Alles unter einem Hut

Alles unter einem Hut

05. Mai 2014

Seit zehn Jahren richtet die Frauenabteilung der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie in Hadamar die Fachtagung zur frauenspezifischen Sucht und Delinquenzbehandlung1 aus. Diesmal ging es um die Behandlung traumatisierter Straftäterinnen und um die Erfahrungen mit einer Mutter-Kind-Station.

Hadamar.

„Alles unter einen Hut bringen“ – was privat nicht ganz einfach ist, kann auch im beruflichen Kontext eine Herausforderung sein: Die Vitos Klinik für forensische Psychiatrie stellte diese Redensart als Motto ihrer diesjährigen Frauenfachtagung voran. Damit lenkte sie den Fokus auf Auswahl und Zusammenspiel der verschiedenen Therapieangebote bei der Behandlung der Patientinnen. Hier wurden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Behandlung von suchtkranken Straftäterinnen ausgeleuchtet.

Die Tagung lockte auch in diesem Jahr wieder Teilnehmer aus ganz Deutschland nach Hadamar. An zwei Tagen trafen sich Ärzte, Psychologen, Pflegefachkräfte, Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalten und Ergotherapeuten, um sich über frauenspezifische Sucht- und Delinquenzbehandlung im Maßregelvollzug weiter zu bilden.

Als Einstieg in das Thema stellte Christoph Rohletter die Milieutherapie vor. Er berichtete von seinen Erfahrungen in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (Schweiz), wo das Umfeld der straffälligen suchtkranken Patienten so gestaltet wird, dass sich die Behandlungsbereitschaft erhöht.

Dr. Ingo Schäfer stellte die aktuellen Entwicklungen in der Behandlung traumatisierter Suchtkranker vor. Der Oberarzt des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf machte deutlich, dass ein Trauma nicht nur von einem Ereignis wie beispielsweise Verkehrsunfall oder Kriegshandlung ausgelöst werden könne. Vielmehr gäbe es ein hohes Vorkommen von interpersonellen Traumata, die von emotionaler, sexueller oder körperlicher Gewalt ausgelöst werden. Die aktuellen Studien zum Zusammenhang von Sucht und Trauma zeigten, das einer Vielzahl von Suchterkrankungen ein Trauma zugrunde liege. Zudem sei eine Suchterkrankung ein Risikofaktor für weitere traumatische Erfahrungen. Schäfer plädierte die Traumabehandlung stärker bei der Suchtbehandlung in den Fokus zu nehmen, vor allem im ambulanten Bereich. Auf der forensischen Frauenstation in Hadamar wird dieser Ansatz bereits umgesetzt – alle Mitarbeiterinnen der Station erhalten eine Weiterbildung in Trauma-Begleitung.
Achtsamkeit

Zum Abschluss des ersten Tagungstages lenkte Dr. Michael Huppertz die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf die Achtsamkeit. Huppertz stellte seinen Ansatz der achtsamkeitsbasierten Therapie vor, die bei Abhängigkeit und anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Essstörungen eingesetzt wird. Der Facharzt erläutere Achtsamkeit als „Kunst da zu sein“. Das bedeute eine bewusste, absichtslose, offene, experimentelle Haltung zum gegenwärtigen Geschehen. Mit Spannung wurde der Vortrag von Verena Klein verfolgt. Die Chefärztin an der Klinik für forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Taufkirchen berichtete über eine Mutter-Kind-Station im Maßregelvollzug. Drogenabhängige Mütter werden dort gemeinsam mit ihren Kleinkindern aufgenommen. Sie erhalten Therapie und lernen zugleich ihre Kinder selbstständig und umfassend zu versorgen. Das sei keine leichte Aufgabe für suchtkranke Patientinnen. Zudem fordere die besondere Situation auf der Station auch große Rücksicht von den Mitpatientinnen, und schließlich sei Mutterschaft immer auch ein emotionales Thema.

Mit dem Körperbild von essgestörten Frauen beschäftigte sich Dr. Tanja Legenbauer. Sie stellte Forschungsergebnisse zu Ursachen und Behandlungsansätzen von Essstörungen dar. Um Essstörungen wirksam zu therapieren, müsse zunächst das zugrundeliegende Körperbild der betroffenen Patienten betrachtet werden. Hier lägen oft Störungen vor und die zumeist weiblichen Betroffenen hätten eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körperausmaßes. Studien zeigten eine deutliche Abweichung in der Selbsteinschätzung von gesunden und essgestörten Probanden. Die Wahrnehmung der Patienten sei nicht generell gestört, in Bezug auf den eigenen Körper fokussiere sich die Aufmerksamkeit aber ausschließlich dysfunktional auf negativ bewertete Eigenschaften.

Wie sie alle Behandlungsansätze unter einen Hut bekommen, haben die Mitarbeiterinnen der Vitos Frauen-Forensik berichtet: Sie haben das Vortragsthema aus der Perspektive des Behandlungsalltags auf der Frauenstation beleuchtet und um die praktische Dimension ergänzt.

Mehr dazu

  • 1. Delinquenz ist die Neigung, vornehmlich rechtliche Grenzen zu überschreiten, das heißt, straffällig zu werden.

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