In der Psychiatrie ist noch nicht alles in Butter

Regierungsrätin Susanne Hochuli: In der Psychiatrie ist noch nicht alles in Butter

Die Aargauer Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli fordert in einem Gastbeitrag in der «Nordwestschweiz», dass der Stellenwert der Psychiatrie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhöht wird.

21. Mai 2014

«Ich vermute, dass die Psychiatrie 2014 die weitaus wichtigste medizinische Disziplin sein wird.» Eine mutige Prognose. Und eine, die immerhin schon ein halbes Jahrhundert alt ist. Isaac Asimov, russisch-amerikanischer Sachbuchautor und Science-Fiction-Schriftsteller, hat sie 1964 formuliert.

Nun, als Gesundheitsdirektorin habe ich es nicht so mit der Science-Fiction. Aber bemerkenswert finde ich die Aussage allemal - auch wenn ich jetzt nicht auch noch eine Diskussion über die «wichtigste medizinische Disziplin» lostreten will. Nur so viel: Gut 4 Prozent der Schweizer Bevölkerung fühlen sich stark und rund 13 Prozent mittel psychisch belastet.

Das bedeutet, dass bei etwa jeder sechsten Person das Vorliegen einer psychischen Störung aus klinischer Sicht (sehr) wahrscheinlich ist. Und: Psychische Störungen verursachen hohe volkswirtschaftliche Kosten. Schätzungen liegen bei über 11 Milliarden Franken pro Jahr, wobei indirekte Kosten - zum Beispiel durch Arbeitsabsenzen und Frühpensionierungen - von grosser Bedeutung sind.

Psychiater und Hausärzte besser einbinden
Ich bin vor diesem Hintergrund froh, dass sich in den letzten Jahren in den meisten Kantonen die psychiatrische Versorgung in Richtung integrierter Versorgung verändert. Das heisst: einer Versorgung, in welcher Ambulatorien, Tageskliniken sowie die stationären Angebote nebeneinander existieren, die Angebote auf die Patienten zugeschnitten und die Probleme an den Schnittstellen relativ gering sind. Ist also alles in Butter, wenn es um die psychiatrische Versorgung geht? Nicht ganz, wenn man genau hinschaut.
Erstens: Die integrierte, personenzentrierte und gemeindenahe Versorgung ist zwar überall akzeptiert, sie ist aber noch lange nicht überall Realität. Dies hat auch mit den ungelösten Finanzierungsfragen bei den psychiatrischen Ambulatorien und Tageskliniken zu tun.
Zweitens: Die Zusammenarbeit zwischen der institutionellen Psychiatrie und den niedergelassenen Hausärzten und Psychiatern klappt zum Teil gut. Es gibt aber noch grosses Potenzial. Führen wir uns vor Augen: Die Schweiz verfügt weltweit über die höchste Dichte an niedergelassenen Psychiatern. Die Hausärzte sind gleichwohl auch bei psychischen Krankheiten häufig die erste Anlaufstelle. Daher müssen Formen und Wege gefunden werden, wie niedergelassene Psychiater und Hausärzte besser in die integrierte psychiatrische Versorgung eingebunden werden können.
Und schliesslich hat sich, drittens, in den letzten Jahren ein Problem akzentuiert: genügend und gut qualifiziertes Gesundheitspersonal rekrutieren zu können. Die beste Psychiatrieplanung nützt nichts, wenn das für die Versorgung benötigte Personal fehlt. Darüber hinaus stellt insbesondere die Finanzierung der gemeindenahen Versorgung, also der Betrieb von psychiatrischen Ambulatorien und Tageskliniken, eine Herausforderung dar.

Immer mehr sind auf patientenahe Behandlung angewiesen
Im Leitfaden zur Psychiatrieplanung der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) wurde vor sechs Jahren optimistisch vermerkt, dass künftig mehr als die Hälfte der für die psychiatrische Versorgung eingesetzten Mittel dafür verwendet werden sollten. Davon sind wir heute noch weit entfernt, obwohl ambulante und teilstationäre Angebote anerkanntermassen sinnvoll und notwendig sind. Deshalb müssen wir dahin kommen, wo die GDK die Psychiatrie gerne sähe. Im Interesse der Menschen, die auf eine patientennahe psychiatrische Behandlung angewiesen sind. Es sind viele. Und es werden mehr.
Von mir aus muss die Psychiatrie - frei nach Ideengeber Asimov - nicht die wichtigste medizinische Disziplin werden. Aber sie muss den Stellenwert haben, der ihr zukommt. In der Politik, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft. Das ist keine Fiktion und schon gar keine Science-Fiction.

Mehr dazu

Kommende Termine

Benutzeranmeldung