Neurologische und Psychiatrische Erkrankungen: Mehr Fachärzte – bessere Versorgung

Neurologische und Psychiatrische Erkrankungen: Mehr Fachärzte – bessere Versorgung
Dtsch Arztebl 2014; 111(45): A-1932 / B-1652 / C-1584
Osterloh, Falk

Eine Studie zeigt die Schwachstellen in der Versorgung von Menschen mit Multipler Sklerose, Demenz und Schizophrenie auf: Nach Erstdiagnose und Krankenhausaufenthalt dauert es teils sehr lange, bis die Patienten weiterbehandelt werden. Und: Die Versorgung variiert regional deutlich.

Die Patientenversorgung in Deutschland orientiert sich nicht in erster Linie an therapeutischen Anforderungen. Stattdessen wird sie durch „strukturelle Unterschiede der regionalen Angebotskapazität“ bestimmt. Zu diesem Ergebnis kommen Autoren des IGES-Instituts, die die Versorgung von Patienten mit Multipler Sklerose (MS), mit Demenz und mit Schizophrenie untersucht haben. In Auftrag gegeben wurde die Studie „Neurologische und psychiatrische Versorgung aus sektorenübergreifender Perspektive“ von den Berufsverbänden der Nervenärzte, der Neurologen und der Psychiater sowie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Grundlage der Untersuchung waren die Daten von 250 000 Versicherten der Barmer GEK aus den Jahren 2008 bis 2010.

Die erste Erkenntnis der Autoren lautet: Fachärzte für Neurologie, Nervenheilkunde beziehungsweise Psychiatrie übernehmen zu einem Großteil die Versorgung der untersuchten Patientengruppen. 94 Prozent der MS-Patienten sowie 80 Prozent der Schizophreniepatienten werden ausschließlich oder unter Beteiligung dieser Fachärzte ambulant behandelt. Bei Demenzkranken sind es 57 Prozent. Jedoch nur bei einem von fünf Demenzkranken wird die Erstdiagnose von einem dieser Fachärzte gestellt. „Angesichts eines hohen Anteils unspezifischer Demenzdiagnosen erscheint die Beteiligung der Fachärzte hier ausbaufähig“, befinden die Autoren der IGES-Studie.

Vier Bereiche beteiligt

Wie wichtig eine sektorenübergreifende Versorgung ist, zeigt sich insbesondere bei schwerwiegenden Erkrankungen. So umfasste die Behandlung von 86 Prozent der MS-Patienten mindestens drei der folgenden Versorgungsbereiche: Hausarzt, Facharzt, Arzneimittel, stationär, Pflege und Rehabilitation. Gleiches gilt für je drei von vier Schizophrenie- und Demenzpatienten. Leistungen aus mindestens vier dieser Versorgungsbereiche erhielten 40 Prozent der Demenz-, 36 Prozent der MS- und 27 Prozent der Schizophreniepatienten.

Lange Wartezeiten

Probleme bei einer vertragsärztlichen Versorgung nach der Erstdiagnose zeigten sich vor allem bei Demenzkranken: Nur einer von vier Patienten wurde innerhalb von sechs Wochen nach der Erstdiagnose von einem Neurologen, einem Nervenarzt oder einem Psychiater behandelt. Bei Schizophrenen war es einer von drei, bei MS-Patienten jeder Zweite. Zahlreiche Patienten wurden in den ersten sechs Wochen nach ihrer Erstdiagnose weder von einem der genannten Fachärzte noch von einem Hausarzt oder in einem Krankenhaus betreut: 22 Prozent der Schizophrenie-, 16 Prozent der MS- und zwölf Prozent der Demenzpatienten. Die Zeit bis zum ersten Facharztkontakt nach Erstdiagnose sei dabei umso kürzer, je mehr niedergelassene Fachärzte in einer Region tätig seien, erklärt das IGES-Institut.

Die Daten der Barmer GEK haben zudem ergeben, dass die Versorgung der Patienten in Deutschland regional sehr unterschiedlich ist. Besonders zeigt sich dies bei Multipler Sklerose: 21 Prozent der MS-Patienten wurden im Jahr 2010 mindestens einmal infolge ihrer MS-Erkrankung stationär behandelt. Am wenigsten Patienten waren es in Hamburg (13 Prozent), Schleswig-Holstein (16 Prozent) und Niedersachsen (17 Prozent) – am meisten in Brandenburg (27 Prozent), Thüringen (31 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (37 Prozent) (siehe Grafik). Dabei wurden die Patienten umso seltener stationär behandelt, je mehr Neurologen, Nervenärzte und Psychiater in der Region niedergelassen waren beziehungsweise je höher ihr Anteil an den Behandlungsfällen war.
Grafik
Anteil der MS-Patienten mit mindestens einem MS-bedingten Krankenhausfall an allen MS-Patienten nach Bundesland, 2010
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„Eine intensive vertragsärztliche Versorgung spielt eine wichtige Rolle für die Vermeidung von Krankenhauseinweisungen“, kommentierte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen, am 29. Oktober bei einer Veranstaltung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI), auf der die IGES-Studie vorgestellt wurde. „Wichtig ist, dass das Zusammenspiel zwischen Haus- und Fachärzten funktioniert.“

Probleme gibt es auch beim Übergang aus dem stationären in den ambulanten Bereich. Etwa die Hälfte aller MS- und Schizophrenie-Patienten wurde vier Wochen nach einer Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem sie aufgrund dieser Erkrankungen behandelt wurden, nicht von einer der drei untersuchten Facharztgruppen behandelt. Weitere 15 Prozent der MS- und 21 Prozent der Schizophrenie-Patienten wurden in diesem Zeitraum auch nicht von ihrem Hausarzt betreut.

„Es gibt starke Hinweise auf Defizite bei einer zeitnahen ambulanten Anschlussbehandlung bei Schizophrenie nach einem Krankenhausaufenthalt“, kommentierte Dr. rer. pol. Martin Albrecht vom IGES-Institut auf der ZI-Veranstaltung. Dies sei hinsichtlich einer kontinuierlichen Arzneimitteltherapie kritisch zu sehen, heißt es in der Studie.

Kaum Anschluss-Rehas

Eine höhere regionale Facharztdichte vergrößere dabei die Wahrscheinlichkeit, dass eine ambulante Facharztbehandlung nach der Entlassung stattfinde, so Albrecht weiter. 60 Prozent der Schizophrenie-Patienten ohne Facharztkontakt nach einer Krankenhausentlassung lebten in Kreisen mit einer unterdurchschnittlichen Facharztdichte. „Bei diesen Patienten war auch die Wahrscheinlichkeit einer Wiedereinweisung ins Krankenhaus deutlich höher“, erklärte Albrecht.

Die Autoren der Studie haben auch untersucht, wie oft Patienten eine stationäre oder ambulante Anschlussrehabilitation erhalten haben. Das Ergebnis: Praktisch überhaupt nicht. Weniger als ein Prozent der MS-Patienten erhielten im Jahr 2010 eine stationäre Anschlussrehabilitation; bei Demenz- und Schizophreniepatienten lagen die Zahlen im Promillebereich. Bei der Behandlung der MS erscheine ein solch geringer Reha-Anteil unter therapeutischen Gesichtspunkten als kritisch, da die Rehabilitation als Bestandteil von multimodalen Komplexbehandlungen bei MS-Patienten zu einer relevanten Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit und Reduzierung der Pflegebedürftigkeit führen könne, heißt es in der Studie. Albrecht wies jedoch darauf hin, dass bei der Untersuchung andere Kostenträger wie die Rentenversicherung nicht berücksichtigt worden seien.

„Fest steht“, betonte der KBV-Vorsitzende Gassen, „dass die Versorgung in Deutschland gut ist – allerdings noch optimierbar. Unser Interesse ist es, Hausärzte und Fachärzte künftig noch besser zu vernetzen.“ Es müsse das Ziel aller sein, die Versorgung noch besser zu koordinieren. Das Gutachten liefere eine gute Grundlage dafür.

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