Es ist eigentlich jeder Fall ein Drama

16. Juni 2014

„Es ist eigentlich jeder Fall ein Drama“

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Leiter der Unabhängige psychiatrische Beschwerdestelle des Landkreises, Walter Schäl ist rund um die Uhr erreichbar.

Menschen, denen es psychisch nicht gut geht, haben nicht die Kraft, Konflikte auszutragen. Fühlen sie sich dann auch noch falsch behandelt, sehen sie oft keinen Ausweg. Dann hilft Walter Schäl. Der 73-jährige Dietramszeller leitet seit 2006 die Unabhängige psychiatrische Beschwerdestelle (Upb) in Bad Tölz, die auch für den Landkreis Miesbach zuständig ist. Wie es Menschen mit psychischen Leiden geht, weiß Schäl aus eigener Erfahrung. Mit ihm sprach Julia Pawlovsky.

Herr Schäl, wie geht es Ihnen?
Wie den meisten Menschen: In einigen Bereichen prima, in anderen Bereichen ist die Stimmung eher gedämpft.
Sie hatten selbst mit psychischen Problemen zu kämpfen...
Ich hatte im Jahr 2000 eine Krise. Ich hab’ mir dann auf eigene Kosten professionelle Hilfe geholt. Das hat mich wieder ins Lot gebracht. Darüber habe ich viel Erfahrung mit der Psychiatrie als Angehöriger gemacht. Meine Frau ist schwer chronisch krank. Sie verbringt seit 25 Jahren etwa 38 Prozent ihres Lebens in stationären Kliniken.
Wer kann sich an die Beschwerdestelle wenden?
Es dürfen sich Betroffene und deren Angehörige melden. Wenn man glaubt, man wird falsch behandelt in einer Einrichtung oder von einem psychiatrischen Arzt oder Therapeuten. Ein häufiger Grund ist, dass die gesetzlichen Betreuer nicht im Sinne des Betreuten entscheiden.
Wie ist der Ablauf?
In die Sprechstunde kommt niemand, daher biete ich sie nicht mehr an. Die Menschen rufen die Beschwerdestelle an oder schreiben eine E-Mail. Das kann auch mitten in der Nacht sein. Beide Benachrichtigungen werden sofort an mich weitergeleitet So kann ich zeitnah reagieren und melde mich beim Anrufer oder Absender.
Was sagen Sie den Anrufern?
Ich höre mir erst einmal die Beschwerde an. Dann kann ich fehlende Informationen ergänzen, vor allem, was die Rechte von Patienten angeht. Die meisten Klienten können dann ihre Situation besser einschätzen und sehen von einer Beschwerde ab. Meine eigentliche Aufgabe ist Mediation. Ich klage nicht an, sondern gleiche aus.
Wenn es doch mal zu einer Klage kommt?
Das sind nur die ganz schweren Fälle. Das hat fast immer mit Zwangsunterbringung und Gewaltanwendung zu tun. Dabei wird fast immer gegen Artikel 1 des Grundgesetzes, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, verstoßen. Bei der Zwangseinweisungen ist aus meiner Sicht auch der größte Änderungsbedarf im Versorgungssystem. Der Fall Mollath ist dafür ein schönes Beispiel.
Nehmen Sie jeden Fall an?
Wir sind nicht verpflichtet, jeder Beschwerde nachzugehen. Zum Beispiel, wenn der Betroffene nicht versucht hat, sich selbst darum zu kümmern oder wir überfordert sind. Ich versuche die Leute zu motivieren, ihre Angelegenheiten selber zu regeln oder sich möglichst aktiv an der Bearbeitung der Beschwerde zu beteiligen.
Wie viele Fälle haben Sie in einem Jahr?
Früher war die Anzahl höher, aber die Tragweite relativ seicht. Zum Beispiel, dass zu viele Medikamente verschrieben wurden. Jetzt kommen fast nur noch schwerwiegende Fälle, die zu Beschwerden führen. Dabei geht es fast immer um Zwangsmaßnahmen. Heuer hatte ich schon zwei solcher Fälle.
Konnten Sie den Menschen helfen?
Das waren wirklich massive Fälle. In einem wurde wenigstens ein Betreuerwechsel erreicht. Hier war der Patient wegsperrt worden und bekam wegen Personalmangels keine Psychotherapie, wegen der er eigentlich zwangseingewiesen worden war. Dafür sollte er mehr Tabletten nehmen. Wehrte er sich dagegen und beharrte auf einer Therapie, dann galt er als aufmüpfig, und renitente Patienten sind nicht erwünscht. Im anderen Fall schaffte es der Klient durch meine Begleitung, sich selbst aus den Fängen des Systems zu befreien, wie er es ausdrückte.
Belastet Sie so etwas nicht?
Die zwei Fälle waren wirklich schwer, weil die Leiden von Patienten und Angehörigen nicht in den Klamotten hängen bleiben. Da kommen Anrufe rund um die Uhr, in denen sich die Leute ausweinen, weil ihnen sonst niemand zuhört. Da ist dann auch mal Supervision angesagt. Es ist eigentlich jeder Fall ein Drama, da steckt ein Schicksal dahinter. Einen solchen Verlust an Lebensqualität wünsch’ ich keinem. Aber nur ein Fall, bei dem ich helfen kann, rechtfertigt alle Mühe.
Bekommen Sie für die Arbeit finanzielle Unterstützung?
Die Sachkosten aller UpB werden seit 2013 vom Bezirk übernommen. Früher waren das einzelne Träger, vor allem die Landkreise. Jetzt haben wir die notwendige finanzielle Unabhängigkeit. Zuvor wurde uns unterstellt, dass wir nicht unabhängig vom Gesundheitsamt oder vom Sozialamt handeln können. Denn das sind ja potenzielle Beschwerdegegner.

Kontakt: Die Beschwerdestelle an der Kirchgasse 4 in Bad Tölz ist erreichbar unter der Nummer 0 80 41/7 77 12 oder per E-Mail an upb-os@t-online.de

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