Bei Depressionen nicht immer die heile Welt vorspielen

Bei Depressionen nicht immer die heile Welt vorspielen

Die Rellingerin Nesrin Isik-Erdagi, 33, hat in Pinneberg eine Selbsthilfegruppe für türkischsprachige Frauen mit Depressionen und Übergewicht ins Leben gerufen. Das Thema ist bei Migrantinnen ein Tabu.

Pinneberg. Nesrin Isik-Erdagi ist 33 Jahre alt und weiß, wovon sie spricht. "Ich habe mal 135 Kilogramm gewogen und hatte depressive Verstimmungen", sagt die Deutsch-Türkin, die mit ihrem Mann Selcuk, 37, und ihrem neunjährigen Sohn Umut in Rellingen lebt. Jetzt hat die sie eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen: für türkischsprachige Frauen mit Depressionen und Übergewicht.

"Gerade unter Migranten sind Themen wie Depression und Übergewicht ein Tabu", sagt Nesrin Isik-Erdagi. "Darüber spricht niemand. Wir bieten die Möglichkeit, in einem geschützten Raum die eigene Scham zu überwinden und ohne Sprachbarrieren mit Gleichgesinnten zu sprechen."

Die neue Selbsthilfegruppe trifft sich jeweils am zweiten Mittwoch eines Monats um 19 Uhr: Im Treffpunkt proMI – ein Projekt der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Bildung und Arbeit Pinneberg – an der Mühlenstraße 55c in Pinneberg. Weitere Informationen gibt es unter der Rufnummer 04101/5003490 bei der Zentralen Kontaktstelle für Selbsthilfe oder bei proMI unter der Rufnummer 04101/8557583.
"Die Selbsthilfegruppe für türkischsprachige Frauen mit Depressionen und Übergewicht ist unsere erste Gruppe, die in der Muttersprache durchgeführt wird. Die Muttersprache ist eine der zentralen Säulen der Identität", sagt Wolfram Gambke, 54, Projektleiter von Awo Bildung und Arbeit Pinneberg. "Depressionen und Übergewicht dürften bei deutschen und türkischsprachigen Frauen in gleichem Ausmaß vorkommen. Aber türkischsprachige Frauen haben es schwerer, damit umzugehen." Diese Erfahrung hat auch Nesrin Isik-Erdagi gemacht, als sie jünger war. Ihre Eltern trennten sich.
"Mutter und Vater hatten ein türkisches Restaurant mit 80 Plätzen in Hamburg-Hamm, das war ein Familienbetrieb. 1996 haben sie dann ein größeres Restaurant eröffnet und sich vollkommen übernommen. Leider zerbrach daran auch die Ehe meiner Eltern", erzählt die 33-Jährige. Der Vater zog im Jahr 2002 aus dem gemeinsamen Zuhause aus. "Meine Mutter hat niemandem davon erzählt und wollte immer als starke Frau dastehen", sagt die Tochter. "Sie wollte allen immer eine heile Welt vorspielen. Aber sie begann, unter Depressionen zu leiden."
Vor vier Jahren hatte Nesrin Isik-Erdagi ihr Höchstgewicht. Dann begann sie abzunehmen. 2012 wog sie nur noch 75 Kilogramm. " Silvester brachte ich dann 95 Kilogramm auf die Waage, aber ich habe wieder auf 81 Kilogramm abgenommen", sagt sie. Ihr Übergewicht, meint Nesrin Isik-Erdagi heute, sei wohl nicht nur vom Appetit allein gekommen. "Vielleicht habe ich die Trennung meiner Eltern und das Ende der heilen Welt doch nicht so gut weggesteckt damals."
Die Krankenkassen unterscheiden nicht zwischen deutschen und ausländischen Versicherten. So gibt es keine Daten darüber, ob türkischsprachige Frauen stärker unter Depressionen und Übergewicht leiden als deutsche.
Fest steht indes: Psychische Erkrankungen, vor allem Depressionen, haben in Deutschland sehr stark zugenommen. "Von 2000 bis 2012 ist die Zahl der Fehltage in Schleswig-Holstein aufgrund psychischer Erkrankungen um 84 Prozent gestiegen", sagt Thomas Ehlert von der DAK-Gesundheit in Pinneberg. Auf 100 Versicherte kamen im Jahr 2012 allein wegen Depressionen 94 Fehltage in Schleswig-Holstein.
"Wir wollen uns in der Selbsthilfegruppe gegenseitig zuhören und verstehen", sagt Nesrin Isik-Erdagi. Sie ist bereits als ehrenamtliche Dolmetscherin beim Pinneberger Awo-Projekt Migranten helfen Migranten (miHmi, Siemensstraße 6a, Telefon: 04101/3757871) tätig. "Wir werden Erfahrungen in vertrauensvoller Atmosphäre austauschen", sagt sie. "Wir lachen so oft wie möglich und ermutigen uns immer wieder, aktiv etwas für unsere Gesundheit zu tun."
Die neue Selbsthilfegruppe könne aber weder den Arzt noch den Therapeuten ersetzen. "Unsere Gespräche können helfen, den Alltag zu erleichtern", sagt die Rellingerin. "Weil wir ähnliche Probleme haben, können wir voneinander lernen und anderen eine Hilfe sein."

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