Wahnhaft oder doch nur raffiniert?

SCHWEINFURT
24. Juli 2014
Wahnhaft oder doch nur raffiniert?

Raub: Plädoyers von Haftstrafe bis Psychiatrie

Der 37-jährige Angeklagte soll im Oktober letzten Jahres einem Rentner das Mofa und am gleichen Tag einer Arbeitskollegin das Auto geraubt sowie die Frau und ihren elfjährigen Sohn verletzt haben. Das Auto verbrannte er später im Wald bei Burgebrach. Erst über eine Woche später wurde er festgenommen (wir berichteten).
Am Donnerstag wurden vor der Großen Strafkammer des Landgerichts die Plädoyers gehalten, die unterschiedlicher nicht ausfallen könnten. Sie bewegten sich zwischen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit aufgrund paranoider Schizophrenie, aber Unterbringung in einer forensischen Klinik (Staatsanwalt) – und sechsjähriger Haftstrafe, weil der Verfolgungswahn auch taktisch vorgeschoben sein könnte. So sah es die Nebenklage-Vertreterin.
Auch nicht alltäglich: Die beiden Pflichtverteidiger des Angeklagten kamen zu völlig unterschiedlichen Schlussvorträgen. Während der Verteidiger dem Staatsanwalt beipflichtete und eine Unterbringung des seiner Meinung nach zur Tatzeit schuldunfähigen, offenbar wahnhaft gewesenen Straftäters für angebracht hielt, plädierte die Verteidigerin für die Schuldfähigkeit des Mandanten. Sie hielt eine höchstens dreijährige Haftstrafe wegen Raubes eines Mopeds, Diebstahls des Autos der Arbeitskollegin, vorsätzlicher Körperverletzung, Brandstiftung und Fahrens ohne Führerschein für angemessen.
Davor hatte der psychiatrische Sachverständige sein aus den wenigen verwertbaren SMS, Anrufen und einem Brief des Angeklagten gespeisten, mit vielen Einschränkungen versehenes Gutachten vorgetragen. Wie mehrfach berichtet, wähnte sich der 37-Jährige diesen Handynachrichten zufolge im Oktober letzten Jahres von der Russenmafia verfolgt und von der Schweinfurter Polizei nicht beschützt, im Gegenteil. Diese und auch Angehörige – Vater, Zwillingsbruder und Freundin – sah er vielmehr mit der Mafia verbündet, die ihm nach dem Leben trachte. Deshalb wollte er in den Zuständigkeitsbereich der Bamberger Polizei flüchten, von der er sich acht Tage nach den Straftaten ja auch auf einem Ponyhof bei Burgebrach widerstandslos festnehmen ließ.
Am ehesten sah der Psychiater zur Tatzeit eine paranoide Schizophrenie gegeben. Der Mann sei wohl unter Verfolgungswahn gestanden, Einsichts- und Steuerungsfähigkeit in sein Tun aufgehoben gewesen. Er habe im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt, womit er für seine Taten nicht bestraft werden könne. Wenn paranoide Schizophrenie vorliege – die wahrscheinlichste Variante – seien bei Nichtbehandlung der Krankheit auch in Zukunft Straftaten zu erwarten.
Eine sicherere Prognose konnte der Forensiker nicht stellen, weil der Angeklagte eine Begutachtung verweigert. Seine Verteidigerin proklamierte dies als sein gutes Recht. Sichere Anhaltspunkte für eine psychische Erkrankung des Mandanten gebe es nicht. Sie plädierte für Haft statt Unterbringung. Das Urteil wird am 1. August, 10 Uhr, verkündet.

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