Raus aus der Drehtür: Hoffen auf ein neues Leben

WestFlügel-Bewohner lernen, mit immer weniger Hilfe von außen klarzukommen. Im WestFlügel, einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für psychisch Kranke in der Westermark erhalten die Klienten die notwendige Unterstützung dazu, mit immer weniger Hilfe von außen klarzukommen.

Raus aus der Drehtür: Hoffen auf ein neues Leben

18. Juni 2014

„Eine eigene Wohnung!“ – Allein schon bei der Vorstellung kriegen Nicoles Augen einen verklärten Glanz. „Und Arbeit“, schiebt sie mit dem nächsten Atemzug nach. „Einfach für sich selber sorgen können. Das ist mein größter Wunsch – und gleichzeitig auch meine größte Angst!“
Susanne, Jan, Karsten und Marcus nicken stumm: Ihnen geht‘s genauso. Sie alle sind sozusagen im besten Erwachsenenalter, aber keiner von ihnen wäre derzeit fähig, sich allein zu versorgen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist: Alle fünf haben lange Zeit – zum Teil Jahrzehnte – in der Psychiatrie hinter sich. Und alle fünf hoffen jetzt auf ein neues Leben.
Im WestFlügel in der Westermark haben sie die dafür notwendige Unterstützung gefunden, lernen in einem langen Prozess, mit immer weniger Hilfe von außen klarzukommen.

Der WestFlügel hat sich als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für psychisch Kranke auf dem Areal der ehemaligen Syker Jugendherberge etabliert. Die Einrichtung gehört zum Netzwerk der psychiatrischen Betreuung im Landkreis Diepholz und bietet derzeit über 40Menschen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten.

„Wir sind für Menschen da, die anderswo immer wieder scheitern“, sagt Einrichtungsleiterin Christa Kröning. Das Ziel ist, Menschen, die durch ihre seelische oder psychische Krankheit und die damit verbundene „Klinik-Karriere“ Halt und Orientierung verloren haben, wieder in die Lage zu versetzen, eigenverantwortlich in einem geordneten und strukturierten Tagesablauf zu leben.
Ein paar Nutztiere haben beim WestFlügel immer schon dazugehört. Ab und zu gibt es da auch mal Nachwuchs. Und um den kümmern sich die Bewohner besonders gern. Das kleine Ferkel auf dem Bild lässt sich jedenfalls ganz gerne von Nicole und Marcus füttern.+
Ein paar Nutztiere haben beim WestFlügel immer schon dazugehört. Ab und zu gibt es da auch mal Nachwuchs. Und um den kümmern sich die Bewohner besonders gern.

Regelmäßige Arbeit ist dabei einer er wichtigsten Grundpfeiler. Die Arbeitszeiten richten sich nach dem, was die Bewohner individuell leisten können. Neben Papiermanufaktur, Tischlerwerkstatt und Schneiderei gibt es mittlerweile auch einen echten Herbergsbetrieb unter dem WestFlügel-Dach. Ursprünglich als Notlösung für Radwanderer gedacht, die vergebens nach der alten Jugendherberge suchten, hat sich dieses Angebot inzwischen zum eigenständigen Arbeitsbereich gemausert. Ebenso die ursprünglich rein hausinterne Küche: Die bietet mittlerweile einen Catering-Service an.
Vor ein paar Jahren hatte der WestFlügel dann die leer stehende Gaststätte an der Ortsgrenze zu Pestinghausen gekauft, um dort eine Art Außenstelle zu betreiben. Eines Tages möchte Christa Kröning dort auch wieder ein Café oder ein Bistro eröffnen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Derzeit bietet das Gebäude zwei Wohngemeinschaften Unterkunft. Eine davon ist die, in der Nicole und ihre Mitbewohner jetzt seit etwa einem halben Jahr „auf Probe“ leben.
Nicole ist 42 und war schon als Jugendliche in der Psychiatrie. „Wegen Borderline“, sagt sie. Sie ist emotional instabil. Ihre Gefühlswelt kann ohne erkennbaren Grund von einem Moment zum anderen radikal kippen.

„Ich hatte nie Probleme mit dieser Diagnose“, sagt sie. „Nur mit dem, was andere sich darunter vorstellen.“ Nicole war lange Zeit hochgradig selbstmordgefährdet. Ein Versuch in einer ambulant betreuten Wohngruppe scheiterte. Die Aufenthalte in der Psychiatrie folgten in immer kürzeren Intervallen. „Kaum war ich aus der Klinik entlassen, war ich auch schon wieder drin. Manchmal schon nach drei Tagen wieder“, sagt sie.

„Drehtür-Effekt nennen die Experten das“, erklärt Christa Kröning. „An diesem Punkt setzt unsere Arbeit an. Indem wir unseren Bewohnern beibringen, stückweise eigene Verantwortung zu tragen. Das ist ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess und verlangt auch unseren Betreuern sehr viel ab. Aber das Ergebnis bestätigt uns: Leute, die woanders einen permanenten Drehtür-Effekt erlebt haben, kommen zu uns und bleiben.“

Jeder psychisch Kranke hat enormes Potenzial
Nicole etwa ist jetzt seit fünf Jahren im WestFlügel – und hat seit vier Jahren kein Krankenhaus mehr von innen gesehen. „Ich habe sogar meinen Realschulabschluss nachgeholt“, sagt sie stolz.
Susanne (45) hat eine lange Psychiatriekarriere hinter sich. Irgendwo leben ihre zwei mittlerweile erwachsenen Kinder. Der Vater ist tot, und sich selbst hatte sie schließlich mit Alkohol so kaputt gemacht, dass ihr die Ärzte keine lange Lebenserwartung mehr gaben. Dafür hat sie sich gehasst. Dann griff sie zur Schermaschine und rasierte sich kahle Stellen am Kopf, und wenn es besonders schlimm war, versuchte sie sogar, sich „richtig“ zu verletzen. Inzwischen ist das längst Vergangenheit. Nur noch in ganz seltenen Fällen müssen vereinzelt nochmal ein paar Haare dran glauben. Tendenz abnehmend.
Karsten ist mit 34 das Nesthäkchen der WG. Er hat eine intensive Drogenvergangenheit und sich dabei derart heftig die Synapsen verbrannt, dass er dauerhaft unter schwerwiegenden Haluzinationen litt. „Mir fehlte die Konzentration für jegliche komplexere Aufgabe“, erzählt er. „Mir wurde mal gesagt, ich würde nie wieder länger als zwei Stunden am Stück arbeiten können.“ Heute ist Karsten im hauseigenen Catering-Service des WestFlügels tätig – und das durchaus auch für länger.
Marcus (41) hat 20 Jahre lang Stimmen gehört und war seit seiner Jugend in stationärer Behandlung. Jetzt lebt er zum ersten Mal in einer normalen Mietwohnung. „Einfach ist das nicht“, sagt er. Aber das wissen seine Betreuer auch. „Im Haupthaus haben wir eine Trainings-WG“, sagt Christa Kröning. Marcus und Susanne haben dort zwei Jahre lang geübt.
„Jeder psychisch Kranke hat ein enorm großes Potenzial“, ist Kröning überzeugt. „Und unsere Aufgabe ist es, das so weit wie möglich freizusetzen.“

Seit 1994 verfolgen Christa Kröning und ihr Betreuer-Team dieses Ziel. Zuerst unter dem Namen „Reiterhof“ in Sudwalde, seit 2002 als „WestFlügel“ in der Westermark. Damals gehörte die Einrichtung über mehrere Ecken zur RefugiumAG, die bundesweit etwa 50Senioren- und Pflegeheime unter ihrer Regie hatte. Als die mit einem beachtlichen Medien-Echo pleite ging, kauften Kröning und eine Kollegin die Sudwalder Betreuungseinrichtung aus der Konkursmasse heraus. Die Immobilie war allerdings nicht zu halten. Und so folgte 2002 der Umzug nach Syke in die zu dieser Zeit bereits leer stehende Jugendherberge.
Von den Bewohnern, die damals den Umzug nach Syke mitgemacht hatten, konnte nur einer die Veränderung nicht verkraften und musste stationär untergebracht werden. Etwa 20 leben noch immer in der Westermark. Ein guter Teil der Erstbewohner aber braucht den WestFlügel inzwischen nicht mehr und lebt schon lange in Wohngemeinschaften oder andere betreuten Wohnformen.
„Ärger mit den Nachbarn hatten wir in all den Jahren noch nie“, sagt Kröning. Dazu hätte es auch nie Anlass gegeben. „Bei uns hat auch noch nie jemand gewohnt, der Ärger hätte machen können.“
Christa Kröning muss selbst ein wenig schmunzeln, wenn sie sagt: „Einige bei uns legen eine gewisse verbale Aufdringlichkeit an den Tag.“ Umso ernster betont sie: „Es ist in 20Jahren noch nie ein Außenstehender von einem unserer Bewohner angegriffen worden.“
Befremdliche Eindrücke entstünden häufiger mal. Etwa als sich ein Bewohner in seiner Panik vor dem bevorstehenden Zahnarzttermin kurzerhand aus dem Staub gemacht hatte. Eine große Suchaktion sei schon in Vorbereitung gewesen, erzählt Kröning, als ein Anruf aus einer Wohnsiedlung in der Nähe kam: Kinder hatten ihre Eltern gerufen, weil ein nur halbwegs bekleideter Mann auf ihrer Rutsche saß und da nicht wieder weggehen wollte. „Als die Nachbarn die Hintergründe kannten, kamen sie auch sofort mit der ungewöhnlichen Situation klar“, sagt Kröning. Einige Zeit später wiederholte sich der Vorfall. „Diesmal rief der Nachbar gleich bei uns an und fragte: Muss X wieder zum Zahnarzt? Der sitzt nämlich wieder bei uns auf der Rutsche.“
Kröning weiter: „Es gibt relativ viele Vorbehalte gegenüber psychisch Kranken. Sie hinterlassen durchaus manchmal befremdliche Eindrücke und sehen manchmal anders aus als andere. Aber wer darauf mit Ablehnung reagiert, bringt sich um die Chance, ein paar ganz wunderbare Menschen kennen zu lernen.“

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