Stress lässt Thüringer Schüler zu Droge Crystal Meth greifen

Stress lässt Thüringer Schüler zu Droge Crystal Meth greifen

17. Juni 2014

Da ist die Schülerin aus der Regelschule, die auf Crystal zurückgreift, weil sie sonst ihre Klausur verhaut; da ist die Gymnasiastin, der es nicht mehr gelingt, ohne diese Droge dem Schulalltag standzuhalten. Und da ist die normale Hausfrau, Mutter dreier Kinder, der Mann in gehobener Position, die sich die synthetische Droge einwirft, weil sie so ihren Alltag schwungvoll bewältigen kann.

Gotha. "Ihnen sieht man nicht an, dass sie Crystal Meth konsumieren", sagt Angela Gräser. "Die schrecklichen Bilder, die wir im Zusammenhang mit der Droge kennen, gehören eher zu den Hardcore-Abhängigen, die in großem Maßstab konsumieren, und nicht nur Crystal." Angela Gräser ist Streetworkerin beim Kreisjugendring in Gotha - seit 20 Jahren. Und seit 17 Jahren kümmert sie sich um Drogenabhängige.
Dass der Landkreis Gotha in Thüringen beim Konsum von Crystal Meth eine herausragende Stelle einnimmt, weist sie von der Hand. Aber: "Die Droge ist hier angekommen." Und sie ist leicht verfügbar. "Wer keinen Dealer kennt oder auftreibt, was sehr unwahrscheinlich ist, setzt sich einfach ins Auto und fährt nach Tschechien. Dort kann er problemlos Crystal einkaufen", erzählt sie. Deshalb gäbe es auch in den kleinen Dörfern keine heile Welt mehr. Die synthetische Droge hat im Gothaer Land längst die Gesellschaft durchdrungen. Wie sehr, zeigt die Streetworkerin an einem Beispiel: Die Mutter weiß, dass ihr Sohn Crystal konsumiert, bittet aber Angela Gräser nichts dagegen zu unternehmen, jedenfalls nicht, bis die Prüfungen abgeschlossen sind ...
Seit Angela Gräser ihr Büro mitten in der Stadt hat, klopfen immer mehr Crystal-Konsumenten an ihre Tür. Jene, die mitbekommen, dass sie ihre Sucht immer weniger steuern können. Wie die genannte Hausfrau, die bislang ihre Abhängigkeit vor dem Ehemann verheimlichen konnte. Trotzdem oder gerade deshalb sucht sie bei Angela Gräser Hilfe. Wie sehr die Droge die Wahrnehmung beeinflusst, zeigen jene Crystal-Konsumenten, die in Gräsers Büro schneien und erzählen, dass sie einen Termin haben, ohne dass sie die Streetworkerin je zu Gesicht bekam. Auch ihre "alten Klienten" steigen mehr und mehr auf Crystal um. "Es ist immer verfügbar, es gibt keinen Engpass, etwa wie bei Heroin." Hier mussten Gothaer Konsumenten bis Weißenfels fahren, um ihre Sucht zu befriedigen, weiß die Streetworkerin.

Frühe Warnung
Allerdings ist der Preis für Crystal Meth deutlich gestiegen. Blätterten die Süchtigen vor nicht allzu langer Zeit fürs Gramm 30 Euro hin, verlangt der Dealer heute zwischen 140 und 150 Euro. Andere Drogen, wie Speed und Ecstasy, ja sogar Heroin, verdrängt die Modedroge mehr und mehr. "Wenn bei Heroin Substitutionstherapien greifen, gibt es für Crystal nichts Vergleichbares", sagt Gräser. Versuche mit Ritalin sind der Ausdruck der Hilflosigkeit, mit der unsere Gesellschaft dieser Droge gegenüber steht. Seit Jahren schon ist Angela Gräser in Schulen unterwegs, um Drogenprävention zu betreiben. Das Projekt heißt "Alice im Wunderland". Dort reden Betroffene, die ihre Sucht überwunden haben oder immer noch dagegen ankämpfen, mit Mädchen und Jungen. "Wenn die Lehrer die Klasse verlassen haben, redeten die Schüler ganz zwanglos mit uns und gaben zu, hin und wieder Crystal zu konsumieren", sagt sie. Schon vor zwei Jahren habe sie vor dieser Droge gewarnt. Gehört haben das nur wenige.

Gefährlich und teuer: Crystal Meth.
Wenn vornehmlich Schüler zu der Modedroge greifen, reicht Prävention längst nicht mehr aus. Man müsse hinterfragen, was die Mädchen und Jungen dazu treibt. Vier Mädchen aus einem Gothaer Gymnasium gaben unumwunden zu, dass sie dem Stress in der Schule nicht mehr gewachsen waren. Erst durch Crystal sahen sie sich wieder in der Lage, den Schulalltag zu schaffen. Ohne das Rad neu zu erfinden, hat Angela Gräser die Aktion "Schule ohne Stress" (SOS) ins Leben gerufen. "Wir wollen zeigen, dass der Leistungsdruck auch anders bewältigt werden kann - vorausgesetzt, die Schule nimmt das Angebot an." Das ist nicht immer gefragt, diese Erfahrung hat Gräser bereits mit ihrem "Alice"-Projekt gemacht.

Die meisten Schulen im Landkreis Gotha allerdings freuen sich über SOS. "Wenngleich wir schon belächelt werden, wenn wir mit autogenem Training, mit Klangschalen-Therapie, Tanz- oder Maltherapeuten gegen Crystal angehen", gibt Angela Gräser zu. "Über euer Klingklang lachen sich die Kinder doch kaputt, hieß es." Anfangs war das auch so, sagt sie, aber es sei recht schnell gelungen, die Mädchen und Jungen mitzunehmen. "Was wir ihnen beibringen ist doch, wie kann ich Stress bewältigen, was mache ich gegen Schlaflosigkeit oder gegen Prüfungsangst. Und wer das begriffen hat, der bekommt von uns eine Urkunde als Stressmanager. Damit wollen wir diese Kinder zu Multiplikatoren machen." Dabei helfen Angela Gräser und ihren Mitstreitern die Sozialarbeiterinnen an den Schulen. "So ist auch Nachhaltigkeit garantiert." Das sei extrem wichtig, soll auf Dauer etwas erreicht werden.

Solche Projekte kosten Geld. In Gotha sorgen Spenden des Lions-Club für den nötigen Spielraum. Angela Gräser hat für vier Jahre 6000 Euro zur Verfügung. Davon muss sie Honorare und Fahrgeld bezahlen. Keine üppige Ausstattung. "Aber ich komme hin. Manchmal denke ich, es wäre schön, wenn auch das Land sich an solchen Projekten beteiligen könnte."

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