefährlichsten Droge aller Zeiten und von der bundesweiten Epidemie ist ein gefährlicher Hype", sagt auch Tim Pfeiffer-Gerschel, Geschäftsführer der deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. "Drogen kommen und gehen, aber das Gesamtphänomen hat sich in der Dimension seit vielen Jahren kaum verändert."

Verharmlost Hart gefährliche Drogen?

Ingo Schäfer vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) in Hamburg dagegen warnt: "Man sollte harte Drogen nicht verharmlosen." Für eine Studie befragte das ZIS 392 Nutzer. Das Ergebnis ist für Schäfer eindeutig: Die überwiegende Mehrheit der regelmäßigen Crystal-Konsumenten sei süchtig.

"Hart redet Suchtwirkung, Psychosen und Zahnschäden klein", kritisiert auch Roland Härtel-Petri, leitender Arzt des Suchtbereichs am Bezirkskrankenhaus Bayreuth. Er stützt sich in seinem Buch "Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt" allerdings weniger auf Fachjournale als auf Erlebnisberichte von Patienten. "In den USA ist die Situation anders, hierzulande haben wir zum Glück viele Therapieangebote."

Hart sagt hingegen: "Über 80 Prozent der Crystal-Nutzer sind eben gar nicht süchtig." Die meisten bräuchten weder Therapie noch Strafe. Der Diskurs über Drogen werde von zwei Berufsgruppen dominiert, die ein Interesse daran hätten, das Thema aufzubauschen: Polizei und Suchtkliniken.

Als Hart bereits Professor war, holte ihn seine Vergangenheit wieder ein: Er erfuhr von einem Sohn, den er als Teenager gezeugt hatte, und der heute Dealer ist. Dass seine beiden jüngeren Söhne im Teenager-Alter in New York auch zu Drogen greifen könnten, wenn sie nicht durch Horrormeldungen über die Teufelskristalle abgeschreckt würden, glaubt Hart nicht: "Das größte Risiko ist, dass unsere Kinder uns irgendwann nicht mehr glauben, wenn wir sie über Suchtverhalten aufklären wollen."

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