Crystal wird zunehmend zum Familienproblem

Samstag, 03.01.2015
Crystal wird zunehmend zum Familienproblem
Ein Kind aus einer Familie zu nehmen, bedeutet einen schweren Eingriff in die Rechte von Eltern und Kindern. Doch wegen Crystal-Missbrauchs der Eltern können die Jugendämter oft gar nicht anders.

Leipzig. In einigen Regionen Sachsens werden zunehmend Kleinkinder wegen des Crystal-Missbrauchs der Eltern aus ihren Familien genommen. Das ist ein Ergebnis einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zu den sogenannten Inobhutnahmen im Jahr 2014. Im Landkreis Meißen etwa stieg die Zahl dieser Maßnahmen bis Mitte Dezember auf 108, während es im Vorjahr 85 waren. Auch im Landkreis Leipzig waren es bis Mitte Dezember 88 nach 70 im gesamten vergangenen Jahr. Dagegen war die Tendenz in den Landkreisen Görlitz, Mittelsachsen und Zwickau leicht rückläufig.

Wie die Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Landratsamtes Meißen, Dagmar Güldner, berichtete, mussten im Landkreis vermehrt Kleinstkinder in Obhut genommen werden, weil deren Eltern die hochgradig süchtig machende Droge Crystal konsumierten und deshalb ihre Kinder vernachlässigten. Güldners Angaben zufolge betrafen weitere Fälle vor allem die Altersgruppe der 13- bis 17-Jährigen, in denen es zu Konflikten mit den Eltern gekommen war.

Sucht und Gewalt
Einen Anstieg der Fallzahl meldete auch die Stadt Leipzig, wo in den ersten sechs Monaten des gerade abgelaufenen Jahres 624 Kinder außerhalb ihrer Familien untergebracht wurden. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 582. Oftmals seien Kindeswohlgefährdungen Anlass dafür gewesen, in 71 Prozent der Fälle habe es sich um Kinder gehandelt, deren Familien einer Risikogruppe angehörten. Illegale Drogen und andere Suchterkrankungen, aber auch familiäre Gewalt hätten bei der Entscheidung eine Rolle gespielt.
Im Erzgebirgskreis wurden bis zum 30. November 53 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, während es im gesamten Vorjahr 49 waren. Hauptgrund der „vorläufigen Schutzmaßnahmen“ sei die Überforderung der Eltern oder eines Elternteils, hieß es. „Die dort bestehenden Strukturen sind so dauerbelastet, dass kein geregelter Tagesablauf und keine ausreichenden Wohnbedingungen für die Kinder vorliegen.“

Der Dresdner Jugendamtsleiter Claus Lippmann berichtete, dass in der Landeshauptstadt im ersten Halbjahr 2014 in 248 Fällen eine Inobhutnahme erforderlich geworden sei. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 243. Überforderung der Eltern, aber auch Drogenmissbrauch, Misshandlung oder sexueller Missbrauch seien ausschlaggebend gewesen. In den Zahlen enthalten sind auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die ebenfalls vom Jugendamt in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe untergebracht wurden. Dies waren 2013 bis Ende Juni 17, 2014 im ersten Halbjahr 12.

Eltern oft überfordert
In Chemnitz waren es in dieser Gruppe und diesem Zeitraum im Jahr 2013 16, im ersten Halbjahr 2014 acht Fälle. Im gesamten Jahr 2013 wurden 426 Kinder vom Kinder- und Jugendnotdienst und in Bereitschaftspflegestellen betreut. Bis zum Juni 2014 waren es 209. Auch hier waren Fälle von Vernachlässigung durch die Eltern ausschlaggebend.
Im Landkreis Zwickau wurden im ersten Halbjahr 2013 154, in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres 132 Kinder vom Jugendamt außerhalb ihrer Familien untergebracht. In den meisten Fällen war Überforderung der Eltern Grund für die Maßnahme. Im Landkreis Mittelsachsen gingen die Fallzahlen von 31 auf 22 zurück, hier waren es häufig die Betroffenen selbst, die sich hilfesuchend an die Behörde gewandt hatten. Im Landkreis Görlitz wurden im ersten Halbjahr 2014 mit 87 Fällen der Inobhutnahme sechs weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres gemeldet.

Noch keine Zahlen für 2014 lagen im Landkreis Bautzen vor, 2013 waren dort 194 Inobhutnahmen gezählt worden. Die am häufigsten betroffene Altersgruppe seien Kinder vom ersten bis zum bis zum siebten Lebensjahr, da in diesem Altersbereich die Schutzbedürftigkeit am größten sei, teilte das Landratsamt mit. (dpa)

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