Deutsch-tschechischer Crystal-Gipfel im April 2014

15. April 2014
Deutsch-tschechischer Crystal-Gipfel
Politiker und Experten suchen bei Prager Treffen nach Lösungen: Drogenbeauftragte beider Länder im Café Louvre

Hochkarätiges Podium: Erstmals saßen die Berliner Drogenbeauftragte Marlene Mortler (links) und ihr Prager Amtskollege Jindrich Voboril (rechts) zusammen auf einer Veranstaltung. Repression versus Prävention: Wenn Deutsche und Tschechen früher über die Crystal-Problematik sprachen, waren die Rollen eindeutig verteilt. Das scheint sich allmählich zu ändern, wie eine prominent besetzte Runde am vergangenen Freitag in Prag zeigte. Es diskutierten Politiker, hohe Beamte und Fachleute zum Thema "Drogen in Tschechien und Deutschland - ein gemeinsames Problem, eine gemeinsame Lösung".

Wichtige Impulse kamen auch von Vertretern zivilgesellschaftlicher Initiativen aus dem Publikum. Diese Mischung hätte sich vermutlich auch Václav Havel gewünscht, dessen Stiftung Forum 2000 zum Gespräch geladen hatte, gemeinsam mit dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.

Vorweggenommen: "Die Lösung" blieb das Plenum schuldig, doch bei der Suche nach Lösungen sind sich die Seiten nähergekommen, zumindest sprachlich. Beide streben eine Drei-Säulen-Strategie an, eine Kombination aus Prävention, Repression und medizinisch-therapeutischen Maßnahmen, und lehnen Belehrungen oder gegenseitige Schuldzuweisungen ab. Zudem sind Prag, Berlin und München für Stimmen aus der Praxis offen. Aber der Reihe nach.

Aus Deutschland angereist waren die Berliner Drogenbeauftragte Marlene Mortler und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (beide CSU), Co-Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums , sowie Bayerns Polizeiinspekteur Thomas Hampel. Die tschechische Seite vertraten Jindrich Voboril, Mortlers Prager Amtskollege, die Sozialarbeiterin Markéta Cerná von der Hilfsorganisation KOTEC und Ex-Senator Ludek Sefzig, tschechischer Co-Vorsitzender des Gesprächsforums.

Qualifikation "Mutter"

Die Veranstaltung eröffnete Christian Schmidt,
Die Veranstaltung eröffnete Christian Schmidt, Beiratsvorsitzender des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums (Mitte), hier zusammen mit Botschafter Detlev Lingemann und Marlene Mortler: "Es ist essenziell, den Kampf gegen das Drogenproblem gemeinsam, und zwar auf allen Ebenen, anzugehen." Bilder: Pacurar, Herda, Forum 2000
Den Anfang machte Marlene Mortler: Sie umriss in einem kurzen, frei und lebendig gehaltenen Vortrag das Problemfeld aus ihrer Sicht. Dabei machte die Fränkin keinen Hehl daraus, dass sie mit der Drogenbekämpfung persönlich und fachlich Neuland betritt. Als wichtigste Qualifikation für ihr neues Amt bezeichnete sie den Umstand, "Mutter und mehrfache Großmutter" zu sein und unterstrich die Bedeutung stabiler, gesunder Familien für die Gesellschaft; keine Überraschung aus dem Mund einer CSU-Politikerin.

Die weltweite Verbreitung von Methamphetaminen
"Die weltweite Verbreitung von Methamphetaminen durch international operierende Banden kann nur eingedämmt werden, wenn Sie als Verantwortliche zu einer europaweiten Strategie im Kampf gegen Crystal beitragen." Gerhard Krones, Weiden. Weitere Themen ihres Statements waren die rasante Verbreitung von Crystal in Deutschland über die grenznahen Regionen in Bayern und Sachsen hinaus sowie die Bedeutung frühzeitiger Aufklärung von Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit der Prävention. So würdigte sie etwa den Einsatz von Polizeibeamten bei Vorträgen an Schulen. Ultimative Forderungen an Prag im Sinne einer restriktiveren Drogenpolitik erhob Mortler nicht. "Ich bin nicht gekommen, um hier Vorwürfe zu machen", sagte sie mehrmals.

Auch der Prager Drogenbeauftragte Jindrich Voboril präsentierte in seinem Vortrag keine überraschenden Thesen. Vielmehr wiederholte er seine Forderung nach Einsatz von Methoden der Seuchenbekämpfung beim Kampf gegen Crystal. Das Problem müsse "epidemiologisch, mit allen rechtlichen, medizinischen, polizeilichen und politischen Ansätzen" angegangen werden. Auch im Hinblick auf die Unterschiede zwischen der deutschen und tschechischen Crystal-Szene bemühte er bekannte Thesen. Demnach dominierten bei der Produktion für den heimischen Markt kleine Heimlabore, während die Nachfrage aus Deutschland von quasi-industriellen Drogenküchen vornehmlich vietnamesischer Krimineller bedient wird.

Rasante Ausbreitung

Diese Sichtweise korrigierte Markéta Cerná, Streetworkerin aus dem Grenzort As/Asch und Geschäftsführerin der Initiative KOTEC, die seit mehr als zehn Jahren Konsumenten im Terrain betreut. Sie beobachte in der Praxis eine massive Ausbreitung von Crystal aufgrund der massiven Produktion professioneller Labors. War in As die Drogenszene vor wenigen Jahren noch "begrenzt und zurückgezogen", begegne man in mancher Stadt heute "fast ausschließlich Intoxikierten".

Die Großproduktion der Drogenmafia bleibt auch in Tschechien nicht ohne Folgen und fordert neue Vertriebswege unabhängig von der Himmelsrichtung. "In den letzten drei Jahren können wir beobachten, wie der Drogenhandel zum florierenden Business wird, das sich zum organisierten Verbrechen auswächst", so Cerná.

Gebannt: deutsch-tschechische Simultanübersetzung für die Gäste im traditionsreichen Café Louvre.
Zur Rolle der vietnamesischen Minderheit im Crystal-Komplex meldete sich Marcel Winter, Vorsitzender der tschechisch-vietnamesischen Gesellschaft, zu Wort. Er betonte, dass nur ein Bruchteil der in Tschechien lebenden Vietnamesen - schätzungsweise 500 Personen - an den verbrecherischen Machenschaften beteiligt sei. Seine Organisation habe eine anonyme Hotline eingerichtet, um aus der Community Hinweise auf Dealer und Labors zu gewinnen, wobei die Informanten vor Vergeltungsmaßnahmen der gefürchteten Narko-Mafia sicher seien. Binnen weniger Monate habe die tschechische Polizei mehr als 100 entsprechende Hinweise entgegennehmen können.

Weit über die rein deutsch-tschechische Perspektive hinaus wiesen die Worte des Weidener Therapeuten Dr. Gerhard Krones. "Die weltweite Verbreitung von Methamphetaminen durch international operierende Banden kann nur eingedämmt werden, wenn Sie als Verantwortliche zu einer europaweiten Strategie im Kampf gegen Crystal beitragen." Der Beifall, den sein Beitrag zum Abschluss des Symposiums erhielt, lässt auf fruchtbarere Diskussionen in der Zukunft hoffen.

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