Bruch mit den Crystal-Klischees

21. Januar 2014
Bruch mit den Crystal-Klischees

China bedient zunehmend den Weltmarkt: Die Polizei beschlagnahmte am 29. Dezember 2013 drei Tonnen Crystal Meth im Dorf Boshe bei der Stadt Lufeng in der südchinesischen Provinz Guangdong. Bilder: Herda Jing Guomin/dpa Das Verstehen eines Phänomens ist der erste Schritt zu seiner Beherrschung. Dabei helfen Horror-Schlagzeilen wie "Einmaliger Konsum von Crystal Meth macht süchtig" ("Die Welt") nicht weiter. "Wir brauchen eine nüchterne Analyse", fordert Gerhard Krones, Leiter der Caritas-Suchtambulanz. Mit einer Serie, die viele Facetten der Drogensucht beleuchtet, wollen wir zur Versachlichung der Debatte im Crystal-Transitgebiet Oberpfalz beitragen.

"In Bayern sind die Crystal-Fälle zwischen 2011 und 2012 um 35 Prozent gestiegen", erklärt Joachim Huber vom Landeskriminalamt. "Die Flut verteilt sich von der Grenze über ganz Bayern - auch in Münchens Partyszene ist die Droge angekommen." Während der Konsum von Heroin und auch Kokain leicht abnehme, steige der Missbrauch von Amphetaminen weiter an - "vor allem seit 2010, als Crystal erstmals in den Asia-Märkten angeboten wurde".

Die Staatsanwaltschaft Hof beantragt durchschnittlich einmal täglich einen Haftbefehl in Sachen Crystal. Die mutmaßlichen Täter kommen aus ganz Deutschland. Behördenchef Gerhard Schmitt sagt, bei den Festnahmen seien immer größere Mengen Crystal Meth im Spiel. Die Staatsanwaltschaften entlang der Grenze hätten inzwischen eine gemeinsame Linie und arbeiteten eng zusammen.

Gute Kooperation mit Prag

"Auch in Tschechien laufen erhebliche Ermittlungen", versichert Schmitt. Auch der Zoll sagt, die Zusammenarbeit klappe gut. Seit einigen Monaten gibt es bundesweit drei Sonderkommissionen "Crystal". Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat schärfere Kontrollen in der Grenzregion angekündigt.
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So notwendig Maßnahmen von Polizei, Zoll und Justiz sind, sie alleine reichen nicht aus, um dem Phänomen Herr zu werden. "Der Hofer Dialog, den Ex-Innenminister Friedrich in Prag initiierte, kann nur ein Mosaikstein sein", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Uli Grötsch, der als Polizist in Waidhaus selbst täglich mit dem Thema konfrontiert war. "Eine Gesetzesinitiative der SPD-Bundestagfraktion zur Prävention hat die Union 2011 ausgebremst."

Zudem verweisen Experten aus Deutschland, Tschechien, Großbritannien und den USA seit langem darauf, dass das gefährliche Aufputschmittel eine lange Geschichte unter verschiedenen Labels hat:

Pervitin oder Crystal-Speed ist ein Methamphetamin - ein hochwirksames Rauschgift auf Amphetamin- basis, das häufig durch Sauerstoffabspaltung aus Ephedrin synthetisiert wird. Dem mutmaßlich Pervitin- Abhängigen Nazi-Diktator verdankt die Droge den Beinamen Hitler-Speed. Deutschen Soldaten wurde das Aufputschmittel aufgedrängt - weil es euphorisiert, Ängste, Müdigkeit und Schmerzempfinden hemmt.

"In den 1950ern galt es als überall als Allheil-Mittelchen", verweist Dr. med. Roland Härtel-Petri, Organisator des Bayreuther Crystal-Meth-Kongresses, auf den legalen Missbrauch der Droge.

"Gegen Depressionen und Übergewicht der amerikanischen Hausfrau verhießen US-Werbungen der "Lady" den Weg "Out of the Dark", heraus aus dem Dunklen, wie Dr. Richard Pates aus Cardiff ergänzt.

"Crystal wurde auch Piloten in den beiden Golfkriegen und im Afghanistan-Einsatz verabreicht", sagt der walisische Drogenexperte.

Die Autoren Richard Lertzman und William Birnes behaupten in ihrem Buch "Dr. Feelgood" dass auch der schmerzgeplagte US-Präsident John F. Kennedy regelmäßig Methamphetamin konsumiert haben soll. Verabreicht worden seien die Spritzen vom New Yorker Arzt Dr. Max Jacobson.

US-Kultserie "Breaking Bad". Wie aktuell das Thema auch noch heute in den USA ist, zeigt die populäre TV-Serie "Breaking Bad" (sinngemäß "Vom rechten Weg abkommen") von Vince Gilligan. Sie zeigt die Wandlung eines an Lungenkrebs erkrankten biederen Chemielehrers zu einem Crystal-Meth-Produzenten. Erfahrene Drogenberater wie Gerhard Krones oder der Vorsitzende des Kreisjugendringes Tirschenreuth, Jürgen Preisinger, stellen einen fatalen Druck zur "Beschleunigung" und "Selbstoptimierung" fest. Speed (engl. Tempo), wie Amphetamine genannt werden, als zeitgemäßes Doping für überforderte Arbeitnehmer?

Psychiater Härtel-Petri findet es keineswegs abwegig, Rückschlüsse auf den Zeitgeist zu ziehen: "Man findet es normal, sich Schönheitsoperationen zu unterziehen oder dass im Radsport gedopt wird." Medizin zu schlucken, um sich selbst zu pushen, werde zu einem gesellschaftlichen Zwang, stellt er bei den Suchtkranken fest, die er betreut.

"Das sind nicht immer die hippen Partygänger", widerspricht der Arzt. "Eine Krankenschwester bekam nach ihrer Scheidung Crystal von ihrer 17-jährigen Tochter, weil sich die Alleinerziehende völlig überfordert fühlte." Ein Handwerker habe sich mit dem Aufputschmittel auf den Beinen gehalten, als er ein Wochenende durcharbeiten musste. Gerhard Krones, Mitinitiator von "Need no Speed", einer inzwischen überregional beachteten konzertierten Aktion, fordert deshalb: "Wir brauchen einen Kulturwechsel."

Dämonisierung nützt nicht

Die Initiative erreichte durch intensive Aufklärungsarbeit eine Enthysterisierung der Debatte: Bei allem Suchtpotenzial des kristallinen Pulvers, "dass man nach einmal süchtig wird oder dem Konsumenten nach ein paar Mal die Zähne ausfallen, ist Unsinn", sagt Krones.

Wo die Reise stattdessen hingehen soll, darüber ist er sich mit Jürgen Preisinger einig: "Jugendarbeit bedeutet, junge Menschen gegen Versuchungen zu immunisieren, die in unserer Erwachsenenwelt lauern." Wenn man dabei ernst genommen werden wolle, gehöre dazu auch die Ehrlichkeit, Drogen nicht zu dämonisieren.

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