Psychiatrie Ein Bild vom Meer

Psychiatrie Ein Bild vom Meer
Ein Mann wird in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Eine Frau besucht ihn. Der Weg führt sie in eine andere Welt. Nach drinnen. Da gelten andere Gesetze.

02.01.2015

Leben in der Psychiatrie: Zwei Päckchen Zigaretten am Tag und ein Blick auf Palmen.

Als die Frau hört, dass er eingewiesen wurde, klemmt sie sich das Frisbee unter den Arm und stellt sich an die Straße. Ein Auto hält, sie steigt ein. Draußen rast die Welt an ihr vorbei. Oder sie drinnen an der Welt.

Stunden später steht sie vor einem weiten Park. Mittendrin die Klinik. Er hatte ihr geschrieben, dass er raus darf. In diesen Garten muss er, denkt die Frau. Unter diesen großen Bäumen muss er rennen und atmen, dann kann er gar nicht verrückt sein.

Auf der Station geht die Tür nicht auf. Hinter dem Glas laufen Menschen über den Gang. Sie klingelt. Keiner kommt. Sie klingelt noch mal. Da steht er plötzlich und lächelt durchs Glas. Sie weiß nicht, wohin mit ihren Händen und Blicken. Endlich kommt einer im weißen Kittel und öffnet die Tür.

Ich darf nicht raus heute.
Er zeigt ihr sein Zimmer. An das Bett war er die erste Nacht gefesselt, sagt er. Er zeigt ihr die Station: Es gibt ein Zimmer mit Tischtennisplatte, Kicker und Fernseher und ein Zimmer zum Rauchen. Die meisten Patienten sitzen im Raucherzimmer, denn da gibt es ein Radio, Musik. An der Wand hängt ein Bild mit Palmen und Meer.

Er dreht sich eine Zigarette und sagt: Hier passiert nichts. Ich rauche zwei Päckchen am Tag, aus Langeweile. Sie fragt: Sprichst du denn nicht mit den Ärzten? Er lacht: In einer Woche kam einmal einer. Sonst nur warten. Und Medikamente schlucken. Er bläst den Qualm in Richtung Palmen. Sie sagt, dass sie jetzt raus müssen, Frisbee spielen.
Ich darf nicht raus heute.
Du hast geschrieben, du darfst.
Gestern. Heute darf ich nicht mehr.
Warum?
Kein Grund. Ich darf nicht.
Hast du was gemacht?
Nein. Ich darf einfach nicht. So läuft das hier.
Ich nehme die Tabletten nicht mehr.

Die Frau weiß nicht, ob sie ihm glauben kann. Er wollte schon einmal abhauen, als er Ausgang hatte. Sie tritt ans Fenster und will frische Luft reinlassen. Der Zigarettenqualm soll raus. Das Fenster geht nicht auf.
Sie will raus. Im Flur fragt sie einen der Pfleger. Zeigt ihm das Frisbee. Ein knallgelbes Teil. Keine Scheibe, ein Ring. Hunderte Meter gleitet er, wenn man ihn mit voller Wucht in den Himmel wirft. Ich kann das nicht entscheiden, sagt der Pfleger, da müssen Sie den Arzt fragen. Sie findet das Stationszimmer. Da sitzen Leute und quatschen. Sie zeigt ihnen das Frisbee. Das können wir nicht entscheiden, sagen die Leute. Da müssen Sie den Arzt fragen. Wo ist der? Keine Ahnung. Ein älterer Mann sagt freundlich: Der Arzt ist gerade zu Tisch. Er kommt in einer Stunde.

Sie sitzen eine Stunde und warten. Rauchen. Hören Radio. Sie erzählt von draußen. Er erzählt nichts. Ständig laufen Patienten rein und raus, durch die langen Flure wie Tiger im Käfig. Irgendwann ruft eine Pflegerin seinen Namen: Sie haben Ihre Tabletten noch nicht genommen. Er sagt ruhig: Ich nehme die Tabletten nicht mehr.

Kann man den Arzt nicht anrufen?
Die Pflegerin verzieht das Gesicht. So geht das nicht. Sie müssen Ihre Tabletten nehmen, sagt sie, und das wissen Sie ganz genau. Er schüttelt den Kopf. Die Tabletten tun mir nicht gut. Die Pflegerin sagt, dass er krankheitsuneinsichtig sei und dass sie das dem Arzt sagen werde. Sie verschwindet.
Nach eineinhalb Stunden geht die Frau wieder ins Stationszimmer und fragt nach dem Arzt. Der ältere Mann sagt, der Arzt sei jetzt bei einem Termin. Sie ist wütend. Der Mann lächelt und schweigt.

Kann man den Arzt nicht anrufen?
Nein.

Ich spiele auch sehr gerne mit meinen Kindern.
Wie kann es denn sein, dass der einzige Mann, der über den Ausgang entscheiden darf, nie da ist?

Sie zeigt ihm das Frisbee. Der ältere Mann sagt: Das ist ein toller Frisbee. Ich spiele auch sehr gerne mit meinen Kindern, das macht großen Spaß.
Sie atmet auf: Dann werden Sie verstehen, dass das viel besser ist, als hier den ganzen Tag drinnen zu hocken, glauben Sie nicht?
Ich glaube das auch. Aber ich kann das nicht entscheiden. Das macht der Arzt. Der Mann lächelt. Es tue ihm leid.

Was für ein Riesenarschloch. Die Frau fühlt eine Wut in sich aufsteigen, die sie selten fühlt. Sie will den älteren Mann beschimpfen, durch ihre Worte diesen Käfig zerschlagen.
Eine weitere Stunde später verabschiedet sich die Frau. Er umarmt sie. Komm nicht mehr, sagt er. Ein Pfleger schließt die Tür auf und lässt sie raus. Sie rennt die Treppen runter und läuft durch den Garten.

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