Crystal Meth so faszinierend wie fatal - Suchtmediziner spricht im Ameos

Crystal Meth so faszinierend wie fatal - Suchtmediziner spricht im Ameos

08. Juni 2014

Osnabrück. Denkt man an Drogen, fällt wohl kaum jemandem zuerst Crystal Meth ein. In Niedersachsen wie auch in den meisten anderen Bundesländern ist das hochgefährliche Amphetamin wenig verbreitet. Wo in Deutschland die Droge tatsächlich ein großes Problem ist und welche Irrtümer über Crystal im Umlauf sind, erklärte der bekannte Suchtmediziner Roland Härtel-Petri bei einem Vortrag im Ameos-Klinikum.

Dass es ein riesiges Interesse an Informationen über die Droge Crystal Meth gibt, ließ sich bei der Veranstaltung im Ameos rasch erkennen. Der Vortragssaal war voll besetzt, von der Medizin über die Jugendhilfe bis zur Justiz waren aus allen denkbaren Bereichen Vertreter erschienen. Und offenbar ist der Stoff mit dem chemischen Namen Methamphetamin in der Region nicht nur ein theoretisches, sondern auch schon ein praktisches Problem. Auf die Frage von Gesundheitsdienst-Mitarbeiterin und Organisatorin Melanie Grimm, wer in seiner Berufspraxis schon mal mit Crystal-Meth-Nutzern Kontakt gehabt habe, gingen zumindest einige Hände nach oben.

Hoch problematisch ist nach den Worten des Referenten Roland Härtel-Petri die hohe Reinheit des Stoffes aus dem Nachbarland. In Bayreuth bekomme man durchaus 90-prozentiges Crystal Speed, was in der entsprechenden Dosierung ein enormes Abhängigkeitspotenzial besitze. An die Zuhörer gerichtet sagte der Suchtmediziner: „Welche Reinheit Crystal bei Ihnen hat, wenn es hier mal ankommt, weiß ich natürlich nicht.“

Auch mit einem offenbar unter Ärzten noch weit verbreiteten Vorurteil räumte Härtel-Petri in seinem Vortrag auf: Nur weil der Wirkstoff von Crystal Meth lange Zeit unter dem Handelsnamen „Pervitin“ ein gängiges Medikament und akzeptiertes Aufputschmittel war, sei es alles andere als ungefährlich. Erstens nämlich sei die normale Dosis einer Tablette Pervitin lächerlich gering gewesen. „Da waren drei Milligramm drin, das ist von der Wirkung nicht mehr als ein starker Kaffee.“ Selbst moderne Energy Drinks seien als Wachmacher deutlich interessanter. Trotzdem wurde Pervitin auch vor 70 Jahren schon zum Problem, weil es vor allem von den Kampffliegern im Zweiten Weltkrieg in viel zu großen Mengen genommen wurde.

Neben der – im Normalfall – viel geringeren Dosierung ist der wesentliche Unterschied im Umgang mit der Droge aber die Form der Einnahme: Während Pervitin noch geschluckt wurde, wird das kristalline Methamphetamin geschnupft. „Dadurch flutet die Droge schneller an. Und je schneller das Anfluten, desto stärker ist die Wirkung auf das Suchtgedächtnis.“

Aus Gesprächen mit seinen Patienten weiß Härtel-Petri, dass viele schon nach der ersten Einnahme süchtig gewesen seien. Die Wirkung der Droge sei enorm, plötzlich würden sogar monotone Handlungen großen Spaß machen. „Einen Kugelschreiber stundenlang auseinanderzunehmen ist dann eine faszinierende Tätigkeit.“

Die Auswirkungen der Droge seien allerdings ebenso fatal. An erster Stelle stünden Psychosen, also der Verlust des Realitätsbezugs. Sollte in einer Region die Zahl der Psychosen stark zunehmen, ist das laut Härtel-Petri ein sicheres Zeichen dafür, dass sich hier Crystal Meth ausgebreitet hat.
Trotz seines enorm hohen Gefahrenpotenzials sei der Schaden, den das Amphetamin anrichte, im Vergleich aber immer noch gering: „Unser größtes Problem ist weiterhin der Alkohol.“

Zum Quelltext

Kommende Termine

Benutzeranmeldung