Eichsfelder Familie verlor ihren Sohn beinahe an die Modedroge Crystal

Eichsfelder Familie verlor ihren Sohn beinahe an die Modedroge Crystal

Eichsfeld. Guter Schulabschluss des Sohnes, erfolgreiche Berufsausbildung, Arbeit und eine eigene Wohnung in einer anderen Stadt. Ein beruhigendes Gefühl für Eltern. Ihr Sohn war ständig einsatzbereit, leistete im Beruf, teils im Inland, teils im Ausland, eher mehr als zu wenig, feierte aber auch gern mal eine Nacht durch.

Kam er zu seinen Eltern ins Eichsfeld, erlebten sie zwei Extreme: Entweder er war ständig auf der Überholspur, hyperaktiv, zappelig, rastlos, voller fantastischer Zukunftspläne und niemals müde; oder er schlief tagsüber stundenlang erschöpft auf dem Sofa.
Zu ihrem Entsetzen begann er, der immer auf sich geachtet hatte, sich zu vernachlässigen, erschien ungewaschen, mit ungepflegten Haaren und schmutziger Kleidung. Er vergaß wichtige dienstliche und persönliche Termine, wurde den Führerschein los, fuhr ohne weiter, wurde in der Bahn als Schwarzfahrer erwischt.
Die Eltern hegten einen Verdacht, doch er wiegelte ab: Da ist nichts. Ab und zu mal ein Joint. Kein Grund sich Sorgen zu machen. Den vielseitig Interessierten ging auf einmal nichts mehr etwas an. Teils aus Geldmangel, teils, weil es ihm egal war, überwies er keine Miete mehr, ließ Rechnungen einfach liegen. Mahnbriefe stapelten sich ungeöffnet, im Internet bestellte Waren blieben unbezahlt.
Strom, Gas, Telefon wurden abgestellt. Ständiger Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit am Arbeitsplatz folgte die Kündigung. Meldetermine bei der Agentur für Arbeit und seine Krankenversicherung hielt er für unwichtig. Die Kündigung der Wohnung nahm er hin. Vom Gerichtsvollzieher zum Verlassen der Räume aufgefordert, verstand er die Welt nicht mehr. Irgendwann riss das Netz aus Lügen, Ausreden, Verdrängen und Vertuschen.

Sehen, wie das eigene Kind verfällt
Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde deutlich, als er völlig mittellos einen Unterstellplatz für seine Möbel suchte und seinen Eltern mitteilte: Er schläft jetzt bei einem Bekannten. "Das alles kam nicht in wenigen Tagen, bis dahin sind Jahre vergangen, in denen ich mit ansehen musste, wie mein eigenes Kind verfällt", berichtet die Mutter. Erst nachdem er schon ganz unten war, hatte er endlich eingestanden, seit Jahren Crystal zu konsumieren, zunächst ab und zu probeweise, zur Leistungssteigerung im Job und um beim Feiern besonders lange durchhalten zu können.
Aus dem gelegentlichen Spaß wurde eine Sucht. "Dann musste er das Zeug ständig haben", erzählt sein Vater. Die synthetische Droge Crystal (Kristall), auch bekannt unter dem Namen Crystal Meth, abgeleitet von Methamphetamin, unterdrückt Angst, Hunger, Müdigkeit, Schmerzen; verleiht, solange die Wirkung anhält, ein Gefühl der Stärke und des scheinbar tollen Lebens auf der Überholspur. Der Hilfeschrei des Sohnes: "Ich brauche einen Arzt, ich will eine Therapie machen", leitete die Wende ein. Seine Familie hält zu ihm.

Gegenwärtig ist er auf Entzug in einer Suchtklinik. Dort sagt er zu seinen Mitpatienten: "Meine Eltern kommen zu Besuch. Darauf freue ich mich."

Der Name der Familie ist der Redaktion bekannt. Sie möchte Eltern auf Anzeichen von Drogensucht hinweisen und zeigen, wie wichtig in Krisensituationen familiärer Halt ist. Hilfe für Betroffene und Angehörige geben Hausarztpraxen, die Caritas-Suchtberatung Leinefelde, der Kreuzbund Leinefelde - Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige im Diözesanverband Erfurt.

13.06.14 / TLZ

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