Selbsthilfegruppe für türkischsprachige Menschen in Gelsenkirchen

Selbsthilfegruppe für türkischsprachige Menschen in Gelsenkirchen

Gelsenkirchen. Auch Menschen mit Migrationshintergrund können seelische Probleme haben. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Doch für sie ist es oft besonders schwer, sich in deutschsprachigen Selbsthilfegruppen zu öffnen. Nevin Karatas hat Abhilfe geschaffen. Keine Lösung für alle Probleme, aber einen ersten Schritt.
Nevin Karatas sagt nicht gern „psychische Erkrankung“. Sie spricht lieber über „Menschen mit seelischen Gesundheitsproblemen“. Und vor allem: Sie spricht mit ihnen. Mit Menschen, die alle etwas gemeinsam haben: türkische Wurzeln – und Probleme. Weil der Dreiklang Körper, Geist, Seele aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die Sozialpädagogin (45) und psychosoziale Beraterin ist beruflich eine Wanderin zwischen den Welten. Sie weiß, dass Frauen und Männer mit Migrationshintergrund mit ihren seelischen Problemen sich kaum in Selbsthilfegruppen öffnen. „Die sprachliche Barriere ist ein Hindernis“, sagt Nevin Karatas.
Aber selbst ihre gut deutsch sprechenden Klienten erzählen lieber in der Muttersprache, was sie krank macht. „Viele fühlen sich auch wegen des kulturellen Hintergrunds nicht verstanden“, weiß Karatas aus ihren Beratungsangeboten, die sie zweimal wöchentlich im Nienhof in Buer und zweimal die Woche bei der Awo an der Paulstraße in Bismarck anbietet. „Die Zahl der Menschen mit seelischen Problemen steigt.“ Und aus dem wachsenden Bedarf hat Nevin Karatas gemeinsam mit der Selbsthilfe-Kontaktstelle ein neues Angebot entwickelt: eine Selbsthilfegruppe allein für türkischsprachige Menschen.
Symptome werden anders erlebt
Wenn seelische Erkrankungen vorlägen, seien die Symptome gleich. „Aber man erlebt es anders. Bei uns äußert sich das so: ,Mir tut der ganze Körper weh, ich habe überall Schmerzen“, schildert Karatas den Unterschied. Während andere sagen, sie fühlen sich ausgelaugt, fertig, überfordert und somit dem Arzt gleich wichtige Hinweise geben würden, werde der depressive Leidensdruck bei Patienten mit türkischen Wurzeln oft nicht oder erst sehr spät erkannt. Die Betonung der Schmerzen am ganzen Körper führe obendrein oft zu Fehldiagnosen bis hin zur Verordnung falscher Medikamente.

Nevin Karatas ist so zu erreichen: dienstags (10.30 bis 15.30 Uhr) und donnerstags (9.30 bis 16 Uhr) in der Beratungsstelle Nienhof, 3598 3003. Montags (10–14.30 Uhr) und mittwochs (10–15 Uhr) ist sie im Migrantenzentrum, 70 28 908, zu erreichen. Email-Kontakt: kontaktundberatung@nienhof.de. Info gibt es auch bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle unter: 91 32 810.
Wie hoch der Leidensdruck auf der einen und der Hilfebedarf auf der anderen Seite ist, dafür mag das Beispiel einer Frau aus dem Osten der Türkei stehen: Mit 13 Jahren wurde sie zwangsverheiratet, musste fortan im Haus der Schwiegereltern „dienen“, bekam drei Kinder, folgte dem Ehemann nach Deutschland. Nie hat sie geklagt, mit keinem Menschen darüber gesprochen.

Überbrückung für die Wartezeit auf einen Termin
„Das alles kommt jetzt bei ihr hoch“, erzählt Nevin Karatas. Im Gespräch mit der Sozialpädagogin hat sich die Frau erstmals geöffnet. Dabei, betont die 45-Jährige, verstehe sich die Beratung als Überbrückung während der Wartezeit auf einen Termin beim Psychotherapeuten; zwei türkischstämmige gibt es in Gelsenkirchen. Das erklärt die Wartezeit auf einem Termin. Wobei: Die Selbsthilfegruppe ist kein Ersatz für eine Therapie – zumal, wenn zum Beispiel Depressionen medikamentös behandelt werden müssen.
Aber die neue Gruppe bietet im geschützten Raum die Möglichkeit des muttersprachlichen Austausches. Die Ziele der neuen Gruppe fasst Karatas so zusammen: „Wir wollen helfen, aufklären, die Aufmerksamkeit der Menschen für seelische Probleme schärfen und die Stigmatisierung aufheben.

Mehr dazu

Kommende Termine

Benutzeranmeldung