Psychiater Bonelli: Kirche hat Wert der Askese vergessen

Psychiater Bonelli: Kirche hat Wert der Askese vergessen

Die Kirche wäre in den Augen des Wiener Psychiaters und Psychotherapeuten Raphael Bonelli gut beraten, würde sie die Askese wieder neu für sich zu entdecken.

"Dass man über seinen Schatten springen muss, um eine Tugend zu erreichen, wird kaum wahrgenommen. Das ist ein Defizit, bleibt die Verkündigung damit doch sehr an Gewohntem hängen", erklärte der Leiter des Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP) im Vorfeld der Fachtagung "Neurose und Askese", die am Samstag im Wiener Palais Liechtenstein stattfindet.

Essen als unreflektierte Art der Askese
Heute sei das Wort "Askese" unpopulär, dennoch spricht Bonelli von einer "asketischen Gesellschaft": "Viele Menschen arbeiten sehr an sich, hören mit dem Rauchen auf, fasten oder betreiben Sport. Fitness-Center schießen nur so aus dem Boden, während Völlerei verachtet und ein durchgestylter, asketischer Körper bewundert wird." Besonders beim Essen sei dies zu beobachten, wo fast jeder unreflektiert irgendeine Form von Askese in Anspruch nehme, so der Tagungsleiter. Allgemein begreiflich sei, dass der heutige Überfluss Reduktion nötig mache, doch zeigten etwa die boomenden Essstörungen, dass Verzicht auch krankhafte Formen annehmen kann.
Aus Sicht der Psychotherapie ziele Askese auf jenen Spielraum ab, den der Mensch neben seiner Prägung durch Gene und Umwelt zur Verfügung hat. "Diesen Spielraum größer zu machen, um das Herz zu stärken, den Kopf zu ordnen und die Bauchgefühle zu kultivieren, ist der Sinn der Askese", so der Psychiater. Fähigkeiten und Tugenden könnten auf diese Weise erworben und Schwächen verringert werden. Im psychotherapeutischen Prozess gehörten Musterunterbrechen, Perspektivenwechsel und Gedankenstopp ebenso zum Alltag wie die Anstrengung, um die dabei angestrebte Veränderung von Automatismen zu erreichen.

Franziskus, Ghandi, Mutter Teresa
Im religiösen Kontext habe Askese immer die Offenheit für Gott vor Augen. Bonelli: "Beispiele wie Franziskus, Gandhi oder Mutter Teresa zeigen, wie sehr Bedürfnislosigkeit und Selbstrücknahme in Verbindung mit Gebet ein Königsweg zur Mystik sein können." Ein Wert an sich sei die Askese dabei jedoch noch nicht, betonte der Psychiater, könne sie doch auch von Gott entfernen und zum Selbstzweck werden. Viele Heilige hätten von übertriebenen asketischen Übungen abgeraten - "da man sonst beginnt, auf sich stolz zu sein". Andererseits würden viele auch kirchliche Angebote wie etwa zum Heilfasten oder Entschlackung das Ziel der Gottesbeziehung oft außer Acht lassen.
Mit der Wiener Tagung, die vom RPP-Institut gemeinsam mit der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, dem Berufsverband der Psychologen und der Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems veranstaltet wird, will Bonelli einen Reflexionsprozess in Gang bringen: "Die Frage, wozu Askese dient und wo sie auf Abwege führt, ist wichtig, um das Gesunde an ihr neu herauszuarbeiten und den Blick zu öffnen für jene Askese, die dem Menschen gut tut."

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