Chemie aus der Waschküche

Leserbrief: Chemie aus der Waschküche

26.07.2014
Unser Leser Wolfgang Barthel aus Erfurt über die Modedroge Crystal Meth und ihren Ursprung
Zum Beitrag "Verbreitung von Drogen: Die Gesellschaft ist hilflos" (TA vom 10. Juli):

Mein Lehrer in Pharmakologie-Toxikologie und Doktorvater Prof. Fritz Hauschild (1908-1974) würde sich wundern, könnte er mit ansehen, wie das von ihm 1938 entwickelte stark zentral stimulierende Methamphetamin die Rauschgift-Szene erneut betritt und sich auszubreiten beginnt. Bereits in den 40er- und 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das als Pervitin in die Arzneitherapie eingeführte Mittel wegen seiner erregenden Wirkungen missbräuchlich benutzt.
Den bis Mitte der 50er-Jahre beschriebenen Fällen der Entwicklung einer vorwiegend psychischen Abhängigkeit von Pervitin widmete Wolfgang de Boor in seiner 1956 erschienenen Monografie "Pharmakopsychologie und Psychopatholoie" bereits ein umfangreiches Kapitel. Wie auch andere zur Abhängigkeit führende Wirkstoffe wurde Methamphetamin dem Betäubungsmittelgesetzt unterstellt und für das zur Therapie zugelassene Präparat Pervitin galten die Regeln der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung. In der DDR gab es Pervitin noch bis 1990 in Form von Tabletten und Lösungen zu Injektion.
Inzwischen ist Pervitin als Präparat vom deutschen Arzneimittelmarkt verschwunden."Waschküchen"-Chemiker aus Tschechien machten sich die einfache Herstellung von Methamphetamin aus einer leicht verfügbaren Vorstufe (wahrscheinlich Ephedrin) zunutze, um es in großen Menschen zu produzieren und als "Crystal Meth" auf den illegalen Rauschmittelmarkt zu bringen. Der Name Crystal deutet an, dass die Substanz bei der Herstellung in groben Kristallen anfällt. Diese in der Szene-Sprache verwendete Bezeichnung für den Wirkstoff dienst der Verschleierung seiner Identität. Sie ist jedoch durch den über 80 Jahre gebräuchlichen Name Pervitin, der zuletzt gleichermaßen sowohl für den Wirkstoff als auch für das Arzneimittel übliche war, eindeutig festgelegt. So sollte er in den Medien bei der Berichterstattung verwendet werden.Dr. med.

26.07.14

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