Am chemischen Steuerknüppel des Wohlbefindens mit Crystal

06. Juli 2014

Am chemischen Steuerknüppel des Wohlbefindens

Warum eigentlich nicht? Warum sollte sich der innenpolitische Sprecher der SPD, Michael Hartmann, nicht Crystal Meth organisiert haben, die dem Vernehmen nach mächtigste und gleichzeitig zerstörerischste Droge, und damit wie jeder Junkie sowohl gesundheitliche und strafrechtliche Risiken eingegangen sein? Wenn der Bundestag den Querschnitt des Volkes repräsentiert, wird auch dort gekifft und gekokst, es wird gesoffen, es werden Pillen geworfen wie überall sonst.

In seinem Standardwerk "Höhenrausch" hat der langjährige Politbeobachter und selber suchtkranke, trockene Alkoholiker Jürgen Leinemann die Konsumenten der Droge Macht (und Aufmerksamkeit) mit ganz normalen Junkies verglichen und verblüffende Übereinstimmungen gefunden.
Interessant ist nur das Präparat selber. Crystal Meth, das ist doch das Zeug, das Jessie Pinkman vertickte in der Serie "Breaking Bad", bevor Walter White die Szene betritt, und aus der Kleindealerei in New Mexico ein großes, international operierendes Unternehmen macht, dessen Gewinne auf Paletten in einer angemieteten Lagerhalle verstaut werden müssen.
Interessant ist ebenfalls, dass der Hauptbestandteil der Droge, Amphetamin, früher an Soldaten ausgegeben wurde, die plötzlich zu 60-Stunden-Märschen in der Lage waren. Pervitin hieß das Zeug. Heinrich Böll bat seine Familie per Feldpost um Nachschub.

Pervitin, eine Droge, die Soldaten nahmen
Noch Jahrzehnte nach dem Krieg wurde es verschrieben, erst 1988 war Schluss damit, denn die Begleitsymptome sind furchtbar: zwar macht es kurzfristig schmerzunempfindlich und wirkt euphorisierend, aber dann kommt die Höllenfahrt mit Schweißausbrüchen, Depressionen, Psychosen – der Boxer Jupp Elze hatte es für jenen Kampf genommen, in dem er 1968 im Ring totgeprügelt wurde.
Pervitin ist natürlich ebenso ein Suchtmacher wie alle anderen vergleichbaren Präparate, die heute auf den schwarzen Listen stehen. Für den SPD-Innenexperten muss das politische Geschäft also eine Schützengrabenerfahrung sein. Krieg mit anderen Mitteln.
Dämlich allerdings, wenn der gleiche Mann sich gegen die Legalisierung von sanften Drogen wie Cannabis ausspricht, das er "keineswegs bagatellisiert" wissen wollte: "Cannabis ist keine harmlose Droge." Dieses Doppelspiel erinnert an den Hamburger Innensenator, "Richter Gnadenlos" Roland Schill, der nach seiner bizarren "Law and Order"-Karriere in Hamburgs Senat beim Koksen in Rio gefilmt worden war.
Doch Hartmann ist kein Mann harter Sprüche. Politisch nahm er einen eher unauffälligen Weg, Gymnasium in Pirmasens, Volkskunde- und Politologiestudium in Mainz, Eintritt in die SPD 1983, Fachmann für Ur- und Kommunalwahlen, Sprecher des Innenministers in Rheinland Pfalz. Zog 2002 als Direktkandidat in den Bundestag ein, und arbeitete als Stellvertretender Vorsitzender im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss.

Hartmann, ein unbeschriebenes Blatt
Kein Überflieger, sondern ein kantenloser Parteiarbeiter wie viele andere, wie beispielsweise Sebastian Edathy. Kurzzeitig geriet auch er, als Freund Edathys und aufgrund seiner guten Kontakte zu den Sicherheitsbehörden, in den Kreis der Verdächtigen, die den Parteifreund und Kinderpornokonsumenten vor einer bevorstehenden Razzia gewarnt haben sollen.
Hartmann ist ein unbeschriebenes Blatt. Ehrenamtlicher Gemeinderat, Karnevalist, Präsident des deutschen Baseball und Softball Verbandes. Privat, so heißt es allenthalben, gilt er er als "verschlossen", allerdings bewarb er sich im Wahlkreis Mainz mit seiner "Bürgernähe" und mit der Forderung, dass "die Innenpolitik nicht den Scharfmachern überlassen werden darf", also einer eindeutigen Anti-Schill-Aussage. Soweit alles richtig und wunderbar.

Unter den Werten und Zielen rangieren für ihn ganz oben "Menschenwürde und Menschenrechte", gefolgt von Bildung, sozialer Absicherung, Tierschutz, Heimatliebe, auf Platz 11 dann "christliche Werte", die er wohl im Zentralrat der deutschen Katholiken vertritt, dem er ebenfalls angehört.
Nichts darunter, was nicht jeder unterschreiben könnte.

Die Babyboomer schlucken alles
Nun gehören Drogen, egal welcher Art, mittlerweile tatsächlich zum Alltag. Zielgruppe: jedermann.
Besonderer Beliebtheit erfreut sich Crystal Meth erstaunlicherweise in Akademikerkreisen. Studenten ziehen sich das Zeug rein, um vor Prüfungen besonders intensiv lernen zu können, ohne zu ermüden. Schützengräben überall.
Michael Hartmann gehört der Generation der Babyboomer an, die einst mit Drogen experimentierte, besonders mit sogenannten "bewusstseinserweiternden" und sensibilisierenden Drogen wie Cannabis und LSD, oder mit Schmerzmitteln wie Opium oder Heroin, deren Derivat, Morphium, im Krieg für Amputationen gebraucht wurde.
Nur dass den Teenagern im bundesrepublikanischen Nachkriegsalltag als höchstes Gefahren- und Krisenmoment nicht das feindliche Schrapnell galt, sondern die Langeweile. Sie suchten die Grenzerfahrung. Umso besser, wenn sie illegal besorgt werden musste, denn Gefahr hat ihren besonderen Reiz.

Die Hippies fühlten sich wie im Krieg
Man kann die ganze Hippie- und Drogenkultur der 60er- und 70er-Jahre als nachgeholtes Kriegserlebnis deuten, die Schützengräben waren schlammige Feldlager wie Yasgur's Farm in Woodstock, und sie beweinte selbstverständlich ihre eigenen Toten, Jimi Hendrix und Janis Joplin und Jim Morrison und all die anderen.
Ja, der Vietnamkrieg selbst war ohne Drogen nicht zu denken, zahllose Soldaten kehrten als potrauchende Heroinjunkies heim. Er fand zum Sound der Sixties statt, wie die satten und delirierenden Rausch-Bilder erzählen, die Coppola für sein Meisterwerk "Apocalypse now" fand.
Wir können also davon ausgehen, dass sich insbesondere seit der Jugendkultur der Babyboomer ein sehr entspanntes Verhältnis zur Einnahme von Drogen eingespielt hat.
Ob Uppers wie Amphetamine für paukende Studenten, Koks für Banker (grandios komisch gerade in Szene gesetzt von Martin Scorcese in "The Wolf of Wallstreet") oder eben Downers wie Valium, das als "Mothers Little Helper" von den Rolling Stones bereits 1966 besungen wurde als Krücke für die Fronarbeit der Hausfrauen im britischen Nachkriegsalltag.

Man wünscht Hartmann einen gelungenen Entzug
Heute sitzt wohl ein ganz erheblicher Teil unserer Spät-Gesellschaft an den chemischen Steuerknüppeln ihres inneren Wohlbefindens und regelt hoch und runter, und die Konsumenten müssen nicht unbedingt Blumen im Haar tragen, sondern sie können aussehen wie der Mann, der den Gaszähler abliest, die Frau an der Supermarktkasse – oder eben der Politiker mit Geheimratsecken aus der Provinz.
Dass nun ein SPD-Abgeordneter zu Crystal Meth gegriffen haben soll, dem tatsächlich mörderischsten aller Muntermacher, schadet möglicherweise der SPD, die nach den Skandalen um ihre Abgeordneten Tauss und Edathy nun den dritten Problemfall in ihren Reihen einräumen muss.
Aber letztlich kann das nur als persönliche Tragödie betrachtet werden. Da ist ein Mann mit einer Suchtkrankheit, dem man einen gelungenen Entzug wünscht und eine dauerhafte Therapie. Ganz sicher eignet er sich nicht für ein öffentliches Kesseltreiben, für Fotos beim Einchecken in irgendeine Klinik oder für Schüsse über die Mauer.
Hier geht es um eine persönliche Niederlage, aus der der Abgeordnete hoffentlich irgendwann gestärkt (und sensibilisiert) hervorgeht.

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Zum Vorgang:

In der vergangenen Woche wurde Hartmanns Immunität aufgehoben. Anschließend durchsuchten Ermittler der Polizei seine Privatwohnung. Drogen wurden dabei nicht gefunden.
Hartmann hatte am vergangenen Mittwoch sein Amt als innenpolitischer Sprecher der Fraktion niedergelegt. Wenig später machten Drogengerüchte die Runde. Der Sozialdemokrat gilt als profilierter Innenpolitiker und sitzt seit 2002 im Bundestag. Für die kommenden Wochen hat Hartmann alle Termine abgesagt. An seinem Bundestagsmandat will er den Angaben zufolge festhalten.
Hartmann ist bereits der zweite Innenexperte der SPD, gegen den Ermittlungen laufen. So wird auch gegen den früheren Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials ermittelt. Er hatte im Februar sein Mandat niedergelegt. 1

Höhenrausch (Verlag Karl Blessing, 2004):

"Der Eintritt in die Politik ist der Abschied vom Leben, der Kuss des Todes" hat Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt. Der Journalist Jürgen Leinemann sieht das nicht anders. Seit mehr als vierzig Jahren beobachtet der 1937 geborene Chronist den politischen Betrieb, der in Vielem eindeutig die Züge eines Suchtprozesses trägt. Und wie alle Abhängigen machen sich diejenigen, die der Droge Politik, und das heißt vor allem: der Droge ihrer eigenen Wichtigkeit verfallen sind, lange Zeit vor, sie hätten alles im Griff. Dabei entgleitet ihnen ihr Ich ebenso, wie die Wirklichkeit, in der das wahre Leben sich abspielt. Leinemann hat dies bei vielen Politik-Junkies über Jahre aus nächster Nähe beobachten können. Er hat gesehen, "wie die Macht sie verändert, wie sie sich einmauern in Posen von Kompetenz und Zuversicht, während die öffentliche Verachtung wächst" -- und insgeheim auch die Selbstzweifel.
"Eine Weile", berichtet der Autor, habe er sich in seiner Beobachterposition auf der sicheren Seite gewähnt -- bis er merkte, dass er "als Journalist keineswegs nur Zuschauer war, der auf der Tribüne des Geschehens saß und cool protokollierte". Er geriet selbst in die Suchtfalle, entwickelte "einen unersättlichen Hunger nach Anerkennung und Bestätigung" und sah sich "bald nicht nur auf der Erfolgsleiter, sondern zugleich auf der Flucht vor der immer unangenehmer werdenden Realität aus Selbstzweifeln, Furcht vor dem Scheitern und quälenden Fragen nach dem persönlichen Preis für die Karriere." Leinemann weiß also, worüber er schreibt. Das unterscheidet sein Buch sehr angenehm von thematisch verwandten Publikationen, die sich gerne in platter Politiker-Schelte erschöpfen. Höhenrausch ist eine kluge Sucht-Analyse, die ohne Häme den Ursachen für den Realitätsverlust nachspürt, der bei vielen Politikern unübersehbar ist.

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