Verrückt durch Psychiatrie?

Verrückt durch Psychiatrie?
Gustl Mollath war mehr als sieben Jahre in der geschlossenen Psychiatrie in Bayern eingesperrt, bis er 2013 endlich frei kam. Ein Fall, der das Vertrauen in Justiz, Psychiatrie und Politik auf eine harte Probe stellt. Wie übersteht man so einen Zwangsaufenthalt?

Fragen vom SWR an Dr. med. Peter Winckler, Gerichtsgutachter und forensischer Psychiater aus Tübingen.

In der Psychiatrie zwangseinsitzen - heißt das automatisch, man gilt anschließend als nicht resozialisierbar?
Nein, ganz sicher nicht. Diese Unterbringungen nennen sich ja Maßregeln der Sicherung und Besserung. Der Besserungsauftrag ist Teil des Programms. Die Gleichsetzung von 'schuldunfähig' mit 'nicht resozialisierbar' ist ganz sicher falsch. Die Frage wie das konkret gemacht wird, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab. Die Behandlungsprognose eines schizophrenen Mörders ist sicher eine ganz andere als die eines schwer persönlichkeitsgestörten Mehrfach-Vergewaltigers. Insofern kann man das schlecht über einen Kamm scheren.
Aber - und das ist sicher ein Problem vieler Untergebrachter - es wird dann schwierig, wenn der Untergebrachte zu recht oder zu unrecht sagt, er sei unschuldig. Weil natürlich viele Therapien im Behandlungsvollzug und Strafvollzug in ganz hohem Maß auf dem Geständnis der Betroffenen basieren. Wer sagt, ich bin unschuldig, der hat - das muss man ganz klar sagen - schlechtere Karten.
Ich bin unschuldig, bin auch nicht krank und trotzdem in der Psychiatrie: Was bleibt da für ein Trauma?

Das ist ein Phänomen, das ihnen in der Psychiatrie öfter begegnet, dass also auch offenkundig Schwerstkranke behaupten, sie seien unschuldig. Die Wahnvorstellungen, die ich habe, sind Realität. Die Stimmen, die ich höre, die sind da. Das ist so ungewöhnlich nicht. Damit kann man in vielen Fällen ganz vernünftig umgehen.
Wenn aber jemand tatsächlich nicht krank ist und nicht so schuldig ist wie ihn ein Gericht befunden hat - oder gar komplett unschuldig - dass das eine ganz enorme Belastung ist, die sich auch potentiell traumatisierend auswirken kann, das steht außer Frage.

Kann das Trauma repariert werden?
Ich denke ja - wobei wir auch hier wieder bei den individuellen Einzelfällen sind. Es kommt natürlich sehr stark auf die Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen selbst an. Es kommt sehr stark auch auf das soziale Umfeld an, auf die Unterstützung durch das Umfeld. Von daher kann man sagen: Je labiler und zerbrechlicher ein Mensch strukturiert ist und je weniger Unterstützung er von seinem sozialen Umfeld hat - je isolierter er ist, desto verheerender können sich solche Belastungen dann auch auswirken.
Grundsätzlich sind das aber Belastungen, die behandelbar und heilbar, also wieder reparierbar sind.

Maßregelvollzug/Forensische Psychiatrie:
Im Maßregelvollzug (auch "Forensische Psychiatrie", verkürzt zu "Forensik") werden nach § 63 und § 64 des deutschen Strafgesetzbuches unter bestimmten Umständen psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter entsprechend den Maßregeln der Besserung und Sicherung untergebracht. Vom Maßregelvollzug zu unterscheiden ist die Sicherungsverwahrung nach § 66 StGB für gefährliche Straftäter, die ausschließlich dem Schutz der Öffentlichkeit dient. (wikipedia.de)

Für das Wiederaufnahmeverfahren gegen Gustl Mollath sind 17 Verhandlungstage angesetzt.

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