Der Mann am Klavier

Der Mann am Klavier

Der Besuchsdienstkreis am Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen besteht seit zwei Jahrzehnten und sucht neue Mitstreiter.

18. Juni 2014

EMMENDINGEN. "Die Einsamkeit ist oft das größte Problem", sagt Volker Lang, evangelischer Seelsorger am Zentrum für Psychiatrie. Wo psychisch kranke Menschen schon lange an ihrer Krankheit leiden, brechen soziale Kontakte zu Verwandten, Bekannten und Freunden nach und nach ab. Die Vereinsamung verstärkt ihr Leiden. Hier will der Besuchsdienstkreis "Idem" helfen: "Im Dienst eines Menschen" engagieren sich Ehrenamtliche seit zwei Jahrzehnten. Nun werden weitere Helfer gesucht, um das Angebot für die Heimbewohner auszubauen.
"Ein freundliches Wort und ein liebevoller Blick sind lebenswichtig für Menschen, die krank, alt oder vereinsamt sind", weiß Volker Lang. Die ökumenische Seelsorge hat deshalb 1993 den Helferkreis ins Leben gerufen, dem inzwischen 16 Mitglieder angehören – Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen, Frauen wie Männer, Ältere und Jüngere. "Viele merken bald, ich habe ja auch selbst etwas davon", sagt der Pfarrer. Das soziale Engagement wirke gewissermaßen als Beitrag zur "eigenen Seelenhygiene". Dem anderen, dem es schlecht geht zu helfen, schafft innere Befriedigung.

Es geht um ein Stück Normalität

Oft sind es kleine Dinge, Banalitäten gar, die für die vereinsamten Bewohner Lichtblicke im Alltag darstellen: Spaziergänge im Park, der Besuch des Kaffeehauses oder der Kirche, ein Gespräch. "Es geht einfach darum, ein Stück Normalität möglich zu machen und so die Lebensqualität der psychisch Kranken zu verbessern", so Lang. Eine zusätzliche Ausbildung braucht es nicht, einzige Voraussetzung: Die Besucher sollten wie Angehörige regelmäßig da sein. Alle drei Monate gibt es ein Mitarbeitertreffen, bei dem sich Helfer, Pfarrer und Fachärzte austauschen und über die Probleme ihrer Arbeit und die Krankheitsbilder sprechen. "Das ist wichtig, um die verschiedenen Einschränkungen der Patienten besser einschätzen zu können". Denn die reichen von der Apathie bis zur Aggression.

Viele Helfer haben vor der allerersten Begegnung mit einem psychisch Kranken verständlicherweise eine gewisse Scheu. So ging es auch Lutz Kettnaker. Der heute 70-jährige Emmendinger wollte sich im Ruhestand sozial engagieren. Als Pianist und Klavierlehrer kam er auf die Idee, mit Patienten der Station 34 der Gerontopsychiatrie Musik zu machen. Im Gemeinschaftsraum wird nun alle 14 Tage und hin und wieder auch zu Festtagen gemeinsam gesungen. Der Mann am Klavier wird zur Singstunde, meist freitags von 15 bis 16 Uhr, schon sehnlichst erwartet. Kaum ist er eingetroffen, füllt sich der Raum. Gesungen wird, was gewünscht wird: Gassenhauer, Schlager, Volkslieder. "Die haben sich durchgesetzt, weil die meisten noch die Texte auswendig kennen", weiß Kettnaker, der sich inzwischen traut "auch selbst mitzusingen". Hin und wieder wird auch getanzt. Eine kubanische Stationsschwester ergreift strahlend die Hand einer Patientin und legt zu Kettnakers Melodien spontan eine flotte Sohle aufs Parkett. "Wofür man selbst brennt, entzündet andere", sagt Pfarrer Volker Lang. Musik und Tanz sind ein wirkungsvolles Mittel gegen die Einsamkeit und den Stumpfsinn des Klinikalltags "für das es kein Rezept braucht". Aber auch andere Talente sind willkommen und gefragt: Kunst oder Literatur – "alles, was Abwechslung bringt". Als Lohn winken die leuchtenden Augen der dankbaren Bewohner, die sich freuen, "einfach einmal wieder nur als Mensch wahrgenommen zu werden".

Info: Wer sich für die Mitarbeit bei "IDEM" interessiert, kann sich unter 07641/461-2711 mit Pfarrer Volker Lang in Verbindung setzen.

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