Texte für den aktiven Leser

30. Mai 2014

Texte für den aktiven Leser

Gerichtsgutachter Hans-Ludwig Kröber hat in Greiz seinen Band "Mord" vorgestellt. Die Lesung war ausverkauft.

Greiz. Die Macher und Fans der Krimi-Literaturtage Vogtland dürfen sich in der Stadt- und Kreisbibliothek Greiz schon als Stammgäste betrachten. Seit nunmehr drei Jahren ist die Einrichtung mit interessanten Veranstaltungen im Programm der Literaturreihe vertreten. Dienstagabend gab es dort mit knapp 50 Zuhörern einmal mehr ein volles Haus, als Rowohlt-Autor Professor Hans-Ludwig Kröber (63) sein 2012 erschienenes Buch "Mord" vorstellte.

Der gebürtige Bielefelder ist seit 1996 Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité und in dieser Eigenschaft auch ein gefragter Gutachter vor Gericht, wenn es um Fragen der Schuldfähigkeit, Behandlung und Unterbringung psychisch auffälliger Straftäter geht.

Ausgang oft tragisch
Der Prominente las in Greiz zwei der insgesamt neun Texte des Bandes. Er konnte dabei mit "Im Keller" und "Siegfried" alle Befürchtungen ausräumen, dass sich seine Publikation vor allem an Fachleute oder fachlich Interessierte wendet.
Bei Kröber spielt die wissenschaftliche Betrachtung der geschilderten Kriminalfälle nicht die Hauptrolle. Beschrieben wird in knapper, anschaulicher Sprache ihre Anbahnung, ihr Verlauf wie der leider oft tragische Ausgang. Dabei kommentiert oder erläutert der Schriftsteller kaum. Vielmehr ist der Leser gefordert, sich aus den schlüssig dargelegten Fakten selbst ein Bild über mögliche persönliche oder gesellschaftliche Hintergründe zu machen. In "Im Keller" hält ein als gefühlsarm einzuschätzender Täter eine junge Frau in einem versteckt liegenden Gewölbe fest und behandelt sie gegen ihren Willen wie seine Partnerin. Nach einem reichlichen Monat unternimmt er aus Angst vor den Konsequenzen einen Selbstmordversuch, kommt schwer verletzt ins Krankenhaus und die Entführte erleidet - allein gelassen - eine qualvolle Woche ohne Nahrung, bis sie von Verwandten des Entführers entdeckt wird.

Zuhörer fragen nach
In "Siegfried" lernt der Leser einen Mittvierziger kennen, der die Strafe für ein mit vierzehn Jahren begangenes Tötungsdelikt abgesessen hat und unter Auflagen freigelassen wurde. Längere "friedliche" Wegstrecken werden nun - meist bedingt durch unglückliche äußere Anlässe - von teils recht drastischen Ausrastern unterbrochen, die den Mann immer wieder in die Nähe einer erneuten Inhaftierung bringen.
Nach der Lesung gab es eine Reihe Fragen zur Gutachtertätigkeit vor Gericht, namentlich bei einigen strittig verlaufenen Verfahren in Bayern, vornan zu dem Fall Gustl Mollath. Die Antworten fielen recht weitschweifig, teils auch vage aus. Der Gast war sichtlich bemüht, seine Kollegen und sich selbst unter Hinweis auf die besondere Kompliziertheit der Materie in ein möglichst günstiges Licht zu rücken.

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Ulvi Kulac oder Gustl Mollath: Einer der anerkanntesten Forensiker in Berlin
29.05.2014
Hans-Ludwig Kröber, der Forscher und Direktor des Instituts für forensische Psychiatrie der Berliner Charité sowie Gerichtsgutachterd hat das Buch "Mord - Geschichten aus der Wirklichkeit" geschrieben und in der Greizer Bibliothek vorgestellt.

Greiz. Seine Heimatkunde erarbeitet sich Professor Hans-Ludwig Kröber, wie er sagt, über die Standorte der Gefängnisse und des Maßregelvollzugs. Tonna, Mühlhausen, Stadtroda seien Thüringer Orte, an denen der forensische Psychiater bereits tätig war. Der Forscher und Direktor des Instituts für forensische Psychiatrie der Berliner Charité sowie Gerichtsgutachter hat "aus Urlaubs- und Freizeitvergnügen" das Buch "Mord - Geschichten aus der Wirklichkeit" geschrieben. Am Donnerstag stellte er gut 40 Gästen in der Greizer Bibliothek vor.
Kröber gehört zu den anerkanntesten, aber nicht unumstrittenen forensischen Gerichtsgutachtern Deutschlands. Vor allem seine Gutachten in den spektakulären Fällen um den geistig behinderten Ulvi Kulac, der jüngst vom Mordvorwurf an der siebenjährigen Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Lichtenberg frei gesprochen wurde, oder den über Jahre in der bayerischen Psychiatrie zwangsuntergebrachten Gustl Mollath sorgten für Diskussion.
Unabhängig von dessen Entlassung aus der Psychiatrie bescheinigt Kröber auf OTZ-Nachfrage, dass Mollath "psychisch schwer gestört" sei. Auch im Fall Kulac hält der Psychiater es weiterhin für "fragwürdig", ob das widerrufene Geständnis nicht doch zutreffend sein könnte, obwohl im jüngsten Prozess Staats- und auch Rechtsanwalt für Kulac einen Freispruch beantragten, den die Kammer bestätigte. Kröber, der die beiden Fälle als "Raritäten" im Gerichtsalltag bezeichnet, räumt dennoch ein, dass es "im juristischen Sinne zirka 15 Prozent Fehleinweisungen" von Beschuldigten in die Psychiatrie oder den Maßregelvollzug geben würde.
Eingang in sein Buch hätten weniger die aufsehenerregenden Fälle gefunden, sondern solche, die "man üblicherweise nicht kennt". So die Entführung einer jungen Frau, die vom Täter über Wochen als Sexsklavin missbraucht wurde, und den Fall eines Mannes, der wohl aufgrund seiner Alkoholsucht von einer zur nächsten Gewalttat stolperte. Kröber, der sich in Greiz sehr redselig gab, schildert die Fälle sachlich und mit Verständnis für die Opfer, aber auch in gewissem Maß für die Täter.
Am Ende der über zweistündigen Lesung hatten die Gäste einen Einblick in die Sicht- und Arbeitsweise eines forensischen Psychiaters. Es offenbarten sich ebenso jene Bereiche der deutschen Rechtssprechung, die durchaus reformbedürftig sind.

29.05.14

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