Mehr Betten für die Forensik, weniger Bäume im Klinikpark

02. Juni 2014

Mehr Betten für die Forensik, weniger Bäume im Klinikpark
Die Klinik für forensische Psychiatrie in Gehlsdorf soll 20 neue Betten dazubekommen – und deshalb einen Anbau. Das bringt vor allem Probleme in Sachen Denkmal- und Naturschutz mit sich.

Die 80 vorhandenen Betten für Straftäter mit Suchtkrankheiten reichten schon bald nach der Eröffnung der Klinik 2001 nicht mehr aus. "Wir waren schnell überbelegt und schieben seit Jahren eine Warteliste mit zehn, zwölf Patienten vor uns her", sagt Prof. Detlef Schläfke, Leiter der Klinik. Und nennt das größte Problem dabei: "Wenn ein Straftäter nicht untergebracht werden kann, muss er frei gelassen werden."

Der schwarz eingezeichnete l-förmige Baukörper ist der Anbau, der der Klinik für suchtkranke Straftäter in Gehlsdorf 20 weitere Betten bringen soll (zum Vergrößern bitte anklicken). Unten, südlich davon, verläuft die Warnow.

Da auch die beiden anderen forensischen Kliniken im Land in Stralsund und Ueckermünde mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen hätten, seien bislang das Land Schleswig-Holstein und die Stadt Hamburg eingesprungen und hätten Straftäter aus Mecklenburg-Vorpommern übernommen. "Jetzt gibt es bundesweit einen Trend zur Überbelegung, so dass diese Möglichkeit wegfällt."
Einfach zusätzliche Betten hineinzustellen, sei nicht möglich. "Schon eine Belegung von 100 Prozent ist nicht gut. Das Personal ist bei uns für eine Auslastung von 95 Prozent berechnet. Das heißt, eine höhere Belegung bedeutet ein Sicherheitsrisiko."

"Die Landesregierung sucht seit Jahren nach Möglichkeiten für einen Erweiterungsbau. Wir als Betrieb für Bau und Liegenschaften (BBL) sind dem Land unterstellt – und bekamen Ende 2012 den Auftrag, 20 Plätze am Standort Rostock unterzubringen", sagt Robert Klaus, stellvertretender Leiter der Abteilung Hochschul- und Klinikbau der Behörde.
So in etwa soll der Klinikpark künftig wieder aussehen: Mehr freie Blicke auf die Warnow und Rostocks Stadtzentrum, besser begehbare Spazierwege. Grafik: pck Landschaftsarchitektur
Acht Varianten seien daraufhin untersucht worden. Mit dem Ergebnis: Am westlichen Teil des bestehenden Gebäudes soll ein l-förmiger, zweistöckiger Anbau errichtet werden. Der einen Innenhof für die Insassen umschließt – und weit an den denkmalgeschützten historischen Krankenhauspark von 1910 heranreicht. Zu weit.
"Wir sind noch in Detailabstimmungen, müssen Auflagen der Unteren Naturschutzbehörde erfüllen", sagt Robert Klaus. Man müsse sich den "Artenschutz näher angucken". Dazu zählt ein Baumkataster, in dem jeder einzelne zu fällende Baum beschrieben wird. "Das werden wir im Juni nachreichen."

Für den Anbau müssen auch die äußeren Sicherheitsanlagen verändert werden. Die sechs Meter hohe Innenmauer und der 4,5 Meter hohe Außenzaun werden ein Stück verlegt und verlängert. Im Anbau selbst werden die Fenster aller Patientenzimmer zum Innenhof hinausgehen. Die Fenster hin zur "Außenwelt" zählen zu Personal-, Therapie-und Nebenräumen. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen wird der Anbau einen großen Dachüberstand bekommen – damit niemand hinaufklettern kann. Die Fassade wird in Anlehnung ans bestehende Gebäude in roten Klinkern gestaltet.
So wie das schon bestehende Gebäude soll auch der Anbau des Maßregelvollzugs gestaltet werden. Grafik: BBL
Der Außenzaun muss mindestens sechs Meter entfernt sein vom nächsten Baum – ebenfalls, damit keiner dort hinüberklettert. Insgesamt müssen 50 Bäume für den Neubau gefällt werden, sagt Robert Klaus. Und präzisiert: "Kleinere und größere. Mit einem Stammdurchmesser zwischen 10 und 50 Zentimetern. Es sind durchaus schützenwerte dabei." In den zuständigen Behörden werden zurzeit geklärt, wo als Ausgleichsmaßnahme Neupflanzungen erfolgen. "Wir wollen, dass das hier in der Umgebung passiert."

Ebenfalls zum Ausgleich für die Eingriffe muss der BBL eine "Denkmalpflegerische Zielstellung" für den Park entwickeln und zum Teil umsetzen lassen – eine Auflage der Denkmalpfleger. Schwerpunkt ist darin der warnownahe Südteil des Parks zwischen Forensik und dem waldartigem Parkbereich im Westen. Dort sollen die Blickbeziehungen zum Wasser und hin zu Rostocks Innenstadt wieder hergestellt werden, ebenso die Spazierwege. Auch dafür müssen ungeplant gewachsene Bäume und Sträucher weichen. Ziel ist es, den Park in den Zustand vom Ende des Zweiten Weltkriegs zurückzuversetzen: mit weiten Wiesenflächen, lockerem Baumbestand, kleineren Gehölzen und einem Spazierwegesystem für Anwohner und Patienten der Gehlsdorfer Univiersitätsklinik.

Ortsbeirats-Chef Kurt Massenthe ist das zuviel der Abholzung: "Gegen den Neubau in dieser Form habe ich nichts. Aber mit dem Gartenkonzept kann ich überhaupt nicht leben." Robert Klaus antwortet auf seine Bedenken: "Sichtachsen herstellen heißt nicht, dass wir durchroden." Hier stünden zwei Interessen gegeneinander, deren Abwägung noch läuft: Die Denkmalschützer wollen den Park im Originalzustand wiederherstellen, die Naturschützer wollen so wenig hergeben wie möglich. Robert Klaus’ Chef Uwe Sander schlägt einen Ortstermin mit dem Ortsbeirat vor Beginn der Fällarbeiten vor. "Man muss gucken, wie groß die Bäume sind, wie krumm – das würden wir ihnen gern vor Ort erläutern." Ein Vorschlag, den der Ortsbeirat gern annahm.

Auf die Frage von Ortsamtsleiter Wolfgang Westphal, warum nicht auf der anderen Seite angebaut wird, hin zum Wald, antwortet Robert Klaus: "Zum Wald müssten wir mindestens 30 Meter Abstand halten. Dafür müsste ein Waldumwandlungsverfahren erfolgen, dass uns nie genehmigt worden wäre." Unter anderem, weil das an die Forensik angrenzende Gelände im Außenbereich liege. Auch die Variante einer Aufstockung des vorhandenen Gebäudes sei untersucht worden. "Für die Zeit der Bauarbeiten hätten wir einen Flügel komplett sperren müssen. Und wir hätten eine enorme Mauer erzeugt, eine Hochhauswirkung, die den Park endgültig zerstört hätte." Aus seiner Sicht ist die nun favorisierte "die rechtlich gangbare Variante, wenn auch mit Bauchschmerzen".

Zum Jahreswechsel habe der BBL den Bauantrag gestellt und müsse jetzt die Auflagen bearbeiten, die daraufhin erteilt wurden. Sobald das Einverständnis der Naturschutzbehörde vorliegt, würden Ortsbeirat und Bürgerschaft über das Gesamtvorhaben entscheiden. "Unser Ziel ist, dass dies kurz nach der Sommerpause passiert. Spätestens zu Beginn der Fällsaison im Oktober, damit wir dann mit dem Fällen beginnen können."

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