Genossenschaftlich organisiert

01. Juni 2014

Genossenschaftlich organisiert

Mieten und kaufen: Diese Art von Wohnraumbildung ist den meisten geläufig. Doch es gibt noch einen dritten Weg: gemeinnütziger Wohnbau. Das Konzept verspricht nicht nur soziale Gerechtigkeit, sondern könnte auch eine Lösung zukünftiger Probleme sein.
Neben Nahrung und Kleidung zählt eine Unterkunft – ob nun gemietet oder gekauft – zu den Grundbedürfnissen eines jeden Menschen. Leider ist es nicht für alle gleich leicht, eigene vier Wände zu finden, in denen man sich wohlfühlt und die man sich leisten kann. Und in Zukunft wird es für die Bevölkerung in den industrialisierten Nationen nicht einfacher werden, geeigneten Wohnraum zu finden. Überalterung, Verstädterung, ungleiche Einkommensverhältnisse und Bevölkerungswachstum führen dazu, dass der verfügbare Wohnraum knapp wird. Die logische wirtschaftliche Folge einer solchen Angebotsverknappung: steigende Mieten und Grundstückspreise. Es besteht die Gefahr, dass Geringverdiener je länger je mehr auf der Strecke bleiben und vom Staat unterstützt werden müssen, um sich eine Wohnung leisten zu können.

Gemeinnütziger Wohnbau

Wird der Staat der Zukunft also vermehrt Sozialgelder aussprechen müssen, damit Menschen sich ein Zuhause leisten können? Nicht unbedingt. Denn schon heute gibt es private Organisationen, die sich für bezahlbare Wohnungen einsetzen. In der Schweiz sind dies beispielsweise die gemeinnützigen Wohnbauträger. Dies sind insbesondere Wohnbaugenossenschaften, aber auch Stiftungen sowie gemeinnützige Vereine und Aktiengesellschaften. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, preisgünstige Wohnungen zu erstellen, zu sichern und zu erneuern. Ihren Mietern überlassen sie den Wohnraum in der Regel zu einer Kostenmiete – das heisst zu einem Preis, der lediglich zur Deckung der laufenden Ausgaben beiträgt. So kommt es, dass beispielsweise Wohnungen einer Wohnbaugenossenschaft im Schnitt 20 Prozent günstiger sind als andere. Zudem verzichten die gemeinnützigen Wohnbauträger auch auf spekulative Gewinne, wodurch der günstige Mietpreis langfristig gesichert werden kann.
Derzeit gibt es in der Schweiz rund 260000 solcher kostengünstiger Wohnungen – weit mehr als die Hälfte davon werden von Wohnbaugenossenschaften bereitgestellt. Umgerechnet gehört fast jede zwanzigste Wohnung in der Schweiz einer gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft.

Der Staat hilft mit

Dass die Schweiz einen relativ starken Anteil gemeinnütziger Wohnungen zählt, kommt nicht von ungefähr. Er fusst auf einer grossen Tradition der lokalen, gemeinschaftlichen Selbsthilfe und der Verdienst unzähliger Pioniere, die viel freiwillige Arbeit geleistet haben. Aber Selbsthilfe alleine hätte oft nicht genügt. Sehr viele Wohnbaugenossenschaften wurden in ihren Anfängen von der öffentlichen Hand unterstützt. Städte und Gemeinden stellten ihnen günstiges Land zur Verfügung oder beteiligten sich am Genossenschaftskapital. Einzelne Kantone und der Bund halfen mit zinsgünstigen Darlehen und Bürgschaften. Die meisten dieser Unterstützungen waren zeitlich begrenzt und sind, wenn sie in Form von Darlehen erfolgten, längst zurückgezahlt.
Auch heute unterstützen Staat, Kantone und Gemeinden den sozialen Wohnbau durch verschiedenste Instrumente wie Fonds, Darlehen oder Bürgschaften. Grob geschätzt sind aktuell etwa 10 Prozent aller gemeinnützigen Wohnungen in der Schweiz durch die öffentliche Hand subventioniert. Ansonsten aber vermögen sich die gemeinnützigen Wohnbauträger in der Regel selbst zu finanzieren.

Die Gesellschaft profitiert

Vom sozialen Wohnbau profitieren nicht nur jene, denen der günstige Wohnraum zur Verfügung gestellt wird, sondern auch die Gemeinschaft als Ganzes. So gibt es beispiels-weise Wohnbaugenossenschaften, die Wohnraum speziell für Senioren, Behinderte und Pflegebedürftige zur Verfügung stellen. Zudem entlasten billigere Wohnungen in bestimmten Fällen auch den Staat, da dieser weniger Mietbeihilfen für sozial Schwächere sprechen muss. Und auch in Bezug auf Solidarität und Selbsthilfe trägt sozialer Wohnbau einiges zum gesellschaftlichen Gefüge bei: In vielen Fällen bieten Wohnbaugenossenschaften nämlich zusätzliche Ange­bote, die von Siedlungslokalen über Nachbarschaftshilfe bis zum eigenen Sozialdienst reichen können. Vor diesem Hintergrund könnte man den sozialen Wohnbau als eine Lösung für einige jener Probleme betrachten, denen sich die Gesellschaft in der Zukunft stellen muss. Er kann nämlich nicht nur zu sozialer Gerechtigkeit beitragen, in dem er Geringverdienern Wohnraum bietet, sondern schafft gerade in Bezug auf die Überalterung eine spannende Alternative zu Pflege- und Altersheimen.

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