Die Psychose

Psychische Erkrankungen - Psychose

Wer kennt nicht das Gefühl, neben sich selbst zu stehen? Und wer fühlte sich nicht schon einmal wie in einem anderen Film?

Was sind Psychosen?

Das Wort Psychose stammt aus dem Griechischen und steht für eine ernstzunehmende seelisch-geistige Krankheit. In der Medizin bezeichnet man damit psychische Störungen, bei denen der Betroffene die Realität zeitweilig anders wahrnimmt als sie es ist. Das Wort ist ein Oberbegriff für eine Gruppe von Krankheiten von recht unterschiedlichen Formen. Einige dieser Krankheiten fallen in den schizophrenen Formenkreis und werden als Schizophrenie bezeichnet.
So wie es bei einer schweren körperlichen Erkrankung erforderlich ist, so führen die Erscheinungen der Psychose oft dazu, dass der Betroffene eine Zeit lang nicht mehr dazu fähig ist, seiner Arbeit nachzugehen und sein persönliches und häusliches Leben so zu gestalten wie vor der Erkrankung. Oft ist bei einer Psychose die stationäre Behandlung in einer Fachklinik angezeigt.

Dauer und Symptome der Psychosen

Psychosen bleiben nicht haften und gehen wieder vorüber. Die Krankheit kann tritt beim Einen nur einmal auf und kehrt beim Anderen immer wieder schubweise zurück. Die Psychose verläuft oft günstig Verlauf. Entgegen der öffentlichen Vorstellung gilt dies auch für die schizophrenen Psychosen.
Die Krankheit äußert sich sich ganz unterschiedlich. Der Kranke kann beispielsweise das Gefühl haben, seine Umgebung würde sich auf merkwürdige Art und Weise derart verändern, dass ihm nichts mehr als vertraut oder selbstverständlich erscheint – er erlebt diese Veränderungen als bedrohlich und angsterregend. In anderen Betroffenen setzt sich die Meinung fest, die Anderen führten gegen sie etwas im Schilde und fühlen sich entsprechend beeinträchtigt und auf vielerlei Art bedroht. Andere wiederum kommen zu dem Schluss, durch Strahlen, Hypnose oder Ausserirdische gegen ihren Willen beeinflusst zu werden. Manch hat ganz das Gefühl, die Anderen tuschelten miteinander und redeten über ihn. Die Mitmenschen könnten ihrer Meinung nach die Gedanken lesen und wüssten voll und ganz über den Erkrankten Bescheid. Es gibt auch Menschen, die zum Beispiel Stimmen hören, obwohl niemand da ist, der spricht.
Die meisten der Betroffenen haben große Angst, sind voller innerer Unruhe und haben schwere Schlafstörungen. Einige unter ihnen werden auch gleichgültig und interessieren sich nicht mehr für das, was um sie herum geschieht. Sie verspüren eine große innere Leere und können sich nur unter größter Anstrengung dazu aufraffen, etwas zu tun. Jede noch so kleine Regung fällt ihnen unheimlich schwer. Sie kapseln sich ab und können sich kaum mehr konzentrieren. Beim Sprechen reißt der gedankliche Faden gerne ab.
Die Einen sind wiederum zeitweise depressiv, während die Anderen vorübergehend heiter erscheinen.

Ursachen

Generell kann jeder an einer Psychose erkranken. Frauen erkranken weniger häufig daran als Männer. Mit zunehmendem Alter durchlaufen immer mehr Menschen die sogenannte Alterspsychose, die meistens durch die Demenz verursacht wird. Bemerken die Betroffenen nämlich den schleichenden Verlust der Erinnerung an sich, dann kann diese Bewusstwerdung in einer leidvollen Depressionen enden.
Einer aus hundert von der Bevölkerung erlebt an sich die Psychose. Ein Prozent erkrankt also wenigstens einmal im Leben an einer Psychose.
Zwar wurden wichtige Bedingungen für das Entstehen dieser Erkrankung inzwischen erforscht, doch gelang es trotz der rasanten Fortschritte in Biochemie, Medizin und Psychologie bis heute nicht, die Ursachen umfassend zu klären.
Bis vor kurzem wurde die Bedeutung der Vererbung von Psychosen gänzlich überschätzt. Fest steht jedoch, dass in Familien, in denen eine Psychose auftritt, dieses Krankheitsbild häufiger auftritt.
Die Untersuchung des Stoffwechsels im Gehirn und des übrigen Stoffwechsels im Körper zeigte es sich – bislang jedoch ungesichert – dass sich bei den an einer Psychose leidenden Menschen Störungen des Stoffwechsels ausmachen lassen. Dafür spricht übrigens auch, dass Medikamente, die den Stoffwechsel von Nervenzellen beeinflussen, sich auf die Erkrankung derart auswirken, dass sie die Psychose beseitigen oder aber deren Verlauf wesentlich bessern.
Die Wissenschaft hat auch erkannt, dass das Verhalten der Mitmenschen und belastende Erlebnisse aus der Kindheit die Entstehung einer Psychose wesentlich begünstigen können. Dennoch sind wir nach wie vor weit entfernt von einer umfassenden Erklärung der Mechanismen, welche einen Menschen an einer Psychose erkranken lassen. Stress, Traumate und große Veränderungen im Leben (ein Todesfall, ein Umzug, die Geburt eines Kindes oder das Sich-Verlieben), können Psychosen auslösen.
Fest steht jedoch, dass bei der nach wie vor sehr rätselhaften Krankheit stets mehrere der oben genannten Faktoren zusammen wirken. Da spielen die bedingungen der Bereitschaft zu einer Erkrankung eine Rolle, die Anfälligkeit und Verletzbarkeit also. Zum anderen können äußere und innere Einflüsse wie etwa Störungen im Stoffwechsel, andere Erkrankungen und Belastungen wie Streß die Psychose zu ihrem gefürchteten Ausbruch verhelfen.

Verlauf

Der Psychotiker ist oft ein sensibler, verletzbarer und intelligenter Mensch, der labil und daher wenig belastbar ist und Probleme damit hat, sich abzugrenzen. Die Reaktionen der Umwelt bezieht er oft auf sich, weist jedoch dafür ein enormes Einfühlungsvermögen auf. Er benötigt klare Strukturen im Leben und geordnete Lebensverhältnisse. Chaos und Isolationstendenzen können nämlich wiederum psychotische Schübe auslösen.
Manche Psychotiker sind aggressiv und neigen zu emotionalen Ausbrüchen und Übergriffen. In gesünderen Zeiten erscheinen sie dennoch recht umgänglich, so daß man ihr aggressives Potential nicht vermutet, das sie in einer Akutphase unberechenbar machen kann. Die Betroffenen selbst bekommen davon nur wenig mit.
In der akuten Phase dringen die ganzen Emotionen und unterdrückten Inhalte des Unterbewußtseins wie Ängste, Komplexe, Aggressionen, Triebe und Urinstinkte usw., mit einem Mal an die Schwelle des Bewußtseins und der Betroffene ist nicht mehr in der Lage dazu, sie mit Vernunft und Verstand zu kontrollieren. Die verschiedenen Inhalte bewirken dann Bilder – Wahn und Halluzinationen. Die Lokalisierung verläuft ähnlich einer Traumdeutung, denn wenn die Psychose auch eine Krankheit ist, so ist sie dennoch der Ausdruck einer überforderten Seele.
Der Akutphase einer Psychose folgt oft eine Phase der abgrundtiefen Depression. Viele Betroffene empfinden das Erleben der Depression als belastender als die Psychose selbst. Ist der Betreffende in der Psychose durch seinen eigenen „Wahn“ von sich selbst abgelenkt, so konfrontiert die Depression einen mit sich selbst. Es kommt zu einem lähmenden oder destruktiven Erleben, das einen auf sich selbst zurückwirft

Rückfälle sind oft vermeidbar

Medikamente und psychiatrische Behandlung und Betreuung können die Gefahr eines Rückfalls beträchtlich mildern. Die Sicherheit, keinen Rückfall mehr zu erleiden, kann jedoch nicht gegeben werden. Dann treten wieder psychotische Erscheinungen auf, wobei jedoch Hilfe möglich ist.
Am Wichtigsten ist es dabei, schon bei den ersten, noch leichten Anzeichen der Erkrankung aufmerksam zu werden. Wenn der Arzt schon im frühen Stadium die nötigen Maßnahmen einleitet, dann können dadurch zumeist die schweren Störungen vermieden werden. Falls dies gelingt, dann erübrigt sich auch ein stationärer Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik oder aber es besteht nur die Notwendigkeit eines kurzen Aufenthalts im Krankenhaus. Oft genügt schon der Besuch einer Tagesklinik, um den Rückfall wieder aufzufangen. Danach ist nur noch eine ambulante Nachbehandlung vonnöten.

Einige Symptome

Die veränderte Wahrnehmung

Gerade bei schizophrenen Psychosen laufen gesunde und krankhafte Anteile des Verhaltens und Erlebens parallel. Gemeinhin spricht man dann in Bezug auf eine Schizophrenie von einer gespaltenen Persönlichkeit, obwohl diese Form der Erkrankung sehr selten ist.
Menschen, die einen psychotischen Schub durchlaufen, sind Wahrnehmungsgenies. Jeder Mensch sieht sich ununterbrochen konfrontiert mit Wahrnehmungen, Empfindungen, Eindrücken und Gefühlen. Der gesunde Mensch nimmt davon maximal zehn Prozent wahr. Verdoppelt sich dieser Anteil auf zwanzig Prozent, dann steht der Mensch in der Regel kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Steigert sich diese Rate, dann erkrankt der Mensch an Seele und Geist. Er verliert die Fähigkeit, zu unterschieden, was wichtig ist und was nicht. Das Ergebnis ist, dass der Betroffene die Lage, in der er sich befindet, oder auch die Beziehung zu anderen Menschen nicht mehr korrekt einschätzen kann.
Im Experiment kann man diesen Zustand bei jedem Menschen durch permanenten Schlafentzug von ein paar Tagen künstlich provozieren. Keiner ist also vor solch einem Zustand geschützt. Jeder kann unter bestimmten Bedingungen davon betroffen werden.

Wahn

Oft spricht die Allgemeinheit im Zusammenhang mit Psychosen von Wahn. Inhaltliche Denkstörungen werden gemeinhin als Wahn bezeichnet. Die Betroffenen entwickeln krankhafte, falsche Wahnvorstellungen, die jedoch von der Wirklichkeit abweichen. Diese wahnhaften Vorstellungen sind für den Kranken derart real, dass er unbeirrt daran festhält und sie nicht mehr anhand der Wirklichkeit überprüfen kann.
Wir unterscheiden zwischen

  • Wahnstimmungen (Wahnspannungen, Wahnbedürfnis), in denen die Welt für den Erkrankten verändert, bedrohlich und unheimlich anmutet. Es handelt sich um eine Vorstufe des manifesten Wahns.
  • Wahnwahrnehmungen sind reale Wahrnehmungen, denen der Kranke jedoch eine veränderte, abwegige Bedeutung zuweist.
  • Wahneinfälle sind wahnhafte Meinungen, die sich nur schwer von der Wirklichkeit trennen lassen. So mag der Betroffene der Meinung sein, er sei religiös zu höheren Dingen berufen.
  • Im systematisierten Wahn verknüpft der Kranke verschiedene Wahnerlebnisse zu einem ganzen System. Der Wahn, die Dinge zu erklären, spielt dabei eine große Rolle. Der Betroffene baut alles, was passend erscheint, durch entsprechende Erklärungsbeweise in das bestehende Wahnsystem ein.
  • Wahnthemen sind die Bereiche, die bei inhaltlichen Denkstörungen oft auftreten. So zum Beispiel der Beziehungswahn (alles wird auf die eigene Person bezogen), der Verfolgungswahn, der oft bei Männern auftretende Eifersuchtswahn, der Größenwahn, der Nichtigkeitswahn (das Gefühl der Minderwertigkeit besonders bei Depressionen), der Versündigungs- oder Schuldwahn (Schuld bzw. Sünde gegenüber einer höheren Instanz), Verarmungswahn (die unbegründete Angst, den Lebensunterhalt zu verlieren) oder der hypochondrische Wahn (also die Vorstellung, lebensbedrohlich erkrankt zu sein).

Die negative oder positive Symptomatik

In den schizophrenen Psychosen vermischen sich sich die Grenzen zwischen eigener Wahrnehmung und Wirklichkeit. Die Erkrankten sind hochsensibel und oft auch sehr kreativ. Durch die Fähigkeit, viel wahrzunehmen, verliert der Betroffene dann die Ordnung und den festen Bezug zur Außenwelt. Denken, Fühlen, Wahrnehmen und handeln haben dann keinen Bezug mehr zur umgebeneden Realität.
Die Symptome bei schizophrenen Erkrankungen sind sehr vielfältig. Man unterscheidet jedoch generell zwischen einer Minus- und einer Plus-Symptomatik. Die Erstere zeichnet sich dadurch aus, dass zu gesünderen Zeiten vorhandene Persönlichkeitsmerkmale wegfallen. Es entstehen Antriebsverlust, mangelnde Körperpflege, verarmte Sprache, verminderte Leistungsfähigkeit, weniger soziale Kontakte, der Rückzug in die eigene Erlebniswelt, psychomotorische Verlangsamung und zur Verflachung der Gefühle.
Dahingegen kommt bei der Plus-Symptomatik beim Erkrankten etwas hinzu. Der Betroffene leidet dann unter Halluzinationen, Ich-Störungen und Wahnvorstellungen.
Insgesamt betrachtet können bei der jeweiligen Symptomatik die folgenden Bereiche betroffen sein:

  • Ich-Störungen
  • Wahrnehmungsfunktion bei Halluzinatioen
  • formale Denkstörungen
  • inhaltliche Debkstörungen (Wahn)
  • Störungen der Affektivität
  • Störungen des Antriebs und der Psychomotorik

Die jeweilige Ausprägung der entsprechenden Symptomatik unterscheidet sich von Patient zu Patient sehr stark. Auch müssen nicht alle Bereiche betroffen sein. Die Betroffenen sind besonders beim Stimmenhören, bei Auswegslosigkeit, bei Angst oder Verfolgungswahn stark von Selbstmord gefährdet. Zwischen fünf und zehn Prozent der Betroffenen legen dann Hand an sich. Zudem kann es bei stark ausgeprägtem Verfolgungswahn zu Übergriffen auf unbeteiligte Dritte kommen, was die Medien dann gerne ausschlachten. In Wirklichkeit ist das Risiko für Gewaltverbrechen und Tötungsdelikte jedoch nicht größer als bei anderen Bevölkerungsgruppen.

Affektive Störungen

Affektivität meint die meist kurzfristigen starken Gefühlszustände wie Zorn, Wut, Hass oder Freude. Darunter fallen aber auch langfristige bestehende Stimmungen, die eine Gesamtlage über einen längeren Zeitraum beschreiben wie etwa bei einer Depression.
Es gibt viel Arten der Affektstörungen:

  • Bei der Affektlabilität (Stimmungslabilität) wechseln Stimmungslage oder Affekte schnell - meistens bei organisch bedingten psychischen Störungen.
  • Bei der Affektarmut sind Gefühlsregungen bzw. Affekte kaum auslösbar. Der Erkrankte wirkt interesselos und emotional zurückhaltend.
  • Das Gefühl der Gefühllosigkeit (Gemütsleere) bezeichnet einen Mangel oder vollständigen Verlust von affektiven Regungen. Der Betroffene erlebt diesen Zustand als leidvoll und quälend. Das Erlebnis des eigenen Leidens ist der Unterschied zur Affektarmut.
  • Fehlt die Beherrschung von Gefühlen, dann spricht man von einer Affektinkontinenz: Gefühlsäußerungen sind schon bei geringen Anlässen übertrieben und unkontrolliert.
  • In der Euphorie kommt es zu übersteigertem Wohlbefinden, Heiterkeit, Zuversicht. Diese Stimmung ist oft verbunden mit einem übermäßigen Vitalgefühl.
  • Bei der Depressivität überwiegen eine starke Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Der Kranke leidet unter Gefühlen von Gefühllosigkeit, Freudlosigkeit und vermindertem Antrieb.
  • Aber auch die sogenannte Ambivalenz ist möglich: Dann bestehen z. B. im Hinblick auf eine Person oder eine Handlung gegensätzliche Gefühle nebeneinander. Der Betroffene erlebt diesen angespannten Zustand als quälend.
  • In der Parathymie stimmt der Gefühlsausdruck der Betroffenen nicht mit der Realität überein, z. B. Weinen über einen Witz, Lachen über Trauer.
  • Bei der Affektstörung mit Angst empfindet der Erkrankte unbestimmte oft starke Gefühle der Gefahr oder Bedrohung. Meistens begleiten körperliche Symptome wie Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, Atemnot, Mundtrockenheit oder Magendruck diesen Zustand.

Stoffwechselstörungen

Alle Prozesse im lebendigen Körper unterliegen biochemischen Reaktionen. Stets werden Stoffe neu aufgenommen, abgebaut, umgewandelt oder ausgeschieden. Das Wort Stoffwechsel meint dabei die Gesamtheit dieser Vorgänge. Dabei können dem Organismus jedoch eine ganze Menge Fehler unterlaufen. Das Puzzle Mensch setzt sich dementsprechend immer wieder neu zusammen. Sind einige Teile defekt, verwackelt oder fehlen sie sogar, dann ergibt sich ein anderes Endbild – der Mensch wird krank.

Klassifikation und Differenzierung von Psychosen

Definitionen

Psychosen sind psychische Störungen, bei denen ein struktureller Wandel im Erleben des Betroffenen stattfindet. Je nach Herkunft kann man Psychosen in affektive und schizophrene Psychosen einteilen. Je nach Ursache der Entstehung unterscheiden wir auch zwischen organischen und nichtorganischen Psychosen. Die organischen Psychosen spalten sich auf in reversible und irreversible Formen. Falls die Ursachen einer organischen Psychose nicht (mehr) beseitigt werden können, dann kommt es nämlich zu irreversiblen (nichtumkehrbaren) Formen des Krankheitsbildes.
Am häufigsten tritt bei den nichtorganischen Psychosen die Schizophrenie auf. Dabei sprechen wir von schizophrenen Psychosen oder vom schizophrenen Formenkreis, der sich in verschiedene Untertypen aufteilt. Kennzeichen der schizophrenen Psychosen ist das parallele Nebeneinander von krankhaftem und gesundem Verhalten und Erleben des an der Psychose Erkrankten.

Organische Psychosen

Organische (oder exogene oder somatische) Psychosen sind körperlich begründbar, sind also auf eine organische Erkrankung zurückzuführen. Es besteht eine zunächst höchst verwirrende Begriffsvielfalt.
Dazu gehören die

  • (reversiblen) akuten organischen Psychosen
  • und die (irreversiblen) chronischen organischen Psychosen (organisches Psychosyndrom).

Die akuten organischen Psychosen teilen sich auf in

  • amentielles Syndrom, welches bei vaskulären Hirnerkrankungen (Durchblutungsstörungen der kleinen Blutgefäße im Gehirn) auftritt und bei Schädelhirntraumata (Schädelverletzungen, bei denen das Gehirn betroffen ist). Mögliche Symptome sind Trübung des Bewußtseins, Desorientierung, Denkstörungen, Ratlosigkeit, Ängstlichkeit und motorische Unruhe bis hin zu ausgeprägten Erregungszuständen.
  • Das Delirium kommt wiederum vor bei Vergiftungen und Infektionen. Als Symptome treten auf Störungen des Bewusstseins und der Orientierung, vor allem optische Halluzinationen, vegetative Störungen wie Schwitzen, Herzrasen (Tachykardie), Tremor und innerer Unruhe.
  • Der sogenannte Dämmerzustand kommt bei Epilepsie vor, nach Schädelhirntraumata und bei Vergiftungen. Es kommt zu Störungen der Wahrnehmung und des Bewußtseins, kann mit Desorientierung einhergehen und mit nachfolgender totaler oder partieller Amnesie (Vergessen)
  • Beim Durchgangssyndrom tritt die Psychose auf ohne Störungen von Bewußtsein oder Orientierung. Es gibt mehrere Schweregrade: Störungen der nörmalen Tätigkeit, Störungen des Antriebs, Verarmung der Gefühle, Verlangsamung aller psychischen Funktionen, Störungen von Gedächtnis und Affektivität, Denkstörungen, Halluzinationen und Konfabulationen (Erzählungen, die keinen Bezug mehr haben zu einer gegebenen realen Situation)

Die chronischen organischen Psychosen gliedern sich in

  • das frühkindliche exogene Psychosesyndrom, bei dem ein frühkindlicher Hirnschaden eine organische Beschädigung des zentralen Nervensystems zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem sechsten Lebensjahr aufgetreten ist
  • das hirndiffuse (hirnorganische) Psychosesyndrom
  • das hirnlokale Psychosesyndrom, welches verursacht wurde durch Veränderungen im zentralen Nervensystem, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Diese Veränderungen können verschiedene Ursachen haben: Hirntumor, Schädelhirntrauma, frühkindlicher Hirnschaden, Vergiftungen, Infektionen (wie Menginitis, Enzephalitis oder Infektionspsychose), Epilepsie, vaskuläre Hirnerkrankungen (s.o.), Hirnatropie (Alzheimer usw. ), endokrine Störungen (Hypothyreaose, Hyperthyreose, Addison-Krankheit..) oder als Folge psychotroper (auf das Gehirn einwirkender) Medikamente. Die Symptome sind ebenso vielfältig: Bewusstseinsstörungen, Gedächtnisstörungen, Orientierungsstörungen, Ich-Erlebensstörungen, Wahn und Halluzinationen.

Nichtorganische Psychosen

Die nicht-organischen Psychosen heißen auch endogen. Sie sind körperlich nicht begründbar und gliedern sich auf in

  • schizophrene Psychosen (Schizophrenie)
    • Die paranoide Schizophrenie kommt am häufigsten vor und tritt meist im Alter von 30 bis 40 Jahren auf. Sie äußert sich in Wahn und akustischen Halluzinationen. Die Minus-Symptomatik fällt nur gering aus und Störungen der Psychomotorik fallen weniger ins Gewicht.
    • Die hebephrene Schizophrenie beginnt zumeist im Alter von 15 bis 25 Jahren. Die Minus-Symptomatik ist ausgeprägt ebenso wie Hypochondrie und affektive Störungen. Halluzinationen und Wahn sind dabei seltener und dann nur geringfügig ausgeprägt.
    • Die katatone Schizophrenie ist in den Industrieländern selten geworden. Besonders die psychomotorischen Beschwerden fallen besonders schwer aus. Bei Katatonie mit Stupor, Hyperthermie und Elektrolytentgleisung nimmt die Erkrankung gar lebensbedrohliche Formen an.
    • Das schizoide Residuum ist der chronische Zustand zwischen den akuten Schüben. Es entstehen bleibende Beeinträchtigungen wegen des damit verbundenen sozialen Rückzugs, der Passivität, dem Verlust von Antrieb und der emotionalen Abstumpfung. Systematische Wahnvorstellungen werden zum Teil auch in den gesünderen Phasen beibehalten.
    • Die Schizophrenia Simplex hat zu eigen einen langsamen und schleichenden Beginn und nimmt regelmäßig einen chronischen Verlauf. Die Minus-Symptomatik wird voll ausgelebt.
  • Affektive Psychosen wie psychotische Depression, Manie und manisch-depressive Erkrankungen. Die manisch-depressive Psychose geht einher mit abrupten Stimmungswechseln ohne äußeren Anlaß und wechselt von extrem niedergeschlagen (depressiv) bis extrem euphorisch (manisch).
  • bei den schizoaffektiven Psychosen vermischen sich die schizophrenen und die affektiven Anteile der Symptome der Schizophrenie. Umfangreiche komplizierte Geflechte von körperlichen, seelischen und sozialen Faktoren sollen die Ursache sein. Zudem werden Störungen des Stoffwechsels im Bereich der Übertragung der Botenstoffe (Neurotransmitter) als weitere Ursachen angenommen.

Therapeutische Möglichkeiten

Arten der Hilfen

Über die Ursachen von Psychosen herrscht noch große Unklarheit, doch hat der Arzt ein großes Instrumentarium zur Hand, um die Krankheit erfolgreich zu behandeln. Auf den ersten Blick mag das überraschen, doch gilt dies ja auch bei organischen Erkrankungen. So ist die Ursache eines Bluthochdrucks oft nicht bekannt und trotzdem kann der Mediziner dem Patienten mit einer langfristigen Behandlung mit Medikamenten gut helfen.
Es ist zunächst wichtig, den Betroffenen in einer psychotischen Krise denselben Schutz und dieselbe Hilfe zu gewähren, die auch einem körperlich angeschlagenem Patienten zusteht. Entlastung bringt da schon das Gespräch mit dem Arzt, in dem der Kranke voller Vertrauen alles offenbaren kann, was ihn bedrückt und worunter er leidet. Es hilft auch, zu erfahren, dass man nicht alleine dasteht mit dem Leiden und es viele Andere gibt mit einem ähnlichen Leiden, welchen bereits geholfen werden konnte.
Manchmal sieht der psychotische Mensch seine Psychose nicht als krankhaft an und ist deshalb nur schwer dazu zu bewegen, sich helfen und behandeln zu lassen. Besonders in diesem Falle ist es enorm wichtig, dass der Arzt den Angehörigen die krankhafte Natur der Störungen erklärt, damit diese das Verhalten des erkrankten Familienmitglieds nicht als Unarten, Launen oder Versagen des Kranken ansehen.
In vielen Fällen ist eine Krankschreibung nötig, auch wenn der Erkrankte seine Berufstätigkeit mit großer Anstrengung ausüben könnte.
Manchmal kann zum Beispiel eine psychotische Mutter ihren Haushalt nicht mehr versorgen. Dann hilft der sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes oder ein Sozialdienst aus der Klemme.

Orte der Hilfen

Heutzutage genügt oft die ambulante Behandlung durch einen Nervenarzt. Es ist längst nicht mehr wie früher, dass alle Menschen, die in einer psychotischen Krise stecken, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden müssen. Die Behandlungen im Krankenhaus sind inzwischen viel kürzer geworden und den meisten der Patienten genügt schon die Behandlung während eines Aufenthalts in einer Tagesklinik.
In den verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen finden sich Ärzte und Psychologen, Fachschwestern und Fachpfleger, Sozialarbeiter und teilweise auch Pädagogen und andere Fachkräfte, die zusammen arbeiten. Sie sind speziell für diese Aufgaben ausgebildet und haben eine praktische Schulung durchlaufen. Anderen Therapeuten sollte ein an einer Psychose erkrankter Mensch auch nicht anvertraut werden.

Zur Behandlung

Für die vielen Arten von Psychosen existieren zahlreiche Möglichkeiten der Therapie. Um Erfolge zu zeitigen muss die jeweilige Therapie unbedingt auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten und auf das Zusammenspiel mit dessen Familie abgestimmt sein.
Psychosoziale Therapien, Familientherapien, Kunst- und Tanztherapien oder auch medikamentöse Therapien sind nur einige der möglichen Therapiearten für Psychosen.

Zu den Medikamenten

Neuroleptika heißen die Medikamente, die auf den Geist wirken. Entgegen der weitverbreiteten Volksmeinung handelt es sich dabei nicht um Präparate welche nur beruhigend oder dämpfend wirken und den Patienten über Gebühr ermüden.
Neuroleptika wirken sehr spezifisch. Sie können dafür sorgen, dass Angst und Erregung verblassen, dass sich der Patient nicht mehr beeinträchtigt fühlt durch die Umgebung und er sich wieder besser konzentrieren kann. Die Medikamente wirken also direkt auf die Symptome der Krankheit. Zudem wirken sie vorbeugend.
Nimmt der Kranke nämlich die Neuroleptika weiter ein, nachdem die Symptome abgeklungen sind, dann verhindern diese oft ein einen Rückfall in einem erneuten Schub. So haben Untersuchungen an tausenden von Patienten ergeben, dass Patienten, die nach der psychotischen Krise weiterhin ihre Medikamente regelmäßig einnehmen, viel seltener an einer erneuten Psychose erkranken als Patienten, die keine Medikamente einnehmen.
Wie lange der Patient nun zu seinem Schutz vor einem Rückfall die Medikamente einnehmen sollte, ist sehr unterschiedlich und kann nur vom behandelnden Arzt entschieden werden.

Selbstmanagement

Die meist wirren Bilder und Erlebnisse während der akuten Phase sind sehr verschieden – sie sind eben auch Ausdruck der Persönlichkeit, die sich in einem dramatischen Prozess der Auflösung befindet.
Natürlich gibt es immer eine Ursache für die Psychose und die Wurzel hierfür aufzudecken und sie zu lösen – durch Therapie beispielsweise - kann die Schübe der Krankheit zum Stillstand bringen. In diesem Prozess lernt der Betroffene, die für ihn individuell geltenden Zeichen zu deuten, die auf den Beginn einer Psychose hinweisen.
Je mehr der Kranke von seiner Erkrankung versteht, aus welchem Grunde er unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Konstellationen dann psychotisch reagiert, löst sich der Betroffene immer mehr aus dem Würgegriff der Krankheit. Die Ursache wurzelt dabei nur allzu oft in der Vergangenheit, in der Biografie des betroffenen Menschen.

Sinn von Psychosen

Psychosen wirken oft als Schutzmechanismus in Zeiten großer Veränderungen und sie folgen einer eigenen Logik. Vorher Erlebtes wird darin verarbeitet. Es handelt sich laut Professor Thomas Bock um einen sinnvollen psychischen Vorgang, der nicht nur anzeigt, dass die Psyche krank ist. Die Psychose stellt gewissermaßen einen Problemlösungsvorgang dar, um mit den Ursachen der Psychose fertig zu werden. Viele Betroffene erleben ihre Psychose sogar positiv, erhellend, und sehen darin einen Neubeginn.

Psychoseseminare

Der Diplompsychologe Thomas Bock und die Betroffene Dorothea Buck waren es, die das Psychoseseminar erfunden haben, in dem Betroffene, Angehörige und Profis auf gleicher Augenhöhe über das Phänomen der Psychose reden. „Wir wußten so wenig über Psychosen, daß ich hoffte, wir bekommen neue Erkenntnisse, wenn wir alle drei Gruppen zu Wort kommen lassen.“
Der Erfolg war größer, als Bock sich je hätte träumen lassen. Das Seminar zog nach kurzer Zeit wegen des großen Andrangs in den Hörsaal der Hamburger Universität um.
Die Fachwelt war zuhöchst erstaunt darüber, dass Betroffene in der Lage sind, über ihre Erkrankung vor einer Gruppe zu reden. Professor Klaus Dörner, ehemals Chef des Westfälischen Krankenhauses in Gütersloh meint dazu: „Bis dahin haben wir geglaubt, schwer psychisch Kranke bekommen so etwas nicht geregelt.“ Laut Dörner dienen die Psychoseseminare der Entabuisierung des „Wahnsinns“.
Psychoseseminare tragen also zu einer umfassenderen Sicht der Psychosen bei und sorgen für einen besseren zwischenmenschlichen Umgang der drei beteiligten Gruppen. Jeder Betroffene sollte einmal ein Psychoseseminar besuchen, um mehr über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Er könnte Gefallen daran finden und regelmäßiger Teilnehmer werden.

Quellen

http://www.psychiatrie.de/
http://www.psychiatrie.de/diagnosen/
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie
Broschüre „Es ist normal, verschieden zu sein! Verständnis und Behandlung von Psychosen“
Pschyrembel
http://www.medizinfo.de/kopfundseele/psychose
http://www.philognosie.net/

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