Eisenacher Drogenberater: "Konsum von Crystal Meth quer durch gesellschaftliche Schichten und Berufe"

Eisenacher Drogenberater: "Konsum von Crystal Meth quer durch gesellschaftliche Schichten und Berufe"

18.Juni 2014

Eisenach. Wir stellten dem Eisenacher Drogenberater Gerald Böhm Fragen über die Ausbreitung der Modedroge in unserer Region. Die Fallzahlen steigen weiter.

Gerald Böhm leitet die Suchtberatungsstelle Kompass in der Friedenstraße. Zunehmend suchen bei ihm wie bei seinen Kollegen in ganz Thüringen Konsumenten der Droge Crystal Meth

Die chemische Droge Crystal Meth ist auf dem Vormarsch. Polizei und Zoll schlagen Alarm, weil die Droge sich immer mehr ausbreitet. Wir sprachen darüber mit dem Eisenacher Suchtberater Gerald Böhm von der Kompass-Beratungsstelle der Diako.

Eine Welle der Droge Crystal Meth soll auch in Thüringen angekommen sein. Können Sie das bestätigen?
Ja, das entspricht auch meiner Wahrnehmung. In Eisenach hat 2013 Crystal Meth erstmals den zweiten Rang bei den Fällen in unserer Suchtberatung eingenommen. Alkohol ist immer noch mit Abstand die am meisten verbreitete Droge. Bisher folgte Cannabis. Jetzt ist Crystal die illegale Substanz mit den meisten Fällen bei uns. Dieser Trend setzt sich auch 2014 fort.

Wird das auch von ihren Kollegen aus anderen Regionen bestätigt?
Ja, das ist beim fachlichen Austausch immer zu hören. Auch die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren hat diesen Trend registriert. Das hat sich von Südosteuropa über Sachsen und Ostthüringen ausgebreitet. Diese Droge, die früher nur eine geringe Rolle in der Suchtberatung spielte, ist bei uns angekommen.

Wieviele Menschen suchen bei der Kompass Suchtberatung Hilfe in solchen Fällen?
Im vergangenen Jahr waren es 92 Konsumenten, hauptsächlich mit Crystal-Konsum. Zum Vergleich: In 83 Fällen ging es hauptsächlich um Cannabis, in 273 um Alkohol. Für ganz Thüringen ist das Verhältnis ähnlich.

Wer konsumiert Crystal, mehr Männer oder auch Frauen?
Auffällig ist, dass knapp zwei Drittel der Betroffenen Männer sind und gut ein Drittel Frauen. Bei Alkohol ist nur etwa ein Fünftel der Abhängigen weiblich. Crystal ist also keine Männerdroge.

Gibt es spezifische Altersgruppen, die Crystal nehmen?
Die meisten sind zwischen 17 und 40 Jahren, wobei die 20- bis 25-Jährigen mit weit über einem Drittel den größten Anteil haben. Je ein knappes Drittel ist 26 bis 30 Jahre oder 30 bis 40 Jahre alt Es gibt auch jüngere, 2013 kam zum Beispiel ein 17-Jähriger in die Beratung, der schon einige Zeit Crystal nahm.
Was sind das für Menschen, gibt es auffällige Gemeinsamkeiten ?
Wir haben Auszubildende, Angestellte, Menschen, die kürzer oder lange arbeitslos sind. Die stärkste Gruppe sind länger Arbeitssuchende, oft junge Leute, die keine oder eine abgebrochene Ausbildung haben. Es geht aber quer durch die gesellschaftlichen Schichten und Berufe wie im Handel oder in der Produktion.

Weshalb greift jemand zu Crystal?
Viele wollen ihre Leistung steigern, etwa weil sie ihrem Chef etwas beweisen wollen oder unbedingt eine Stelle haben wollen. Es gibt zum Beispiel so viel Druck in der Arbeitswelt, dem können viele nicht standhalten. Mit Crystal bekommen sie das Gefühl, stark, selbstbewusst und fehlerlos zu sein.

Also eine Droge, die gut in unsere Zeit passt?
Ja, Crystal bedient die Erwartungen gut. Unter der Woche haben wir Druck bei der Arbeit, in der Familie stehen wir auch unter Druck, zum Beispiel wenn Kinder da sind. Immer muss man heute erreichbar sein.
Damit muss man umgehen können, nicht alle schaffen das. Crystal radiert die persönlichen Schwächen aus - für den Moment. Mit der Droge wollen manche ihre Persönlichkeit so formen, wie es gesellschaftlichen Erwartungen entspricht.

Es gilt aber auch als Party-Droge - gibt es auch solche Fälle?
Ja, die gibt es auch. Da spielt auch eine Rolle, dass man mit Crystal einmal das Gefühl hat, einfach weiterfeiern zu können, tagelang am Stück. Die Droge senkt die Hemmschwelle und gibt einem ein sehr starkes Selbstbewusstsein, so dass man sich auch eher traut, andere Menschen anzusprechen.
Nicht zuletzt wollen manche in ihrer Clique bestehen und machen dann eben mit, oder tun es aus Neugier - das ist wie bei allen Drogen.

Wie lange hält man den Konsum durch?
Es gibt Fälle, wo Menschen punktuell Crystal nehmen um ihre Leistung zu steigern. Das kann zehn Jahre und länger gutgehen. Aber Crystal hat ein sehr hohes Suchtpotenzial, man ist schon nach wenigen Konsumdosen abhängig, die Sucht entwickelt sich sehr schnell. Das Problembewusstsein, auch das strafrechtliche, ist dagegen sehr gering, eben wegen der Wirkung. Wer Heroin nimmt, wird eher passiv, wer Crystal nimmt, nimmt es beispielsweise auch deshalb, um rauszukommen.
Wie merkt man Menschen in seinem Umfeld an, ob sie Crystal nehmen?
Viele Konsumenten ändern plötzlich stark ihre Interessen, zum Beispiel in der Freizeit. Oft gibt es auffälligen Gewichtsverlust. Es gibt auch Fälle, wo die Betroffenen viel anfangen, aber nichts mehr zu Ende bringen.

Was kann man präventiv tun, um nicht in Versuchung zu kommen, Crystal zu nehmen?
Wichtig ist, nach Mitteln zu suchen, wie man mit Drucksituationen anders umgeht. Wie kann ich meine Probleme lösen, ohne Droge? Auch Tiefpunkte, die es immer wieder gibt, muss man akzeptieren und überstehen lernen. Wo es nur noch Höhepunkte gibt, gibt es keine Höhe mehr.
Man sollte körperliche Signale achten, die schönen Seiten in seinem Leben suchen und aktiv bleiben. Ich plädiere auch für Entschleunigung. Man muss nicht immer neue Herausforderungen suchen, die über Grenzen hinausgehen. Einfach ausgedrückt: Wenn man müde ist, soll man schlafen gehen und nicht mit Hilfe einer Droge versuchen, einfach weiterzufeiern.
Und wenn es doch passiert?
Die Menschen kommen zu uns, meist nachdem ein einschneidendes Erlebnis passiert ist wie der Verlust des Führerscheins. Knapp die Hälfte kommt von selbst. Bei andere drängen Angehörige, Behörden oder Ärzte darauf. Crystal-Konsumenten können jeden Tag, an dem wir geöffnet haben, zu uns kommen, wenn sie Hilfe suchen. Das geht bei ihnen ohne vorherige Terminabsprache.

Kontakt: Diako Westthüringen, Suchtberatungsstelle Kompass, Friedenstraße 10, Telefon (03691)7452258, E-Mail: suchtberatung@diako-thueringen.de, Öffnungszeiten: Montag, Dienstag 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr, Donnerstag 9 bis 12 und 13 bis 17 Uhr, Freitag 9 bis 12 Uhr

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