Besuch bei der Drogen-Selbsthilfegruppe

Besuch bei der Drogen-Selbsthilfegruppe
30. Mai 2014

Russel Brand hat seine Drogensucht nach eigener Aussage mit Narcotics Anonymous überwundern.Russel Brand hat seine Drogensucht nach eigener Aussage mit Narcotics Anonymous überwunden.
In den letzten Wochen haben wir uns im Blog oft mit Drogen, Sucht und Partys auseinandergesetzt, und auch der Tages Anzeiger hat eine grosse Geschichte über den Letten und den Platzspitz gebracht – deshalb dachten wir uns, es wäre auch mal interessant, Leute zu besuchen, die den Ausstieg aus der Sucht geschafft haben.

Leute wie Johnny Cash, Russel Brand, Robby Williams oder Dave Gahan von Depeche Mode geben an, mit einem 12-Schritte-Programm von den Drogen losgekommen zu sein. Das machte uns neugierig und wir besuchten ein Meeting von Narcotics Anonymous in Zürich, einer Selbsthilfeorganisation für Drogensüchtige, die wie die Anonymen Alkoholiker mit einem 12-Schritte-Programm arbeitet.
«Anonymität ist die Grundlage aller unserer Prinzipien» war eines der ersten Dinge, die ich über die Gemeinschaft hörte. Die Teilnehmer der Meetings müssen sich absolut sicher sein, dass ihre Namen und Identitäten geschützt werden.

Die Szene kennt man aus verschiedenen Filmen, ja sogar aus einem Video von Eminem: Ein Raum voller Stühle, in der Mitte ein Tisch und darum sitzen die Meetingsteilnehmer, Kaffee wird ausgeschenkt, Kekse liegen auf dem Tisch.

Banker, Bauarbeiter und Mittelstandsmamas
In diesem Fall ist es eine sehr heterogene Gemeinschaft, die sich hier zur Selbsthilfe trifft. Hatte ich doch so meine Vorstellungen eines Treffens von Ex-Junkies, wurden diese jetzt vollständig widerlegt. Die Leute, die hier sitzen, sind bunt gemischt. Da sitzt ein Geschäftsmann im Anzug, eine junge Frau aus dem Mittelstand, ein volltätowierter Mann um die Dreissig. Später erklärt mir ein Mitglied: «Uns interessiert weder, welche Drogen du genommen hast, oder wie viele. Es ist egal, wie du dir deine Drogen beschafft hast oder wie viel oder wie wenig Geld du hast. Egal, ob du als Oma deine Tabletten vom Arzt holtest, deine Pillen an Partys eingeschmissen, den Schnaps im Wohnzimmer getrunken oder deine Spritze in der Gosse gesetzt hast, du bist willkommen. Sucht ist eine Krankheit, die sich nicht an soziale Zugehörigkeit, an Substanzen oder an andere Eingrenzungen hält.» Auf dem Tisch liegen Flyer mit Infos. «Wenn Du Drogen nehmen willst, ist das Deine Sache. Wenn Du damit aufhören willst, können wir Dir dabei helfen» steht auf einem.
Das Meeting beginnt. Der erste Sprecher stellt sich vor: «Ich bin XXXX und ich bin süchtig.» Auch das kennt man aus vielen Filmen. Danach lesen die Gruppenmitglieder kurz aus den Grundlagen der Gemeinschaft. Das Wort «Gott» und « Höhere Macht» fällt einige Male und ich werde etwas misstrauisch, hab ich doch meine Mühe mit religiös orientierten Organisationen. Nach dem Meeting erklärt mir ein Teilnehmer, was es damit auf sich hat: «Wir haben nichts mit Religion am Hut. Bei uns sind Atheisten, Christen, Moslems, Buddhisten und Leute, die sich ihre spirituelle Leitfigur selbst zusammengebastelt haben. Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass es wirksam ist, der grossen Macht, die die Sucht über unser Leben hatte, eine andere höhere Macht entgegenzustellen. Wie diese aussieht, ob ein positives Lebensprinzip, die Familie, das Universum oder Gott, ist jedem Mitglied selbst überlassen. Wir empfehlen nur, dass diese Kraft fürsorglich und grösser als man selbst ist.» Damit kann ich leben.

Schwarzer Humor und Offenheit
Im Meeting sind wir inzwischen beim «Teilen» angekommen. Hier hat jeder einen geschützten Sprechraum. Das heisst, jeder kann erzählen was ihn beschäftigt, ohne unterbrochen zu werden. Es wird nicht diskutiert oder geurteilt, alle hören zu, bis der Sprecher geendet hat – dann kommt der Nächste. Sowas wünschte ich mir für meine Arbeitsmeetings.
Von den Leuten an diesem Meeting bringt jeder seine eigene tragische Geschichte mit: Leute, die erst einige Tage «clean» sind, Leute, die schon einige Jahre ohne Drogen leben, Leute, die gerade einen Rückfall hinter sich haben. Man würde erwarten, dass die Stimmung betroffen und vielleicht etwas traurig ist. Aber dem ist überhaupt nicht so. Das viele Lachen und der (manchmal wirklich schwarze) Humor zeigen, wie offen diese Menschen ihre eigenen Problematik gegenüber sind. «Egozentrik, die Vorstellung, dass deine Sucht die schlimmste sei, ist ein Teil der Krankheit. Wenn wir lachen, lachen wir über das Wiedererkennen der eigenen Schwächen im Gegenüber. Unser Lachen zeigt, dass wir genau wissen, wie das Gegenüber sich fühlt, und dass wir den gleichen Blödsinn auch schon durchgemacht haben.»
Ich bin berührt von der Ehrlichkeit der Geschichten, die ich hier höre. Nicht alles dreht sich um Drogen. Manche Dinge sind auch Nichtsüchtigen aus dem Alltag bekannt: Wie schaffe ichs, über den Tag zu kommen, ohne meinem Chef den Hals umzudrehen. Wie gestehe ich meiner Familie ein, dass ich ihnen nicht die ganze Wahrheit oder eine geschönte Version erzählt hab. Wie geh ich mit meiner Eifersucht um. Dinge, die man sogar einem Freund nur selten anvertrauen würde, werden hier mit Fremden geteilt. «Man ist so krank wie seine Geheimnisse», sagt ein Mitglied. «Wenn du etwas Unangenehmes in dir verschliesst, gärt und wächst es und macht dich krank. An den Meetings findet auch eine Reinigung statt.»
Inzwischen nähert sich das Meeting dem Ende. Alle stehen auf und begeben sich in einen Kreis. Die Hände des Bauarbeiters liegen auf den schmalen Schultern des Bankers, dessen Arm hält ein kleines Punkgirl. Der Abschiedsspruch wird gemeinsam aufgesagt, ohne alle Peinlichkeit, und man versichert sich gegenseitig, dass man wiederkommt.

Keine Hierarchie, keine Gelder von Aussen
Draussen vor dem Meetingsraum rauchen einige, man quatscht. Auf die Frage nach der Organisation, dem Geld und der Hierarchie erklärt mir einer, der schon eine Weile clean ist: «Jedes Meeting ist unabhängig. Die Teilnehmer geben kleine Beträge für Raummiete, Kaffee und den Druck der Flyer, jeder, was er sich leisten kann oder will. Wir lehnen Spenden von aussen ab. Auch stehen wir nie unter Aufsicht, haben nichts mit politischen oder religiösen Gruppen zu tun. Wir sind unabhängig von Justiz, Polizei oder anderen Institutionen, obwohl manche Kliniken und Therapiestationen uns Räume gegen eine kleine Miete zur Verfügung stellen.» Niemand verdiene, alle Arbeiten seien freiwillig. Alle Entscheidungen würden von den anwesenden Gruppenmitgliedern basisdemokratisch gefällt, egal, wie lange sie bei der Gemeinschaft seien. «Wenn Süchtige einander helfen clean zu bleiben, ist das meist erfolgreich.»
Ich frage eine Frau, die noch nicht so lange dabei ist, warum sie an die Meetings gehe. «Ich habe alles andere versucht. Mehrere Entzüge, mehrere stationäre Therapien, es hat nie gereicht, mich lange clean zu halten. Therapeuten in allen Ehren, aber die meisten, die sich professionell mit Sucht beschäftigen, verstehen nicht wirklich, was es bedeutet, süchtig zu sein. Sie sehen die Krankheit von aussen. Als ich an meinem ersten Meeting Leute sah, die schon einige Jahre clean lebten, und deren Lebenslauf sich nicht gross von meinem unterschied, dachte ich mir, von denen kann ich was lernen. Die wissen, wovon sie sprechen.» Sie habe mit dem Prinzip «Nur für heute» die ersten Erfolge verbucht. Damit ist gemeint, dass ein Süchtiger nicht sein Leben lang clean sein muss, sondern nur für heute. Und das einen Tag nach dem anderen. Einen Tag clean zu überstehen ist etwas, das man sich vorstellen kann, das zu bewältigen ist. «Danach habe ich mich ins 12-Schritte-Programm eingearbeitet. Das Programm hilft dir nicht nur clean zu bleiben, sondern ein Mensch zu werden, der keine Drogen mehr nehmen will, um mit sich und seiner Umwelt klar zu kommen.»
Die Leute verabschieden sich, gehen noch gemeinsam etwas trinken oder nach Hause, in ihren normalen Alltag. Ein ganz wenig beneide ich sie um ihre Gemeinschaft, um das Gefühl, grundsätzlich verstanden zu werden, sich öffnen zu können und miteinander verbunden zu sein.

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