Lockerungen haben immer ein gewisses Risiko

07. Juli 2014

Maßregelvollzug
„Lockerungen haben immer ein gewisses Risiko“
Dr. Joachim Dedden: Bei konkreter Gefährdung wird Öffentlichkeit informiert. Polizeieinsätze versetzen Anwohner im Umfeld der Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen immer wieder in Sorge. Das kann der Chefarzt der Forensik verstehen. Nehmen kann er sie nicht.

WEHNEN Dr. Joachim Dedden weiß, dass er in einem Spannungsfeld arbeitet. „Maßregelvollzug ist ein schwieriges Thema. Aber er muss irgendwo stattfinden.“ Immer wieder wird der Chefarzt der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie der Karl-Jaspers-Klinik (KJK) mit Sorgen der Anwohner konfrontiert – besonders dann, wenn es zu Polizeieinsätzen kommt, wie zuletzt vor rund zwei Wochen. Da beunruhigte ein nächtlicher Einsatz von Streifenwagen und Hubschrauber die Nachbarn der KJK (die NWZ  berichtete).
In der Forensik werden Patienten behandelt, die nach § 63 Strafgesetzbuch untergebracht sind. Das sind Menschen, die für eine Straftat verurteilt worden sind, die sie im Zustand der verminderten oder aufgehobenen Schuldfähigkeit begangen haben. Grund ist in der Regel eine psychische Erkrankung, aus der eine eingeschränkte Impulskontrolle resultiert. Behandelt werden in Wehnen bis zu 117 Patienten auf fünf Stationen mit unterschiedlichen Sicherheitsstandards. Auftrag der Forensik sei es, so Dedden, „die Gefährlichkeit eines Patienten so weit zu minimieren, dass er irgendwann entlassen werden kann“.
Schrittweise Lockerung
Dazu gibt es ein abgestuftes System von Lockerungen. Auf Antrag, nach Beratung in der Lockerungskonferenz und mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft dürfen sich Patienten unter Begleitung von zwei Mitarbeitern zeitweise auf dem Klinikgelände aufhalten, später wird die Begleitung reduziert, dann der Radius vergrößert. Dabei gilt: Bei schweren Straftaten bedarf es stets einer Prognosekonferenz, in der Mediziner anderer Forensiken den Patienten begutachten.
Insgesamt werden in der KJK 550 Patienten behandelt. „Und die meisten Polizeieinsätze gibt es, wenn Patienten der Allgemein-Psychiatrie gesucht werden“, so Dedden über die Relationen. „Das sind dann häufig ältere oder verwirrte Menschen, die sich im Nahfeld aufhalten.“ Die Zahl der Polizeieinsätze nach derartigen Fällen werde in der Klinik allerdings nicht erfasst.
Zahlen der Forensik hat Dedden: So habe es 2011 einen Ausbruch gegeben (woraufhin entsprechende Konsequenten gezogen worden seien), zudem zwei aktive Entweichungen (der Patient läuft weg, etwa beim Freigang) und zwei passive Entweichungen (der Patient kehrt nicht zur vereinbarten Zeit zurück). Ausbrüche habe es 2012 und 2013 keine gegeben, aktive Entweichungen eine beziehungsweise zwei, passive seien es drei und fünf gewesen. Angesichts der Patientenzahl – von den aktuell 112 Patienten haben 69 eine Lockerung, davon 25 ohne Begleitung – und zumeist mehrerer „Ausgänge“ pro Tag seien diese vier bis sieben Fälle im Jahr auch im Vergleich mit anderen Einrichtungen wenig. „Da liegen wir sehr gut“, so Dedden.
Dass die Öffentlichkeit gerade bei Entweichungen aus der Forensik allerdings besonders besorgt reagiert, versteht der Chefarzt. „Lockerungen haben immer ein gewisses Risiko“, räumt er ein. „Aber das ist allemal besser, als wenn die Menschen in Haft gehen.“ Danach lägen die Rückfallraten um ein Vielfaches höher.
Ein sicheres System der Information ist schwierig, weiß Dedden. Es werde sich niemand hinstellen, und sagen, von dem Patienten gehe keinerlei Gefahr aus, da niemand die eintretenden Umstände vorhersehen könne. Funktionieren soll der umgekehrte Weg: „Wenn wir nur das Gefühl haben, dass es eine konkrete Gefährdung gibt, treten wir an die Öffentlichkeit.“
Austausch mit Nachbarn
Zweimal im Jahr lade die Forensik über den Ortsbürger- und Heimatverein Ofen zudem Anwohner zu einem Gespräch ein. „Und das wird immer gut angenommen.“ Mit am Tisch sitzen dann unter anderen auch Polizei und Ratsmitglieder, aber auch Vertreter von Staatsanwaltschaft und Gericht. Der Klinik sei an so viel Öffentlichkeit gelegen wie eben möglich, beteuert Dedden. Die habe aber schon grundsätzlich enge Grenzen: „Wir können schlecht einen Tag der offenen Tür machen.“

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