Tips für Angehörige von psychotischen Menschen

Tips für Angehörige psychotischen Menschen:

Psychotische Störungen betreffen Angehörige nur allzuoft in ganz besonderer Weise mit. So müssen sie auf der einen Seite Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten nehmen und sich gleichzeitig im täglichen, herausfordernden Umgang mit dem Betroffenen selbst üben. Die folgenden Anregungen können es Ihnen erleichtern, mit sich selbst und Menschen mit einer Psychose hilfreicher umzugehen.

Hilfe suchen

Die Diagnose der Psychose beim eigenen Angehörigen stellt schon eine enorme Belastung für das gesamte familiäre Umfeld dar. Aus diesem Grunde ist es ratsam, dass auch die Angehörigen professionelle Hilfe für sich in Anspruch nehmen. Sie sollten einen Profi zu Rate ziehen und sich einer Selbsthilfegruppe anschließen. Der Patient sollte natürlich davon wissen, damit er nicht das Gefühl bekommt, dass hinter seinem Rücken gehandelt wird.

Die sich ankündigende Erkrankung

In der Regel bemerkt die Familie schon sehr früh, wenn mit dem Angehörigen etwas nicht stimmt. Doch werden als Ursachen eher eine Sinneswandlung oder eine vorübergehende Krise angenommen. Bis zur Diagnosestellung können dann wiederum viele Jahre ins Land gehen - und zwischenzeitlich brechen Freundschaften auseinander und manchmal zerbricht gar die Familie.

Für den Betroffenen kann die Erkrankung dagegen plötzlich kommen. Denken und Fühlen, Wahrnehmung von Körper und Umfeld sind gestört und führen unmerklich dazu, dass er die gewohnten Lebensbahnen verläßt. Es kann zum Verlust des Arbeitsplatzes kommen, zum Abbruch eines Studiums, zu Auseinandersetzungen mit und Trennungen von Freunden, Verwandten oder Lebenspartnern. Als Konsequenz zieht sich der Betroffene aus dem gewohnten Umfeld zurück und es fehlen ihm die bitter nötigen sozialen Kontakte.

Zum allgemeinen Umgang mit Menschen mit einer Psychose

  1. Auf sich selbst achten
  2. Psychosen verunsichern das innere Selbst und man kann die eigenen Grenzen verlieren. Es macht auf jeden Fall keinen Sinn, selbstlos zu sein und zu handeln. Auf der einen Seite ist es notwendig, auf den Betroffenen Rücksicht zu nehmen und ihn so selbstverständlich wie nur möglich ins normale Leben einzubeziehen. Beginnen jedoch die Angehörigen, die eigenen Interessen und Gewohnheiten zu vernachlässigen und aufzugeben und sich aufzuopfern, dann fällt es allen Beteiligten umso schwerer, sich an der gewohnten Normalität zu orientieren. Zwar ist es wichtig, Rücksicht zu nehmen und den anderen immer wieder so selbstverständlich wie möglich einbeziehen, doch sollte man auf keinen Fall die eigenen Interessen und Gewohnheiten völlig aufgeben.

  3. Gleichzeitigkeit
  4. In einer Psychose greift der kranke Mensch auf frühere Entwicklungsstufen zurück, die ihm scheinbar mehr Sicherheit bieten. Damit wird zwar ein tieferer seelischer Konflikt vorübergehend unterlaufen, doch wird dieser letzten Endes auch verschärft. Der Betroffene lebt mehrere unterschiedliche Entwicklungsstufen gleichzeitig aus. Dies stellt die Angehörigen vor die schwere Situation, dass sie einerseits Verständnis für kindliche oder pubertäre Bedürfnisse zeigen sollen und auf der anderen Seite die reale Person und ihren altersgemäßen Entwicklungsstand respektieren müssen. Dies stellt natürlich eine problematische Gratwanderung dar.
    Die Gleichzeitigkeit sehr unterschiedlicher Verhaltensweisen bedeutet vor allem für die Angehörigen eine schwierige Balance zwischen den beiden Polen. Einerseits gilt es, Verständnis für kindlich wirkende Verhaltensweisen aufzubringen und zu zeigen, auf der anderen Seite soll man die reale Person und ihren realen Entwicklungsstand respektieren.

  5. Rätsel lösen und Möglichkeiten aufdecken
  6. Psychosen geben oft Rätsel auf. Darin steckt die Chance für alle Beteiligten, mehr in Erfahrung zu bringen über sich selbst, die Wahrnehmungen des Anderen und die Bedingungen des Zusammenlebens. Die gewonnen Erkenntnisse können schmerzhaft und befreiend sein. Dann bleibt die psychotische Kommunikation eventuell als einziger Ausweg. Dabei sind alle Beteiligten gefordert, ihre Wahrnehmung zu vervollständigen und mehr von sich selbst preiszugeben. Es fällt selbstredend nicht leicht, eigene Fragen und Antworten zu finden. Es geht dabei um das Aufdecken von Wechselwirkungen ohne Schuldzuweisung. Das gelingt nicht auf Anhieb und benötigt oft erst einen zeitlichen Abstand, teilweise sogar therapeutische Hilfe.

  7. Standhaft bleiben
  8. Psychosen führen oft zum Verlust der eigenen Grenzen. Dies kann eine große Gefahr für den Betroffenen darstellen, weil die eigene Existenz mitgefährdet wird. Diese Situation fordert vom Umfeld des Erkrankten Standhaftigkeit und Widerstandskraft ab. Es kann so weit gehen, dass man an die Grenzen des Anderen stößt und Gegnerschaft eintritt. Es fällt nicht leicht, für den anderen ein Gegner zu sein und ihn nicht klein zu machen. Die Sicherung der eigenen Existenz kann dann vom Handeln der Anderen abhängen. Man sollte sich auch nicht davor scheuen , sich extern Hilfe zu holen.

  9. Abstand wahren und doch dabei sein
  10. Psychosen, die mit panischen Ängsten einhergehen, können sich auf Andere übertragen. Dann fällt es schwer, das nötige Gefühl zu vermitteln durch

    1. zuversichtliche Gelassenheit und Geduld,
    2. räumliche Geborgenheit,
    3. Ruhe ohne neue angstauslösende Reize,
    4. körperliche Nähe ohne Grenzüberschreitung,
    5. Anwesenheit ohne Forderung.
  11. Rückzug als Selbstschutz
  12. Psychosen können zum Abbruch der meisten oder gar aller Kontakte seitens des Betroffenen führen. Dies ist eine Flucht, um Schutz vor Überforderung durch ein Zuviel an Beziehung zu erlangen. Jeder Mensch hat da seine eigenen Grenzen und muss das jeweils bekömmliche Maß an Nähe und Distanz für sich selbst herausfinden und immer wieder neu regeln und ins Gleichgewicht bringen.

  13. Die Balance zwischen Nähe und Distanz halten
  14. Psychosen können aus menschlicher Isolation erwachsen oder sich darin verstärken. Somit besteht die dringende Notwendigkeit und Problematik, den Kontakt zu halten oder (wieder) herzustellen. Den Angehörigen kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Selbst scheinbar banale Kontakte können für den kranken Menschen bedeutsam sein, wenn sie für ihn selbstverständlich sind. Doch auch seltenere Kontakte können ihm Halt geben, wenn er sich auf diese verlassen kann. Die alltäglichen Kontakte beispielsweise zu Nachbarn, zum Postboten oder zu einer Verkäuferin haben den großen Vorteil, dass sie als „ungefährlich” eingestuft werden. Angehörigen- oder Balintgruppen helfen dabei, den Kontakt mit sich selbst in dieser Situation nicht zu verlieren.

  15. Auf die Kinder achten
  16. Die Angehörigen müssen dringend darauf achten, dass sie nicht den Kontakt zu sich selbst verlieren. Es ist schwer, zwischen der notwendigen Nähe und der gefürchteten Grenzüberschreitung zu wandeln. Zudem sollte die Psychose nicht das alles bestimmende Thema werden. Nicht nur der Betroffene, sondern jedes Familienmitglied hat Anspruch darauf, dass seine besonderen Bedürfnisse beachtet werden. Das gilt natürlich auch für Kinder und kleine Kinder. Diese erleben oft als Angehörige eine tiefe Verunsicherung. Sie sind auf altersgemäße Unterstützungen angewiesen, um sich nicht schuldig fühlen zu müssen. Auch muss man die Kinder davor schützen, dass sie nicht zu unfreiwilligen Hilfstherapeuten werden, sondern Kinder bleiben dürfen..

  17. Die Grenzen der Verstehbarkeit respektieren
  18. Der psychotische Mensch macht sich in der Psychose unverständlich und verhindert dadurch das Verstandenwerden: So prüft er dann das Bemühen der Umwelt um Verständnis, entflieht jedoch zur selben Zeit in einen Bereich, in den ihm im Grunde genommen keiner folgen kann. Es bedarf viel Gelassenheit und Ruhe, wenn der Angehörige in dieser Situation zwar um Verständnis ringt, ohne Verstehbarkeit zu fordern und die Eigenheit und das Bedürfnis nach Schutz respektiert, ohne den anderen zu bedrängen.

  19. Selbsthilfe, Beratung, Austausch
  20. Hilfen bieten Selbsthilfegruppen für Angehörige, örtliche Beratungsstellen, psychiatrische Kliniken, sozialpsychiatrische Dienste, Gesundheitsämter und Volkshochschulen. In den Gruppen können Angehörige sich austauschen, mit anderen Angehörigen oder auch mit Fachleuten wie Ärzten, Psychologen oder Sozialpädagogen ihre Probleme erörtern und nach besseren Bewältigungsstrategien suchen.
    Die Angehörige finden Entlastung und mehr Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit dem Betroffenen.

Psychosebgleitung

Im Mittelpunkt einer Psychosevegleitung steht die Wahnsymbiose: Man lässt sich ein auf ein Gespräch mit psychotischen Inhalten, ohne dabei die Wahrnehmung des Menschen in der akuten Psychose in Frage zu stellen.

Dabei knüpft man am Besten an den teilweise absurd erscheinenden Erklärungen des Erlebens des kranken Menschen an und bietet ihm Ersatzerklä­run­­gen, die der Normalität besser entsprechen als die psychotischen Interpretationen des Gegenübers. Es handelt sich dabei um den Versuch, die beiden verschiedenen Welten miteinander zu verknüpfen und den Gesprächspartrner mit Fingerspitzengefühl in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Der Mensch in der psychotischen Krise äußert sich auch in verschlüsselter, symbolischer Form. Kennt man diesen Menschen näher, dann kann man auch oft die verschiedenen symbolischen Inhalte entschlüsseln. Dann kann man auch die Vorwürfe, die Menschen mit Psychosen meinen nur symbolisch ansprechen zu dürfen, verstehen und auf der nicht symbolischen Kommunikationsebene beantworten. Dies kommt dem Erkrankten oft sehr entgegen, weil es ihm nun möglich ist, sich ganz normal weiter zu unterhalten und die psychotischen Äußerungen aufzugeben.

Gegen die psychotischen Ängste wirken von außen auferlegte Verbote. Diese Begrenzungen geben dem Menschen in der akuten Psychose Sicherheit. Oftmals bringen sich die Betroffenen während eines akuten Schubes in ein gefährliche Situationen; sie fahren etwa viel zu schnell mit dem Auto. Hat man nun eine Beziehung zu ihnen aufgebaut, dann nehmen sie die Verbote - wie etwa ein Fahrverbot in der akuten Phase der Psychose - liebend gerne an, weil sie bemerken, dass sie gefährlich leben. Dadurch mindern sich die Ängste und das wiederum reduziert das psychotische Erleben.

Ist die akute Phase vorüber, dann gilt es, zu lernen, die möglicherweise folgenden Krisen anhand der Frühwarnzeichen rechtzeitig zu erkennen und so früh als möglich entgegenzusteuern. (Siehe dazu Bevor es wieder losgeht)

Sehr oft sind auch nach der akuten Psychose das Denken und die Emotionen gestört. Zwar nehmen Menschen mit Psychosen dann die Umwelt wieder detailliert und klar wahr, doch sind sie nicht dazu in der Lage, diese richtig zu beurteilen, so dass Konflikte entstehen. Man sollte sich dann die Zeit nehmen und sich die Situationen, die zum Konflikt führen, genau schildern lassen. Jetzt liegt es an Ihnen, als Dolmetscher und Vermittler aufzutreten. Erklären Sie Ihrem Mitmenschen die allgemein übliche Welt und die gängigen Normen, weil das Gegenüber diese im Moment nur unzureichend kennt. Konfliktstoff birgt oft, dass zu viel wörtlich verstanden wird oder der Andere nicht einschätzen kann, dass ein Kind noch nicht dazu in der Lage ist, wie ein Erwachsener reagieren.

Der Mensch benötigt nun in vielen Bereichen unserer Unterstützung: So muss er neu lernen, die eigenen Grenzen kennen und persönliche vor allem auch orale Bedürfnisse wieder zu befriedigen erlernen. Im Gegensatz zu Menschen, die unter Neurosen leiden, müssen Ziele erarbeitet und der Weg zum Ziel genau erklärt werden, weil Menschen mit Psychosen häufig nicht wissen, wie sie ein Ziel erreichen können. Wurden ihnen in der gemeinsamen Arbeit Kenntnisse über die verschiedenen Schritte vermittelt, dann haben sie in der Regel weniger Probleme mit der Umsetzung des Ziels.

Wenn Kinder im Spiel sind

Dazu gibt es das Merkblatt Wenn Kinder zu betreuen sind

Quellen:

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