BGM-Schwerpunkt 2013: Das psychische Wohlbefinden stärken

BGM-Schwerpunkt 2013: Das psychische Wohlbefinden stärken

05. Juni 2014

Volles Haus zur Auftaktveranstaltung mit Dr. Alexander Jatzko: Was gefährdet unsere psychische Gesundheit und wie können wir sie schützen?

Zufriedene Gesichter schon in der Pause der BGM-Auftaktveranstaltung in Koblenz (von links): Rolf Jacob, BGM-Beauftragter beim Polizeipräsidium Koblenz; Marlen Marko, Gesundheitsmanagerin der Polizei Rheinland-Pfalz; Referent Dr. Alexander Jatzko, Leitender Arzt der Psychosomatischen Abteilung am Westpfalzklinikum Kaiserslautern; Polizeipräsident Horst Eckhardt.

Was ist "psychisches Wohlbefinden"? Wie funktioniert unsere Wahrnehmung, unser Gehirn, unsere Psyche? Wodurch wird unser psychisches Wohlbefinden beeinträchtigt, und wie können wir es schützen? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der ersten von sechs Auftaktveranstaltungen zum diesjährigen Schwerpunktthema "psychisches Wohlbefinden" im Behördlichen Gesundheitsmanagement (BGM) der Polizei. Kompetent, anschaulich und alltagsnah referierte Dr. Alexander Jatzko, Leiter der Psychosomatischen Klinik am Westpfalzklinikum Kaiserslautern. Mehr als 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Polizeidienststellen im Großraum Koblenz füllten den Vortragssaal im dortigen Polizeipräsidium, hörten gespannt zu, stellten Fragen und entwickelten schließlich einen lebendigen Dialog mit dem Referenten.

Psychische Erkrankungen sind längst kein medizinisches Randgebiet mehr, betonte Dr. Jatzko. Ganz im Gegenteil: Die Krankenkassen melden einen dramatischen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Störungen: eine Zunahme um fast 70 Prozent während der vergangenen 15 Jahre. Im Einzugsbereich des Westpfalzklinikums - und wohl nicht nur dort - rangieren psychische Erkrankungen inzwischen auf Rang drei der am häufigsten gestellten Diagnosen. Im Mittelpunkt stehen Angststörungen, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen. Hinzu kommen Schmerzzustände, für die sich keine organischen, wohl aber psychosomatische Ursachen feststellen lassen, sowie - vornehmlich bei Männern - alkoholbedingte Störungen. Letztere rangieren bei Männern im erwerbsfähigen Alter sogar auf Platz eins der Diagnosen bei der vollstationären Krankenhausbehandlung, noch vor Herzkrankheiten, Kniegelenks-, Hüft- und Bandscheibenschäden. Alarmierend: Jede(r) dritte Erwachsene ist laut Dr. Jatzko mindestens einmal im Jahr von einer psychischen Störung betroffen. Am stärksten gefährdet ist die Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen. Auch als Ursache von Berufsunfähigkeit rangieren psychische Erkrankungen mit 35 Prozent inzwischen an der Spitze - noch weit vor den Krebserkrankungen mit 17 Prozent.

Im Extremfall endet eine psychische Erkrankung im Suizid. Die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland sank seit Mitte der 1970er Jahre (damals annähernd 20.000 Fälle pro Jahr) kontinuierlich und erreichte im Jahr 2007 ihren bisherigen Tiefststand (zirka 9500 Fälle). Begründen lasse sich diese erfreuliche Entwicklung mit der Enttabuisierung psychischer Erkrankungen und dem medizinisch-pharmazeutischen Fortschritt, so Dr. Jatzko. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ging die Suizidrate deutlich zurück, nachdem moderne Antidepressiva verfügbar waren und zunehmend auch akzeptiert wurden.

Seit 2007 steigt die Suizidrate wieder an. Die Erklärung hierfür liege in der enormen Zunahme psychischer Störungen, die inzwischen zu einer chronischen Überlastung des Gesundheitssystems auf diesem Gebiet führe. Die Zahl der behandlungsbedürftigen Depressionen in Deutschland beziffert Dr. Jatzko auf vier Millionen. "Weniger als zehn Prozent davon werden zeitnah und ausreichend behandelt", so der Experte. Wer heute eine psychische Störung erleide, müsse bis zu sechs Monate auf einen Termin beim Facharzt warten. Manchmal sei es dann zu spät. Die Brisanz unterstrich Dr. Jatzko am Beispiel Bundeswehr: Seit deren Bestehen verloren etwa 3.000 Soldaten ihr Leben bei Dienstunfällen oder im Auslandseinsatz; in derselben Zeit starben 3.400 durch Suizid. Der dringende Appell des Mediziners: Depressionen niemals verdrängen, sondern konsequent behandeln!

Eine Studie unter österreichischen Polizisten ergab: Bei 42 Prozent der Männer und 33 Prozent der Frauen lagen Stresssymptome vor, die sowohl im Verhalten als auch durch die erhöhte Ausschüttung des Stress-Hormons Cortisol nachweisbar waren. Zehn Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen zeigten überhöhte Stressreaktionen; fast derselbe Anteil war akut Burnout-gefährdet. Dabei wurde deutlich: Je länger ein Beamter oder eine Beamtin im Dienst war, desto höher lag die Stressbelastung. Als häufigste Ursachen wurden genannt: hoher bürokratischer Aufwand, Unzufriedenheit mit Einstufung und Besoldung, geringe Handlungs- und Entscheidungsspielräume.

Breiten Raum widmete Dr. Jatzko den menschlichen Wahrnehmungsprozessen (siehe Kasten im Anhang). Sein Angebot an die Zuhörer: "Sie sollen verstehen, was im Gehirn vor sich geht, wenn Sie etwas wahrnehmen. Sie sollen erkennen, wodurch unsere Wahrnehmung beeinflusst, verändert und begrenzt wird. In der Folge werden Sie verstehen, wie psychische Belastungen entstehen - und wie sie vermieden oder zumindest doch vermindert werden können." Anschauliche Beispiele, kurze Filmbeiträge und kleine Experimente im Publikum machten das Beschriebene leicht verständlich.

In weiteren Abschnitten befasste sich Dr. Jatzko mit der eher geringen Bedeutung der aktuellen Sinneswahrnehmung im Vergleich zur jederzeit übermächtigen Gedächtnisleistung des menschlichen Gehirns; ferner mit dem Phänomen der subjektiven und selektiven Wahrnehmung (das auch bei der polizeilichen Zeugenbefragung von erheblicher Relevanz ist) sowie mit der intensiven, aber immer noch unterschätzten Wechselwirkung von Psyche und Körper. Hier machte der Mediziner deutlich, wie sehr psychische Einwirkungen - positive ebenso wie negative - Einfluss auf das körperliche Schmerzempfinden aber auch auf unser Wohlbefinden nehmen: Angst, Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit sind als Schmerz verstärkende Faktoren ebenso nachgewiesen wie Zuwendung, Hoffnung, Freude und Verständnis als Schmerz mindernde Faktoren. Mehr noch: Jüngste Studien haben ergeben, dass in dauerhaft zerstrittenen Ehen das Herzinfarktrisiko deutlich erhöht ist und sogar die Wundheilung der Beteiligten langsamer verläuft.

"Fehlende Belohnung" – unter dieser Überschrift lassen sich nach Erkenntnissen einer großen Krankenkasse die häufigsten Belastungsfaktoren in der rheinland-pfälzischen Arbeitswelt zusammenfassen. Dr. Jatzko nannte Zahlen: Fast 20 Prozent der Befragten fühlten sich nicht angemessen entlohnt, 18,4 Prozent klagten über mangelnde Anerkennung durch Vorgesetzte, 15,8 Prozent berichteten über eine Verschlechterung ihrer Arbeitssituation, 13,1 Prozent beklagten schlechte Aufstiegschancen, 12,8 Prozent wünschten sich grundsätzlich mehr Anerkennung für ihren Beruf und 12,6 Prozent vermissten eine angemessene Unterstützung in schwierigen Situationen. Die Frage nach dem richtigen Maß der beruflichen Anerkennung führte im Auditorium zu einer angeregten Diskussion über das bestmögliche Vorgehen im Beurteilungswesen. Mit großer Skepsis betrachte er Verfahren, die mehr Frustration erzeugen als Chancen eröffnen, sagte Dr. Jatzko.

Unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Defizite in ihrem Arbeitsleben erkennen und artikulieren, unterscheidet Dr. Jatzko drei Typen: Der "depressive Typ" sucht die Fehler vor allem bei sich selbst. Der "narzisstische Typ" sucht die Fehler immer bei den anderen. Der "paranoide Typ" fühlt sich verfolgt und glaubt, dass andere ihm die Fehler unterschieben. Als Ausweg aus der "Unzufriedenheits-Falle" rät der Experte: "Arbeiten Sie so, dass Sie selbst mit ihrer Arbeit zufrieden sind! Dann sind es zumeist auch die anderen. Vor allem aber: Denken Sie nicht ständig darüber nach, was die anderen von Ihnen halten! Denn damit blockieren Sie das selbstbestimmte Handeln."

Breiten Raum widmete der Mediziner dem Burnout. Dabei ging es zunächst um den Versuch einer vorläufigen Definition, die international nämlich noch nicht vorliegt. Beim Burnout, dem Erschöpfungs-Syndrom, handelt es sich um eine spezielle, überwiegend berufsbedingte Erscheinungsform der Depression. Ein Burnout verläuft in drei Abschnitten: Der ersten Phase einer sehr hohen Motivation und Leistungsbereitschaft, fast immer verbunden mit Selbstüberschätzung und Selbstausbeutung, folgt die Phase der dauerhaften Überlastung und Auszehrung, die in Phase drei schließlich zum Zusammenbruch führt. Typische Symptome sind Konzentrationsmangel, Schlaf- und Appetitlosigkeit, nachlassende Motivation, Antriebsmangel und Leistungsschwäche, zunehmende Interessenlosigkeit, soziale Vereinsamung, Niedergeschlagenheit, Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst. Häufig tritt ein Suchtverhalten erschwerend hinzu. Im fortgeschrittenen Stadium ergeben sich schließlich auch Suizidgedanken. Der Mediziner warnt: "Wenn private Interessen und soziale Kontakte auf der Strecke bleiben, ist die Gefahr groß zu erkranken!" Ein Filmbeitrag zum "Volksleiden Burnout" beleuchtete das Phänomen am Beispiel eines Polizeibeamten.

Persönliche, betriebliche und medizinische "Bewältigungsstrategien" bestimmten den letzten Teil des Vortrags. Hier betonte Dr. Jatzko die besondere Verantwortung der Vorgesetzten, die für gute Rahmenbedingungen in ihrem Bereich zu sorgen haben. Die wichtigsten Anforderungen laut Dr. Jatzko: Betriebsklima pflegen, verlässlich, offen und fair miteinander umgehen, Teambildung und Teamgeist unterstützen, Begeisterung für die gemeinsame Aufgabe stärken, Informationsfluss gewährleisten, Beteiligungs- und Entscheidungsspielräume ausbauen, Wertschätzung für gute Arbeit und gute Mitarbeiter zeigen, Mitarbeiter gegebenenfalls auch schützen, Gerechtigkeit walten lassen, die Selbstfürsorge der Mitarbeiter fördern und ihr notfalls nachhelfen, abfällige oder abwertende Bemerkungen unbedingt vermeiden und nicht über Mitarbeiter reden, sondern mit ihnen. Dr. Jatzko: "Ein Mitarbeiter, der sich im Unternehmen wohl fühlt, hat den besten Schutz vor einem Burnout."

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rät der Mediziner zur Burnout-Prävention Folgendes: die eigenen Leistungsgrenzen erkennen und respektieren, nicht alles selber machen wollen, persönliche Bedürfnisse ernst nehmen und diese auch "leben", genug schlafen, gesund essen, auf Alkohol und Nikotin verzichten, Probleme aktiv und planvoll angehen statt sich von ihnen "nerven" zu lassen, Sport treiben, Entspannungsmethoden erlernen und täglich anwenden. Dr. Jatzko: "Zufriedenheit in der Familie, im Freundeskreis und im Beruf ist der beste Schutz vor einem Burnout."

Eine Vielzahl von Fragen und Anregungen aus dem Auditorium befasste sich mit Vermeidungsstrategien, Entspannungsmethoden und Meditation, Psychotherapie, Burnout-Prophylaxe und Verhaltenstipps rings um das BGM-Schwerpunktthema "psychisches Wohlbefinden".

Die erste von sechs Auftaktveranstaltungen zum BGM-Schwerpunktthema 2013 war aus Sicht aller Beteiligten ein Erfolg. Während Dr. Jatzko sich über ein aufmerksames und jederzeit interessiertes Publikum im voll besetzten Vortragssaal freuen durfte, attestierten ihm seine Zuhörer eine fundierte, gleichwohl aber leicht verständliche Präsentation wissenschaftlicher Zusammenhänge. Dabei stand der unmittelbare Bezug zur beruflichen Alltagssituation in der Polizei immer im Fokus. Das, so die einvernehmliche Bewertung der Teilnehmer, machte diese Veranstaltung besonders wertvoll.

Sinneswahrnehmung, Ratio und "emotionales Gedächtnis":
Dr. Jatzko: Wer die Signale der Amygdala nicht ernst nimmt, riskiert Krankheit!

Wie rational funktioniert unsere Wahrnehmung? Welchen Einfluss nimmt unser Gefühlszentrum auf frisch erlebte Sinnesreize und aktuell empfangene Informationen? Und was folgt daraus für die Bewertung dessen, was wir pausenlos um uns herum erleben? Lassen sich "störende Gefühle" verbannen, indem wir sie einfach ignorieren? Vor diesem Irrglauben warnt der Psychologe.

Dr. Jatzkos Kernthese: Unser Gehirn ist keine mathematisch programmierte Rechenmaschine, sondern eine "Vorhersagemaschine", bestenfalls eine Art "Wahrscheinlichkeitsrechner". Denn unser rationales Denken und Handeln wird eingeschränkt durch persönliche Erfahrungen und Emotionen.

Jede neue Sinneswahrnehmung beschäftigt im Gehirn zunächst einmal das emotionale Gedächtnis, unser Gefühlszentrum, die so genannte "Amygdala". Dieser Automatismus ist unveränderbar und von uns durch nichts zu beeinflussen. In der Amygdala wird die frische Sinneswahrnehmung, der so genannte "Stimulus", mit dem dort gespeicherten "Bestand" verglichen, dabei einer ersten, noch unpräzisen Einordnung unterworfen und sehr spontan mit einem emotionalen "Etikett" versehen. Dieses kann z.B. "Furcht" heißen, aber auch "Freude", "Sympathie" oder "Enttäuschung".

Die Amygdala ist unser "Gefühls-Archiv". Sie reift und lernt bis ins Erwachsenenalter. Erst nachdem sie dem frischen Stimulus ein (ungenaues und ungeprüftes) emotionales "Vorzeichen" verpasst hat, wird die aktuelle Sinneswahrnehmung (Information) zur rationalen Auswertung ans Großhirn geleitet. Zu diesem Zeitpunkt, d.h. nach einigen Millisekunden, hat die spontane Reizung der Amygdala aber schon erste Effekte im Körper bewirkt, die teils auch sichtbar in Erscheinung treten: etwa Angst, Erstaunen, Erregung, Freude oder Aggression. Erst jetzt erhält das Großhirn die Gelegenheit zu einer deutlich rationaleren Prüfung und genaueren Bewertung des Stimulus.

Die emotionale Vorab-Bewertung unserer Wahrnehmungen ermöglicht uns blitzschnelle Reaktionen und funktioniert oftmals als spontaner Schutz: Der bloße Anblick einer Schlange verheißt "Gefahr!". Diese Spontanbewertung leistet die Amygdala. Die Überprüfung dessen erfolgt anschließend im Großhirn – und kommt möglicherweise zu dem Ergebnis: "harmlos!". Gleichwohl dürfen wir die Signale der Amygdala nicht ignorieren, denn sie dienen nicht selten unserer Sicherheit.

Die Amygdala kann unsere Informationsverarbeitung aber auch behindern, erklärt Dr. Jatzko. So kann eine einmalige, sehr intensive Stimulation der Amygdala (z.B. durch das Ramstein-Erlebnis) zu einer lebenslangen Veränderung der neuronalen Erregbarkeit führen (etwa zu spontanen Angststörungen beim plötzlichen Ertönen von Flugzeuggeräuschen, auch wenn deren aktueller Ursprung ungefährlich ist). Grundsätzlich gilt: Die Amygdala arbeitet automatisch und unbewusst. Sie ist nicht "intelligent", und sie kann Erlebtes nicht vergessen!

Daraus folgt die eindringliche Mahnung des Experten: "Die spontanen Impulse des Gefühlszentrums müssen ernst genommen, im Anschluss aber rational überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Wer die Amygdala über längere Zeit ignoriert und ihre Signale nicht ernst nimmt, wird krank!" Der Burnout ist dafür das beste Beispiel: Durch permanente Überforderung und Überreizung fährt die Amygdala hoch und produziert unkontrollierte Symptome, die uns krank machen.

Zum Text auf polizei.rpl.de (Polizeikurier)

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