Crystal Meth - ein Problem in NRW?

28. Juli 2014

Berühmte Droge

Crystal Meth - ein Problem in der Region?

NRW Fans der amerikanischen TV-Serie "Breaking Bad" ist die Droge "Crystal Meth" schon länger bekannt. Sie haben miterlebt, wie der zweifache Vater und Chemielehrer Walter White zum rücksichtslosen Drogenboss aufsteigt. Die Nachfrage nach der Droge ist in den USA groß. Auch in Nordrhein-Westfalen?

Die Droge Crystal Meth ("kristallines Methamphetamin") - in der Region ein großes Thema? dpa

Es war ein Hauptthema bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung Anfang Juli. "Crystal Meth", die Monsterdroge aus den USA, die Menschen zu seelischen und körperlichen Wracks und ihre Großdealer zu Millionären machen soll, ist auch in Deutschland zum Gesprächsthema geworden. Grund sind neben der erfolgreichen TV-Serie vor allem die Vorher-Nachher-Bilder von Meth-Süchtigen in den Medien - und die Angst die damit einhergeht: Was passiert, wenn mein Kind derartig abhängig wird? Doch der Drogenbericht gab trotz vieler Warnungen vor allem eins: Entwarnung. Die Droge sei "nicht überall angekommen", sagte Marlene Mortler von der CSU, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Im Osten und dem Südwesten Deutschlands ja, im Rest des Landes und damit auch in Nordrhein-Westfalen eher nein. Also alles kein Problem?

Mortler musste zugeben, dass es keine gefestigte Datenlage zum Thema gebe. Auch mehrere von unserer Redaktion befragte Drogenberater bestätigen das. Das Problem ist, dass "sowohl in bundesweiten als auch regionalen Statistiken der Konsum der Substanz nicht gesondert erhoben wird, sondern in die Kategorie Stimulanzien/Amphetamine fällt", sagt Christiane Bernard von der Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW in Essen, die auch an einer Konsumentenstudie in Frankfurt beteiligt war.
Was ist "Crystal Meth"?
Crystal Meth wird künstlich hergestellt und vom Konsumenten meist geschnupft oder inhaliert, seltener auch geschluckt. Die Basis der kristallartigen Droge ist das Stimulanzmittel Methamphetamin. Die Substanz löst ein euphorisches Hochgefühl aus. Die Leistungsfähigkeit nimmt zu, das Schmerzempfinden sowie das Bedürfnis nach Schlaf und Essen ab. «Amphetamine sind absolute Leistungsdrogen, die das genaue Gegenteil von Cannabis und Alkohol bewirken», sagt der Drogenexperte Rafael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm. Bis 1988 gab es das Mittel sogar in der Apotheke, berichtet Gaßmann - damals noch unter dem Namen Pervitin. Als Arzneimittel sollte es gegen Konzentrationsschwächen und chronische Müdigkeit helfen. Dann fiel Pervitin unter das Betäubungsmittelgesetz.

Crystal wird statistisch zum Beispiel mit "Speed" in einen Topf geworfen. Der Monitoringbericht der ambulanten Sucht- und Drogenhilfe in NRW zeigt das: Drei Prozent der im Jahr 2012 Betreuten hatten Probleme mit dem Konsum von "Stimulantien", das Wort "Crystal" kommt im gesamten Bericht nicht vor.

In Sachsen jede zweite Beratung - und hier?

Es ist also mit Sicherheit nicht falsch, sich mal dort umzuhören, wo der körperliche Verfall passiert - wenn er denn überhaupt passiert. Die Drogenberatungsstelle "Drobs" in der Dortmunder Innenstadt. Hier kommt hin, wer ernsthaft Hilfe braucht oder einfach nur einen gut gemeinten Rat. Wolfram Schulte leitet die Einrichtung, zu ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen kommen die Ratsuchenden, wenn sie mit Drogen in Kontakt gekommen sind und nicht wissen, wie gefährlich die Einnahme war.

Crystal sei in Dortmund allerdings kein Problem, sagt Schulte, "bei uns gab es in 2013 zwei Beratungen explizit zu Crystal." In Sachsen zum Beispiel sei mehr als jede zweite Beratung eine zur Meth-Droge. Zwar seien "in den vergangenen Jahren immer wieder Ratsuchende aufgetaucht, die davon berichten, Crystal probiert zu haben", sagt Schulte. Sie hätten aber keine Abhängigkeit entwickelt. Häufiger ginge es um Schmerzmittel- und Cannabis-Konsum.

Kein Thema in Münster

Auch in Münster ist Crystal "bislang" kein Thema, sagt Georg Piepel, Leiter der dortigen Drogenhilfe. Zwar vernimmt Piepel bei den Beratungen in der Nähe des Ludgeriplatzes generell einen leichten Anstieg des Stimulanzien-Konsums von Amphetamin und Methamphetamin, aber Crystal-Konsumenten seien "Einzelfälle, die es mal probiert haben".

Gleiches Bild in Bochum beim Verein "Krisenhilfe": Auch hier ist "die angedrohte Schwemme von Crystal Meth nicht eingetreten", sagt Sucht- und Sozialtherapeut Alfred Niehues. Nur ganz vereinzelt seien Crystal-Konsumenten in die Beratungsstelle in der Katharinastraße gekommen: "Diese kommen dann in der Regel aus den 'neuen' Bundesländern und sind nach Bochum gezogen", sagt Niehues. Einen Anstieg der Fallzahlen kann auch er in letzter Zeit nicht feststellen.

Kleiner Anteil in NRW sichergestellt

Die Zahl der Süchtigen scheint also in der Region gering zu sein. Und die Zahlen aus dem Drogenbericht des Bundeskriminalamts (BKA) zeigen sogar: Obwohl "Crystal" in Deutschland im vergangenen Jahr häufiger sichergestellt wurde als noch 2012 (plus zehn Prozent), weist die Karte des BKA verglichen mit der Größe des Landes in NRW nur einen verschwindend geringen Anteil auf.

Die insgesamt sichergestellte Menge Crystal ist in den vergangenen Jahren sogar gesunken, obwohl es insgesamt mehr Fälle gab. Wurden 2011 bei zehn Fällen noch 2,52 Kilogramm der Droge sichergestellt, waren es 2013 nur noch 700 Gramm bei insgesamt 34 Fällen.

Insgesamt ist es aufgrund der unbefriedigenden Datenlage also schwierig herauszufinden, ob Crystal zukünftig in Nordrhein-Westfalen eine Bedrohung darstellen wird oder nicht. "Wichtig sind neue Konzepte in der Prävention", sagte auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU).

"Nicht gut vorbereitet"

Das sehen auch die Experten des alternativen Drogenberichts so - herausgegeben unter anderem vom Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik. Unabhängig von den jeweiligen regionalen Besonderheiten vollzögen sich demnach "die mit dem Crystal-Konsum einhergehenden Entwicklungen (...) ohne große Vorwarnungen und treffen auf ein eher überraschtes und nicht gut vorbereites Präventions- und Hilfesystem."

Die rot-grüne Landesregierung widerspricht dieser Einschätzung in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP-Abgeordneten Susanne Schneider und Robert Orth. Alle Präventionsfachkräfte der Sucht- und Drogenberatungsstellen würden "fortlaufend und umfassend" von der Landeskoordinierungsstelle für Suchtvorbeugung (ginko - 1979 gegründet als Gesprächs-, Informations- und Kontaktzentrum) über aktuelle Entwicklungen informiert.

Modedroge?

Insgesamt bleibt aber auch diese Stellungnahme sehr vage, dort heißt es auf die Frage, wie groß die Landesregierung die Gefahr einschätze, dass Crystal zur neuen Modedroge werde: "Die vorliegenden Fallzahlen und Sicherstellungsmengen lassen derzeit nicht auf eine größere Verbreitung von Crystal Meth in Nordrhein-Westfalen schließen. Vor dem Hintergrund des Trends zu aufputschenden und vorgeblich leistungssteigernden Mitteln ist allerdings nicht auszuschließen, dass sich Crystal Meth auch in NRW weiter verbreiten wird."
Daten-Armut beim Thema "Crystal"
"Die einzigen regionalen Daten, die überhaupt zum Konsum von Crystal Meth vorliegen, stammen aus Frankfurt", sagt Christiane Bernard. Sie hat an dem Bericht "Frankfurter Monitoring System Drogentrends" mitgearbeitet, darin heißt es: "Aus sehr drogenaffinen und experimentierfreudigen Umfeldern der Techno- und der Party-Untergrund-Szene wurde über einen leicht steigenden Konsum und das Bestehen kleinerer Handelsnetzwerke gesprochen, allerdings mit der Betonung eines (noch) nicht vorhandenen allgemeingültigen Szenetrends." Der Bericht stammt allerdings aus dem Juli 2012 und bezieht sich auf Daten aus dem Jahr 2011.

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