Professor Dr. Torsten Ewert: „Die Psychiatrie ist meine Leidenschaft“

Professor Dr. Torsten Ewert: „Die Psychiatrie ist meine Leidenschaft“

26. Dezember 2014

Nach seiner Pensionierung als Chefarzt in Aachen hat der Stolberger Torsten Ewert ein Buch über seine Leidenschaft Psychiatrie geschrieben.

STOLBERG. Dr. Torsten Ewert war von 1986 bis 2008 Chefarzt der Neurologischen Klinik im Medizinischen Zentrum Kreis Aachen in Bardenberg und wohnt seitdem in der Kupferstadt. Viele Stolberger kennen Ewert von seiner Zeit als SPD-Ratsherrn von 1999 bis 2004.

Heute ist er im Ruhestand. Nach seinem Medizin-Studium damals in Berlin wurde Ewert im Klinikum Essen zum Psychiater und Neurologen ausgebildet. Über diese Zeit hat er ein Buch geschrieben, einen Roman. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählte er von seinem Beruf, über das Buch und warum er es geschrieben hat.

Warum sind Sie Psychiater geworden?
Ewert: Die Psychiatrie ist meine Leidenschaft. Es ist das Fach, wo man viel anpacken konnte, wo man viel verändern konnte. Meine Begeisterung dafür war auch politisch motiviert.
Inwiefern politisch? Was konnte man verändern?
Ewert: Es ging darum, die Psychiatrie in die Gesellschaft zu integrieren und von der wegschließenden Psychiatrie weg zu kommen. Kranke sollten nicht mehr in eine geschlossene Abteilung weggesperrt werden, sondern es sollten innerhalb der Gemeinden Einrichtungen geschaffen werden, wo Betroffene in die Gesellschaft integriert werden können. Begleitend zur Psychiatrie-Enquete (Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland, der 1975 fertiggestellt worden ist, Anm. d. Red.) wollten wir das Los der psychisch Kranken verbessern.

Ist das gelungen?
Ewert: Es war ein jahrelanger Prozess. Man hat bis heute viele Einrichtungen geschaffen. Auch in Stolberg gibt es eine tagesklinische Einrichtung, in der Kranke ambulant versorgt werden können. Es gibt Wohneinheiten für psychisch Kranke. Das war ein politischer Prozess, die Politik musste die Ideen umsetzen.
Wie haben Sie an dem Prozess mitgewirkt?

Ewert: In den 1960-er Jahren waren vor allem durch die Studenten Denkanstöße gegeben worden. Die Zustände in der Psychiatrie waren eins ihrer Themen. Die Kranken hatten ja keine Lobby. So habe ich damals zum Beispiel mit demonstriert, bin mit marschiert und habe Parolen skandiert. Wir haben uns in Zirkeln getroffen und diskutiert. Wir wollten bessere Bedingungen schaffen, um das Stigma von den psychisch Kranken zu nehmen.
Ist die Psychiatrie immer noch tabuisiert?

Ewert: Es hat sich insofern etwas verändert, dass man heute den Seelenklempner in Anspruch nimmt, auch aus vielen sozialen Nöten heraus. Man kann heute verlangen, psychisch gesund zu sein. Früher war das Wegschließen gang und gäbe, Psychotherapie hatte früher nicht den Stellenwert.

Was könnte sich noch verbessern?
Ewert: Was noch fehlt, ist der Zeitfaktor. Als Psychiater braucht man viel Zeit für den Einzelnen, da gibt es ein großes Manko. Es ist nicht immer ausreichend Potenzial vorhanden.
Der ökonomische Faktor spielt da eine große Rolle.

Ihr Buch heißt „Psychiater sein – Die Erlebnisse des jungen Peter Quero“. Warum haben Sie es geschrieben?
Ewert: Ich habe mir Gedanken gemacht über die Zeit, als ich Psychiater war. Ich wollte, dass das alles nicht in Vergessenheit gerät. So habe ich das Buch geschrieben, um mich selbst zu erinnern und dass andere sich an mich erinnern. Es sind autobiographische Züge vorhanden, obwohl ich keine Autobiographie geschrieben habe.

Wovon erzählt das Buch?
Ewert: Ein junger Mann aus dem Rheinland bricht auf, um seinem Leben einen Sinn zu geben. Die Ereignisse in Berlin, die studentische Bewegung haben ihn aufgerüttelt. So engagiert er sich für den Beruf des Arztes. Er macht in der politischen Bewegung mit, aber nicht in vorderster Front. Zuerst ist der junge Mann egoistisch und Ich bezogen. Doch er erkennt in der Freundschaft, dass andere seiner oder einer gleichwertigen psychiatrischen Hilfe bedürfen. Man sollte wach werden, wenn einer Hilfe braucht. Psychiatrie ist kein Fach, das nur im Krankenhaus stattfindet. Es gibt auch Fälle in der Familie oder im Freundeskreis, wo Menschen Hilfe brauchen. Der Held des Buches erkennt in seiner jugendlichen Unerfahrenheit zunächst nicht, dass er gebraucht wird.

Sie waren lange als Neurologe tätig. Wie beschreiben Sie den Unterschied zwischen den beiden Disziplinen?
Ewert: Die Neurologie ist ein rein organisches Fach. In der Psychiatrie geht es um seelische Störungen. Es geht mehr um Gespräche, Kernpunkt der Psychiatrie ist meiner Meinung nach der Gesprächskontakt. Als Chefarzt in der Neurologie habe ich viel bewirkt. Die Neurologie in Bardenberg ist heute die größte in der Region mit einer Schlaganfall-Abteilung, die ich aufgebaut habe. Aber die Psychiatrie war ebenfalls eine sehr aufregende Zeit für mich.

Wie sehen Sie die Behandlungsmöglichkeiten psychischer Störungen?
Ewert: Es gibt schwerwiegende Störungen, bei denen man Medikamente geben muss, und da gibt es gute Medikamente. Das entbindet den Arzt aber nicht, sich um den Patienten zu kümmern. Wie sein Umfeld ist, spielt eine große Rolle bei der Erkrankung, auch Partnerschaft und berufliche Aktivitäten. So braucht er auch eine soziale Betreuung.

Das ist auch der Tenor Ihres Buches, oder?
Ewert: Ja. Dass man sich kümmert, aufmerksam ist, emotional auf den Betroffenen reagiert und vor allem Warnsignale wahr nimmt. Das macht einen guten Psychiater aus, auch wenn man Schlimmes nicht immer verhindern kann.

Wo bekommt man das Buch und was kostet es?
Ewert: Das Buch ist als „book on demand“ erschienen, man kann es im Buchhandel bestellen. Die gebundene Ausgabe kostet 24,90 Euro, das Paperback 19,80 Euro, und als E-Book 6,99 Euro.

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